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PThiermedieinische Rundschau etc.

1891. No. 24.

leukocytose herbei. Es ist hiernach schwer eine andere Vorstellung zu gewinnen als die, dass sich die Leukocyten durch Aufnahme der an- lockenden Fiweissköper direet an der Resorption des Nährmaterials und an dem Transport des- selben nach den blutbereitenden, lymphoiden Or- ganen betheiligen.

Die Leukocyten vermögen nach den bis- herigen Ermittelungen eine Reihe verschiedener Functionen auszuüben, welche zum Theil erst in letzter Zeit durch die pakteriologische Forschung erkannt wurden: 1. sie balten die Saftbahnen frei, indem sie anorganische oder organische, todte corpusculäre Blemente, also auch abge- storbene Mikrobien(Baumgarten, Weigert, Flügge) aufnehmen und weiter transportiren (Fressen, Voracitãt nach Virchow); 2. sie wirken antiparasitär, indem sie a) im Zustande der Vita minima befindliche, aber an sich lebens- und entwickelungsfähige Keime, Sporen, aufnehmen und zu Organen, Geweben, Zellterritorien trans- portiren, in denen sie durch Gewebszellen und Säfte vernichtet werden, b) indem sie als Phago- cyten(Metschnikoff) lebende und virulente Mikrobien in sich aufnehmen, dieselben in ihrer Vitalität und Virulenz schwächen und dieselben tödten, oder c) indem sie eindringende Mikrobien wallartig(Ribert) umgeben und dadurch gegen das gesunde Gewebe abschliessen; 3. sie wirken antitoxisch(antifermativ), a) indem sie durch den Reiz von giftigen(ev. enzymartigen) Stoffwechsel- produkten oder Proteine der Mikrobien angelockt werden(Chemotaxis) und sich deshalb an den bedrohten Ort begeben(H. Buchner, Gabri- tschewsky, Hueppe und Scholl); werden diese Reize stärker, so bewirken sie p) Nekrobiose (Coagulationsnekrose) oder Nekrose der Gewebs- zellen(Buchner, Hueppe) und lähmen c) die Motilität der Wanderzellen, welche dadurch an der Rückwanderung verhindert werden(Buchner, Hueppe), so dass die reactive Entzündung(a) in Eiterung übergeht. Nicht die Emigration (Waller, Cohnheim), sondern die Verhinderung der Rückwanderung ist das Charakteristicum der Fiterung. Die Fiterung, welche dem Körper prauchbare Substanzen entzieht und sonst vortheil- hafte Wanderzellen ausser Kampf setzt, hat sich phylogenetisch und ontogenetisch aus der nütz- ſichen phagocytären, antitoxischen, chemotaktischen und trophotaktischen Reizwirkung entwickelt, durch welche alle Zellen, Zellterritorien, Gewebe und Organe zur Nahrungsaufnahme veranlasst und zur Abwehr schädlicher Momente befähigt werden. 4. Jedes nekrotische Gewebe, mag es nun secundär durch allmähliche Steigerung eines Reizes(Virchow, Buchner, Hueppe), oder primär(Cohnheim, Weigert) durch von Anfang

an zu starke chemische oder mechanische Mittel entstanden sein, ist für den Körper zu einem Fremdkörper geworden, ist an Ort und Stelle hinderlich und werthlos und muss entfernt werden; ein Theil der nekrotischen Stoffe ist aber noch für den Gesammtstoffwechsel brauchbar und wird zum Theil metamorphosirt, gelöst und resorbirt; ein anderer Theil wirkt als Nährstoff anlockend auf Wanderzellen(Trophotaxis), 8o dass die letz- teren sich hierdurch an der Beseitigung, Trans- portirung und Vernichtung des nekrotischen Ma- terials nützlich betheiligen; 5. in analoger Weise wirken auch viele andere Nährstoffe(Buchner) anlockend auf Leukocyten(Trophotaxis), so dass

sich dieselben an der Resorption(Hofmeister)

der normalen Nahrung betheiligen und dieselbe zu den blutbereitenden Organen befördern helfen: die Verdauungsleukocytose ist demnach eine Tro- photaxis(Hueppe); 6. die Leukocyten betheiligen sich an der Regeneration der specifischen Form- elemente des Blutes; 7. dieselben stellen(Metschni- koff, J. Meier) ein wanderndes adenoides Ge- webe dar und können dadurch als Material zur Ver- stärkung und Vergrösserung bereits localisirten adenciden Gewebes, wie der Lymphfollikel und Drüsen, und selbst zur Neubildung solcher Or- gane an Orten führen, wo sie normal fehlen; sie erhöhen auf diese Weise die gegen die Infeetion (2) und Intoxication(3) vorhandenen Wehrmittel an besonders bedrohten Orten. Die Wanderzellen sind gewissermassen bewegliche Truppen der Festung unseres Organismus, welche sich an die bedrohten Punkte begeben und festlagern, wo der norwal sonst genügend feste Wall der Epithelien mechanisch und chemisch ungenügend ist; 8. die normalen antiparasitären und antitoxischen Wir- kungen des Blutserums, der Lymphe, der Gewebs- säfte werden durch Zerfall der Zellen dieser Säfte herabgesetzt, so dass sie gerade umgekehrt durch Zerstörung rother Blutkörperchen(Buch- ner) und lymphoider Zellen(F. Fischel) sogar zu einem guten Nährböden für Mikrobien werden; durch ihr Absterben können die Wanderzellen noch für den Verlauf einer Infection Bedeutung haben.

Ueber diese für die Individualtherapie wich- tigen Anhaltspunkte hinaus hat aber die ätiolo- logische Forschung noch viele Gesichtspunkte festgestellt, die ärztlicherseits nicht ungestraft vernachlässigt werden dürfen. Von der rationellen PErzichung, von den hygienisch-diätetischen Me- thoden im Einzelnen, von den Erfolgen der Schutzpockenimpfung sehe ich dabei ganz ab. Hervorheben möchte ich aber, dass die Prfolge der prophylaktischen Bekämpfung der Infections- krankheiten durch Assanirung der Städte und Wohnungen und Beseitigung des socialen Elends,