1. September.

Thiermedicinisene Rundschau etc.

Rechnen wir einmal, der Staat Württemberg zahlt für 64 Oberamtsthierärzte à 500 Mk. in Summa 32 000 Mk. fix. Das Nationalvermögen an Hausthierwerthen kann auf mindestens 250 Millionen Mark angeschlagen werden. Ist dieses Kapital nun nicht bedeutsam genug, um die un- zulängliche Bezahlung der beamteten Thierärzte und die Mangelhaftigkeit der Stellung der Thierärzte zu beweisen? Es kommt aber nicht nur der Kapitalwerth der Hausthiere, der Schutz derselben vor Seuchen in Betracht wo ist denn die Rinderpest und wo ist die Lungenseuche, wo ist die Wuth, die Schafräude in vielen Bezirken? Krankheiten, die früher Millionen verschlangen!(die Maul- und Klauenseuche, sowie die drohende Influenza werden wir besonders besprechen) sondern hauptsächlich gehört noch zur Thätigkeit die Fleischbeschau. Gutes Fleisch will jedermann für sein gutes Geld, namentlich kann der Bürger eines Staates erwarten, dass er vor eckel- haftem und gesundheitsschädlichem Fleische geschützt wird. Wenn die sonstige Thätigkeit des Thierarztes sich ganz und voll den Interessen der Landwirthschaft, d. h denen der Gesammtheit dieser unterzuordnen hat, so hat dieselbe in Ausübung der Fleischbeschau die Gesundheit der Menschen zu schützen und sie hat hier die Geld- frage derjenigen von Gesundheit und Leben des Menschen unterzuordnen. Die Geldfrage kann und muss dabei be- rücksichtigt werden, aber nicht auf alleinige Kosten des Konsumenten, wie dies vielfach gewünscht wird seitens einzelner Landwirthe. Man sollte meinen, eine solche ein- fache Sache müsste jedermann verstehen! Wenn in einem Bezirke die Schafräude herrscht und der Thier- arzt geht energisch vor, so verfluchen ihn alle betroffenen Schäfer; wenn der Bezirk aber von der Seuche befreit ist, so sind sie nicht etwa dankbar, sondern nur froh, dass sie den Thierarzt nicht mehr zu sehen bekommen. Durch solche Seuchetilgung, bei welcher der entstehende Ausfall an Verdienst oder anderem Verluste nicht durch gemein-

same Kosten gedeckt wird, wie beim Milabrand und Rotz,

wird der Thierarzt verhasst; so wie der Schäfer bei der Tilgung der Räude ergrimmt, so lästert der Viehhändler bei der Einschränkung des Handels bei der Maul- und Klauenseuche und der Landwirt bei allen, ausser bei denen er entschädigt wird. Die Thätigkeit der Seuchetilgung, die Thätigkeit der Fleischbeschau macht missliebig im höchsten Grade. Und bei den Leuten, bei welchen der beamtete Thierarzt im Interesse der Gesammtheit energisch vorgehen soll, bei denen er die Gesetzezwar gerecht, aber schneidig zur Anwendung bringen soll, bei denen soll er sich dann noch durch Privatpraxis sein Einkommen, dessen Fixum oben genannt wurde, zu erhöhen suchen!

Welche Fülle von Verantwortung in disciplinärer, civil- und strafrechtlicher Hinsicht droht dem be- amteten Thierarzt, wie ist seine Thätigkeit vom Staate für eine solche geringe Summe in einer Weise in Anspruch genommen gegen andere Staatsdiener? Man vergleiche z. B. die Forstbeamten. Wie angenehm sind diese heraufavancirt, und glaubt man etwa, dass die Waldbäume schwieriger zu behandelu seien wie die Hausthiere. Es fällt uns nicht im Traume ein, auch nur eine Spur von Galle gegen irgend einen Staatsdiener zu haben; aber man gebe sich doch auch einmal die Mühe und vergleiche unsere Thätigkeit und unseren Lohn und dann kommen Leute aus anderen Stellungen, die von der Thätigkeit eines be- amteten Thierarztes eigentlich, gelinde gesagt, nur ganz bescheidene Kenntnisse haben, manchmal Leute aus Berufs- klassen, die durch fortwährendes Lamentiren in der Oef- fentlichkeit sich heraufgebracht haben, und die werfen uns Thierärzten vor: wir seien gewissermassen das vom Staate gehätschelte Wesen, dem zuliebe man ein Gesetz gegen die Maul- und Klauenseuche u a. gemacht habe, nur damit wir etwas verdienen sollen!(Möchte doch der Himmel geben, dass dieses Gesetz, das alles andere und viel eher

