274
Thiermedieinische Rundschau ete.
1891. No. 23.
deren mehr oder weniger erfolgreichen Erfüllung oft das wirthschaftliche Wohl, nicht selten auch Gesundheit und Leben unserer Mitbürger in Frage steht, nicht nur mit der grössten Selbstlosigkeit und Gewissenhaftigkeit, son- dern auch mit vollster Beherrschung einer Wissenschaft vorstehen, deren Umfang in ungeahntem Verhältnisse zu- nimmt und die dadurch ihre Vertreter zu einem unausge- setzten Studium zwingt?
Den Trieb, auf solchen Pfaden fortzuschreiten, hat uns die allgütige Mutter Natur im Wissensdrange und Ehr- geize mit in die Wiege gelegt.
Bisher hatten wir freilich nar einen unermesslichen Raum den ersteren zu bethätigen und— wir haben es gethan.
Für unseren Phrgeiz aber war kein Raum.
Wer sich zu uns gesellt, der war, fast möchte man sagen, ohne weiteres Verschulden verfehmt, verurtheilt Zeit seines Lebens den mühsamen dornenvollen Pfad mitzu- wandeln, längs des dem Wanderer kein Labsal wird, kein Ziel winkt.
Unser einziges, schwer errungenes Recht, das Recht zur Ausübung der thierärztlichen Praxis ist eine schr fadenscheinige Hülle für unsere Blösse.
Denn dieses Recht macht eine Ausnahme von einer sonst allgemein giltigen Regel, wonach jedem Rechte auch ein Schutz zur Seite steht.
Was es uns gewährt, das übt man allerorts ungescheut und ungestraft auch ohne Berechtigung.
Mögen immerhin andere das, was wir für uns bean- spruchen, als ihr durch langjährigen Gebrauch ersessenes Eigenthum und uns als die Eindringlinge betrachten, mögen sie immerhin darauf verweisen, dass man vor noch nicht allzulanger Zeit von der Thierheilkunde als einer selbständigen Wissenschaft nichts gewusst habe und die Welt dabei auch nicht schlechter bestellt war, so ist doch der Fortschritt unser und sein Gebot: die Thier- heilkunde den Thierärzten.
Wir wollen uns begnügen, zur Vertheidigung dieser Forderung alledem, was darüber fast Gemeingut geworden, nur noch einen pisher vielleicht zu wenig gewürdigten Umstand beizufügen. Durch die zunehmende Bevölkerung Europas und die immer mehr steigende Zufuhr von Boden- producten aus den überseeischen Ländern wurde man, um einerseits die Landwirthschaft, die einzig gesunde Grund- lage jedes Staates zu erhalten, und andererseits für die überaus rasch anwachsenden grossen Städte Nahrungs- mittel in hinreichender Menge erzeugen zu können, ge- zwungen, an die Viehzucht erhöhte Anforderungen zu stellen.
Was die Natur von selbst giebt, genügte jetzt nicht mehr. Der Viehüchter wurde zum Künstler, unter dessen Händen der thierische Körper seine Formen und Eigen- schaften den gesteiger en Bedürfnissen anpassen musste. Der unnatürliche Zustand, in welchen die Thiere durch die veränderten Verhältnisse gebracht wurden, machte sie für Krankheiten leichter zugänglich und hatte bis dahin unbekannte Krankheiten im Gefolge.
Das so zu einem Erzeugnisse der Kunst gewordene Thier steigt selbstverständlich im Werthe; man ist daher bei Erkrankungen einzelner Individuen nicht mehr so gleichgiltig als früher.
Wie jedes Hinausgreifen über die Naturgesetze, wird sich auch das bei den Thieren rächen. An Anzeichen der Art fehlt es pei den Vollblutpferden und Schweinerassen Englands ohnehin nicht mehr.
