272 Thiermedieinische
Rundschau etc. 1891 No 2
1. Es ist in gewisser Beziehung selbst ein Antisepticum.
2. es bewirkt eine schnelle Loslösung abge- storbener Gewebstheile,
3. es befördert schnell eine gesunde, gute Granulation und
4. es schränkt die Bildung harter Narben und die damit verbundnen haarlosen Stellen nach Mögligkeit ein, indem durch ein reichliches Aus- füllen der Wunden mit guter Granulation die Narbenretraction eine bedeutend grössere ist, als bei mangelhafter Granulationsbildung.
Kleine Mittheilungen.
— Die Thierheilkunde und die württembergischen Thierärzte. Unter dieser Ueberschrift bringt Professor Hoffmann im„Repertorium der Thierheilkunde“ nach- folgende Mittheilungen:
Die Thierheilkunde ist anerkannt eine Wissenschaft. Um sie mit Erfolg studiren zu können, muss mit einer Summe von Vorkenntnissen angefangen werden, ähnlich wie bei der humanen Mediein. Ob das Studienobject der Mensch oder das Thier ist, das bildet für die Wissenschaft- lichkeit der Frage, die Tiefe und Breite des Materiais keinen Unterschied. Das Streben nach höherer Vorbildung hat jeweils bei den Regierungen Anerkennung gefunden, je nach dem Stande der Cultur und des Staates und dem Woblwollen von dessen berufenen Vertretern. Es ist in Deutschland Bestimmung. dass die Reife für die Prima eines Gymnasiums oder einer Realschule mit Latein zum Studium verlangt wird. Das Studium dauert sieben Semester; im achter Semester kann die Approbation durch Examen er- langt werden, welche zur Ausübung der Thierheilkunde perechtigt. Nach zwei Jahren kann die Staatsprüfung gemacht werden, welche zur Anstellung als beamteter Thierarzt berechtigt. Die thierärztlichen Lehranstalten sind in den letzten Jahren zu Hochschulen erhoben worden. Das Streben geht dahin, Maturitas zu erlangen und die Studienzeit auf 8— 9 Semester zu erhöhen. Die die Thier- heilkunde Studirenden sind Leute, welche aus Gymnasien und Oberrealschulen kommend, mit Studirenden an der Universität oder den technischen ete. Hochschulen im Um- gange waren; ihre Eigenschaft als Studenten einer Hoch- schule berechtigt sie zu einem Studentenleben, wie es an der Hochschule gebräuchlich ist. Wir haben Corps, Lands- mannschaften, Verbindungen, wissenschaftliche und gesel-
lige Vereine, Liedertafeln u. dgl. m. Das Studium an einer
thierärztlichen Hochschule ist ebenso teuer wie das an einer anderen Hochschule. Es wird ebenso fleissig gear- beitet, ebenso geschwänzt und auf das Examen ebenso „geoxt“, wie sonstwo. Das Fxamen selbst wird bei dem Andrange zum Studium sehr strenge genommen; es giebt Lehrer, die öffentlich verkündigen: 50 Procent lasse ich fallen! Ganz egal!— Aus beiden Ursachen: a) Schwänzen, rigorosen Examen, und ferner noch vielleicht etwas an- geborener Schüchternheit, die es auch nicht ganz zur Ma- turitas bringen liess, haben wir einzelne Studenten, die 20 und mehr Semester besitzen, welche vor noch gar nicht langer Zeit erst das Physicum bestanden haben. Wir lassen die weitere Ausführung der grossen Frage betr. Vorbildung und Ausbildung hier unerörtert und begleiten den glücklich die Reize und Fährlichkeiten, die Lust und den Schmerz des Studententhums hinter sich habenden, neugeprüften Thierarzt: Wie froh, wie frisch und frei klangen noch die Abschiedslieder; wie schwoll die Brust voll Hoffnung, wenn auch der Geldbeutel oft bis zum
