2 Thiermedicinsche Rundschau etec.
1891. No. 1.
bereits gerathen waren. Während der Redacteur des neuen Berliner Blattes meinte, um mit Director Fricker's trefflichen Worten zu reden, es müsse„das Ganze halt“ geblasen werden, hielt es Professor Sussdorf¹)„für eine Pflichtver- gessenheit, wenn sich nicht die Thierärzte zu einem energischen Protest erheben wollten. gegen eine Degradirung der thierärztlichen Wissen- schaft nach der wissenschaftlichen und socialen Richtung“. 2=
Der Redacteur der neuen Berliner Zeitschrift hatte dann in seinem Blatte weiter erklärt. „dass durch die Erhebung der thierärztlichen Lehranstalten zu Hochschulen das Ansehen, die Qualität der Studirenden erheblich erhöht worden sei, und dass durch jene Erhebung das Ansehen der Thierärzte mehr gestiegen sei, als es durch das Abiturientenexamen gefördert wäre“. Professor Sussdorf bemerkte hierzu in der öffent- lichen Sitzung des deutschen Veterinärrathes:
„Ich kann die eminente Steigerung des An- schens unseres Standes, wie er aus der„Er- hebung“ unserer Lehranstalten zu Hochschulen entsprungen sein soll, nicht anerkennen. Und wie steht es mit der Qualität unserer Studirenden? Nun, ich will zugeben, dass das Bewusstsein, Angehöriger einer Hochschule zu sein, die älteren Elemente, wo es nöthig war, zu einem äusserlich besseren Auftreten veranlasst und denselben auch neue Elemente von besserer Qualification zugeführt hat, als diejenige ist, welche ein gewisser Procentsatz unserer Studi- renden mitbringt— aber ebensowenig wie die Modernisirung bezw. Restaurirung eines Ge- bäudes die Qualität seiner Einwohner zu peein- flussen vermag, so wenig kann„die neue Firma am alten Hause“, wie einige objectiv und leiden- schaftslos denkende Männer die Erhebung unserer thierärztlichen Lehranstalten genannt haben, die Qualität unserer academischen Jugend erheblich heben. Ich möchte es vielmehr für eine Selbstüberhebung halten, zu glauben, dass durch diese Aeusserlichkeit allein das An- schen des thierärztlichen Standes mit einem Schlage einen nur einigermassen bemerkbaren Aufschwung genommen hätte. Nicht das Kleid, dass er zur Schau trägt, macht den Werth des Menschen, sondern sein inneres Wesen und sein Kern“.
Ganz besonders bedeutungsvoll und charakte- ristisch waren die Worte des Präsidenten des deutschen Veterinärraths Dr. Lydtin am Schlusse der Verhandlungen über die Vorbildungsfrage.
¹) Amtlicher Bericht der Verhandlungen des deutschen Veterinärrathes 1891.
Dr. Lydtin erklärte,„dass die Süddeutschen es nicht verstehen konnten, dass die Abhand- lungen in der„Berliner Wochenschrift“ ein„Halt“ oder gar einen Rückschritt in der thierärzt- lichen Bildungsfrage anzeigten“.„Die Sache erklärt sich aber leicht. Die Berliner thierärztliche Wochenschrift ist eine preussische Zeitschrift, sie vertritt die Ansicht der preussischen Thierärzte und das ist ihr Recht. Die Süddeutschen haben vergessen, dass die gedachte Wochenschrift die Sachlage in erster Linie vom preussischen Standpunkte aus beurtheilt. Ich möchte eine Bitte an Herrn Dr. Schmaltz richten, die dahin geht, es möchte die von ihm redigirte Zeitschrift uns in Süddeutschland gerecht werden und auch unser Standpunkt in diesen Verhandlungen Ver- tretung finden, so dass wir dazu kommen können, diese Zeitschrift als eine deutsche ansehen zu können“.
Da nun die Berliner Zeitschrift niemals die Ansichten der preussischen Thierärzte ver- treten hat in der ganzen Frage— den Beweis haben wir in Band V, No. 14 dieser Zeitschrift erbracht— so geht daraus hervor, dass jenes Blatt durch seinen Redaeteur nur diejenigen An- sichten verbreitet, welche ausschliesslich den persönlichen Bestrebungen der Redaction, aber nicht denen des thierärztlichen Standes ent- sprechen.
Leider aber sind weite Kreise der preussischen Thierärzte noch immer gewöhnt, sich an die Rockschösse einzelner thierärztlicher Professoren zu hängen, selbst ganze Vereine können sich immer noch nicht von diesem Gängelband frei machen und zu voller Selbständigkeit in allen Dingen erheben. Einiges Licht wirft auf diese Thatsache auch die Ernennung der Ehrenmitglieder in thierärztlichen Vereinen, wie sie kaum in einem anderen Berufe vorkommt. Bald werden einzelne Vereine mehr Ehrenmitglieder als active Mit- glieder haben, und einzelne Personen werden bald Generalehrenmitglieder aller thierärztlichen Vereine sein. Augenscheinlich fühlen sich zahlreiche Vereine auch in bestimmter Abhängigkeit von den Wünschen einzelner ihrer Ehrenmitglieder, was be- sonders dann hervortritt, wenn die letzteren es ver- stehen, für ihre Bestrebungen genügend Stimmung zu machen. Es gehört nicht viel Scharfsinn dazu, um diese Ehrenmitgliedschaftsthätigkeit an einzelnen Stellen durch die oft komische Wirkung zu ent- decken. So lasen wir in dem zu Januar d. J. ver- öffentlichten Protocoll eines thierärztlichen Vereins, dass die Protocolle des Vereins in der Berl. thier- ärztlichen Wochenschrift veröffentlicht— und von einer Veröffentlichung in der„Thiermed. Rund- schau“ ferner Abstand genommen werden soll. Fin zweiter thierärztlicher Verein, dessen Ge-