Noch mehr ins Gewicht für unsere Forderung fällt aber, dass durch die jetzt mögliche rasche Versendung von Thieren aus ihrer angestammten Heimath, Thierseuchen über weite Länderstrecken verschleppt werden können und dass wir, falls die Finfuhr lebender Thiere aus Amerika an Umfang zunimmt, der Gefahr einer Einschleppung von
Thierseuchen ausgesetzt werden, welche in Europa bisher unbekannt sind und die in ihren Folgen möglicherweise der Rinderpest nicht nachstehen. Ein Beweis, dass wir mit solchen Bedenken nicht blossen Muthmassungen Raum geben, ist die Einschleppung der in England und Dänse- mark verbreiteten Seuche unter den Schweinen.
Gerade die Verheerungen, welche die Rinderpest ver- ursachte, waren es, welche vor mehr denn 100 Jahren zur Gründung der Thierarzneischulen führten.
Das edle Reis, welches man damals auf die wild- wuchernde Thierheilkunde pflanzte, hat sich zum kräftigen Baume entwickelt.
Allein bei jedem Baume ist es nothwendig, die Wurzel- triebe und wilden Zweige am Stamme zu entfernen, damit dem Edelreis die Nahrung ungemindert zuströme, nicht minder die fruchttragenden Zweige der Krone darch Ent- fernung überflüssiger Aeste zu stärken.
In der Menschenheilkunde hat man die Heranbildung von zweierlei Heilpersonen in der Ueberzeugung auf⸗ gegeben, dass man nur auf einerlei Art zu heilen im Stande sei.
Die Thierheilkunde geniesst den zweifelhaften Vorzug, dass ihre Vertreter in einer dreifach verschiedenen Weise ausgebildet werden, und die eigentlichen Thierärzte dabei merkwürdiger Weise am schlechtesten bestellt sind. Die Curschmiede haben die Berechtigung zum Betriebe des Hufschmiedegewerbes und nehmen ausserdem das Recht in Anspruch, die natürlichen Vertreter der practischen Thierheilkunde zu sein, was ihnen als„erfahrenen“ Leuten von der Mehrzahl der Laien auch zuerkannt wird.
Die auf Staatskosten zu Thierärzten herangebildeten Doctoren der gesammten Heilkunde nehmen, ohne es nöthig zu haben vorher den allerdings mühevollen, für einen Thierarzt aber unentbehrlichen Weg der Landpraxis zu betreten, die Lehramts-Stellen ein und werden bei den höheren Steilen für Veterinärbeamte bevorzugt.
Wie beschaffen die uns übrig gelassenen spärlichen Reste sind, beweist am besten, dass in jüngster Zeit eine Stelle für einen Thierarzt mit einem Jahresgehalte von 100 fl. ausgeschrieben wurde.
Auch die Thierheilkunde verlangt aber die Ausbildung und zwar die gründlichste Ausbildung einer einzigen Art von Personen, sowohl für die Praxis und zur Besorgung der verschiedenen amtlichen Geschäfte, als auch für die Lehramts-Stellen.
Alle Zweige der Thierheilkunde stehen zu einander in der innigsten Beziehung.
Für die practischen Thierärzte wurde bereits in Lan- desvertretungen und im Reichstage eine höhere Vorbildung und umfassendere Fachbildung verlangt. Ein Thierarzt aber, der in amtlichen Geschäften mit Erfolg verwendbar sein soll, muss den ganzen Umfang der Wissenschaft be- herrschen und die Gelegenheit haben, den Fortschritten derselben zu folgen, sich aber auch practisch stets ver- vollkommnen zu können.
Schon in Ansehung des letzteren Grundes ist es daher auch im innersten Interesse jener Zwecke gelegen, welche die Veterinär-Polizei des Staates verfolgt, dass den Thier- ärzten in Ausübung der Praxis der weitgehendste Schutz zu Theil werde.
Eine höhere Vor- und gründlichere Fachbildung ist aber auch erforderlich, um geeignete Personen für das Lehramt auswählen zu können, denn das hierzu nothwen- dige besondere Talent wird weder schon mit dem thier- ärztlichen, noch mit dem ärztlichen Diplom erworben, noch kann es mit einer Pensionär-Stelle verliehen werden.
Unter den heutigen Verhältnissen ist die Thierheil- kunde in Oesterreich ganz dem Zufalle anheimgegeben, da der Eintritt in das Studium derselben Personen mit unzu- reichender Vorbildung möglich ist und häufig von solchen