die Rücksicht auf die Zölle zum Vater hat, recht bald uns nicht mehr so wie jetzt beschäftige.) Ferner: Leute, die einen Einblick in die Verhältnisse haben könnten, scheuen sich nicht zu sagen: Die Thierärzte wollen die Seuchenmassregeln oder sie wollen die Fleischbeschau, nur damit sie Verdienst haben! Ich möchte doch diese Männer, die so frivol beschuldigen, nur einmal in die Lage versetzt sehen, als beamtete Thierärzte handeln zu müssen, damit sie selbst als solche behandelt würden, als solche fühlen müssten und auch bezahlt würden.

Es ist ein Trost, es wirkt erfrischend und die glim- mende Kohle der Hoffnung erhaltend, dass an mass- gebendster Stelle, da wo die Fäden des Landes zusammen- laufen, da wo die Uebersicht vollständig möglich ist, dass von Seiten des Königlichen Ministeriums allezeit unsere Thätigkeit anerkannt und gerühmt wurde. Haben doch schon 1856 seitens der K. W. Staatsregierung Pläne be- standen, die Oberamtsthierärzte zu Staatsdienern zu machen, sie aus all diesen Angriffen herauszuheben und sie als Beamte mit Befugniss und Ansehen dem Grade ihrer Wichtigkeit nach zu behandeln und zu stellen. Wieder- holt ist uns die Versicherung geworden, dass man mit uns zufrieden sein darf, ja dass man die Gesammtthätigkeit der Thierärzte rühmenswerth findet und dann, wenn unsere Hoffnung angefacht war, dann wurde es wieder stille, unheimlich ruhig: weil noch keine passende Zeit gekommen sei. Es ist schon recht lange her seit 1856, ich war damals noch nicht dabei; Mancher, der damals gehofft hat, liegt jetzt stille und zufrieden draussen auf dem grossen Acker Gottes; aber wir, die leben, wir empfinden und uns trifft das Weh; auch wenn wir nur Thierärzte sind, Menschen sind wir trotzdem geblieben.

Ueber die Lage des Veterinärwesens in Oester- reich bringt die Monatsschrift des Vereins der Thierärzte in Oesterreich folgende Mittheilung:

Nicht Uebermuth ist es fürwahr, der uns immer und immer wieder die Feder in die Hand drückt, um den Wünschen unserer Standesgenossen Worte zu geben, son- dern das Bewusstsein, damit nur unserer Pflicht zu ent- sprechen, und das weitere nichts weniger als ermuthigende Bewusstsein, dass wir wie der Rufende in der Wöste bis- her ungehört blieben.

Gerade jetzt, wo der Reichsrath tagt und sich mit vielen uns nahe gehenden Fragen beschäftigt, wo dem Vernehmen nach über die Neugestaltung der Thierarznei- schulen in Oesterreich verhandelt wird, dürfen wir der bevorstehenden Entscheidung nicht mit in den Schoss ge- falteten Händen harren. Wir dürfen das um so weniger, als die zu erwartende Entscheidung unser Geschick vor- aussichtlich für lange Zeit bestimmen wird.

Wenn wir diesmal den kommenden Ereignissen mit etwas mehr Zuversicht entgegensehen, als uns aus den Erfahrungen der Vergangenheit erwachsen ist, so ermuthigt uns dazu voraus der Umstand, dass man wohl nicht mehr länger sich der Gerechtigkeit unserer Sache verschliessen wird können. Man wird über die Thatsache, dass die Thierärzte in Oesterreich in jeder Hinsicht weit unwür- diger und schlechter gestellt sind, als die Angehörigen jeder anderen Berufsart, welche der Staat heranzubilden für zweckmässig hält, nicht mehr einfach hinweggehen können.

Was haben gerade wir Thierärzte verschuldet, dass wir, während es in jedem anderen Berufe möglich ist, es zu einer angesehenen einträglichen Stellung im mensch- lichen Leben zu bringen, während jeder andere Beruf einen weitgehenden Schutz geniesst, allein Allem entsagen sollen, dass wir allein schutz- und rechtlos bleiben, im Civil- und Militär-Staatsdienste uns mit den geringsten Stellen begnügen sollen?

Und während uns einerseits so wenig gegeben wird, sollen wir andererseits unseren mannigfachen Pflichten, bei

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