Ausschütteln leer, der aukreidende Wirth auch die letzte Frist setzte und zu Hause mit bekümmertem Herzen un- goduldig die Ankunft und andere Zeiten erwartet wurden. Wir lassen hier auch die Zeiten, die der neugeprüfte Thier- arzt beim Militär als„einjährig-freiwilliger Unterrossarzt“ zu verleben hat, unbesprochen und begeben uns mit dem Neuexaminirten auf seine nächsten Stationen: Zunächst ist eine Reihe von Assistentenstellen zu nennen an thierärzt- lichen Hochschulen und landwirthschaftlichen Anstalten. Selbstverständlich gelingt es nur wenigen, solche Stellen zu erhalten, und die Pauer der Inhaberschaft einer solchen ist auch nur eine kurze. Andere gehen als Assistent zu einem beschäftigten älteren Thierarzt oder nehmen Ver- tretungen an; manche beginnen sofort nach dem Examen die Praxis. Das Nächste, was sich nun hier einstellt, ist eine ganze Reihe voll bitterer Enttäuschungen. Der Thier- arzt ist mit seinem Wissen jetzt auf den Markt gestellt
und zwar auf den schlimmsten, auf den Pferde- und Vieh-
markt, wie da die Handels- und Betrugskniffe des geriebenen Händhers den Dunst auseinanderblasen, wie die Anforde- rungen der Praxis so träge und langsam, aber unangenehm heranschleichen, und wie noch langsamer und zögernder die erste verdiente Mark erscheint. Wie das flotte, stolze Studentenherz jetzt vom lateinischen Bauern(wie er aber mit Unrecht genannt wird, da er in der Regel nicht latei- nisch kann) gekränkt wird; wie sich jener als Herr und Brotgebender aufspielt und dieser eine Zeitlang immer kleiner wird. Wie der studentische Stolz betroffen wird, wenn der„leutselige, gemeine Mann“ vertraulich fragt: „Net wahr, Herrle, sie sind ein Lehrer?“ und auf die Antwort:„Nein, Mann Gottes, ich bin Thierarzt!“ ein ent- täuschtes Gesicht entsteht und—„was, a, so, blos ein Thierarzt“ geaussert wird.— Wenn ein Joch frisch auf- gelegt wird, so drückt es; wenn es lange drückend liegt, so wird die misshandelte Stelle schwielig und hart, voraus- gesetzt, dass der Körper den Druck lange genug aushält. Nach 20 Jahren ist der Thierarzt gegen alle diese Dinge. die ihn anfangs kränken und schädigen, gefeit— aber betrachten wir den Mann jetzt! Wieviele sind überhaupt noch da von denen, die hoffnungsfreudig anfingen? Und in welchen Stellen und Verhältnissen? Nur verhältniss- mässig wenige haben eine Stellung errungen, die einen Vergleich aushält mit dem, was die Vertreter anderer wissenschaftlicher Berufskreise regelmässig erlangen, die Mehrzahl der Thierärzte arbeitet angestrengt und schwer, unter Sorge und Noth bis an ihr Lebensende.
Abgesehen von den wenigen, welche der Stant Würt- temberg anstellt, den Lehrern an der thierärztlichen Hochschule, in Hohenheim, denen am Medicinal- collegium und dem Militär, giebt es keine staatlich angestellten Thierärzte. Was als„beamteter Thierarzt“ bezeichnet wird, das gilt für die von der Amtskorporation gewählten und durch die Kreisregierung bestätigten Ober- amtsthierärzte. Stuttgart, Heilbronn und Ulm haben städtische Thierärzte mit fixen Bezügen, die von einer Höhe sein sollten, dass sie keine private Thätigkeit suchen müssten. Die Gemeinden zahlen vielfach dem Thierarzt ein sogenanntes Wartgeld von einigen hundert Mark. Dasjenige, was somit als erreichbar erstrebenswerthes Ziel anzuschen ist, das ist eine Oberamtsthierarztstelle. Hier ist zunächst die„Wahl“ als eine weniger nach der Qualification als nach den übrigen Umständen sich ge- staltende anzusehen. Der Bezirk muss bereist, die Schult- heissen und Vettern aufgesucht werden. Die Anstellung erfolgt endlich mit einem Fixum von 400 bis gegen 900 Mk. von der Amtseorporation und 500 Mk. Staatsbeitrag. Eine Pensionsberechtigung besteht nicht. Was man jetzt jedem Arbeiter im Deutschen Reiche gewährt hat, hat der „beamtete Thierarzt“ Württembergs bis jetzt noch nicht erhalten können, Welche geradezu enormen Anforderungen aber an den Oberamtsthierarzt gestellt werden, davon später-


