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270 Thiermedicinische Rundschau etc. 1891. No. 23.
Die specifische Giftwirkung speeifischer Krank- heitserreger beruht auf der Bildung von Sub⸗ stanzen, welche mit der immunisirenden und heilenden Wirkung derselben Mikrobien nicht identiseh sind. Die immunisirenden Substanzen dagegen sind mit den heilenden identisch oder doch bis jetzt nicht von denselben zu trennen, da sie in Bildung, Reaction und Wir- kung sich analog verhalten. Ihre Specifität be- ruht darauf. dass sie integrirende Bestandtheile der specifischen Infectionszelle selbst, aber keine eigentlichen Stoffwechselproduete sind. Es giebt thatsächlich ganz verschiedenartige specifische Proteine.
Diese Substanzen wirken in grösseren Mengen schädigend, local nekrotisirend, eitererregend oder im Kreislaufe durch Lähmung der weissen Blut- körperchen. In geringen Mengen wirken sie ge- rade umgekehrt, anregend auf Protoplasma, reizend und zwar allgemein chemotaktisch auf Wanderzellen und specifisch reizend auf die fixen Zellen der specifischen Zell- territorien. Durch den letzten Unstand erhält die Immunität und Heilung jeder Krankheit ihre Besonderheiten, sodass man nicht mit Pro- ducten irgend welcher anderer Bakterien oder Mikroparasiten, sondern stets nur mit denen be- stimmter Arten Erfolge erzielen kann. Am meisten Erfolge für diese Art der Immunisirung und Heilung müssen stets die eigenen Producte der specifischen Krankheitserreger selbst liefern.
In geeigneten Fällen muss deshalb die Anwendung homologer Substanzen nicht nur in Form der Schutzimpfungen, sondern auch in Form von Heilmitteln Erfolge zei- tigen, weil es sich um einen Weg der Natur- heilung selbst handelt.
Mit diesen Umwegen ist jetzt in reiner Form und in zwei wesentlich von einander ab- weichenden Anwendungsweisen— als vorbe- reitender Impfschutz und als Heilmittel— die alte Volksansicht im Princip rehapilitirt und mit der Sicherheit des Fxperimentes und der Analyse bewiesen, dass jede Infectionskrank- heit in ihrem eigenen Ansteckungsstoffe auch das Mittel zu ihrer Heilung trägt.
Ob für den Erfolg der Kunstheilung jedoch dieser Weg der howologen Substanzen oder der der heterologen Medicamente besser ist, kann nur die Erfahrung entscheiden.
Indem Koch in seinem Tuberculin ein Mittel anwendete, welches die Bacillen selbst nicht tödtet oder in der Entwickelung hemmt, hat er sich vom Ausgang seiner therapeutischen Ideen voll- ständig entfernt und sich Ansichten zugewendet, welche im geraden Gegensatze und im Kampf
gegen Koch errungen werden mussten. Schon 1879 hatte Moczutkowsky die Idee, dass ein Heilmittel gegen Infectionskrankheiten im Innern des Körpers die Mikroparasiten tödten müsse, klar ausgesprochen und durch Versuche mit Chinin an Recurrensspirochaeten im Blute extravasculär zu realisiren versucht. Koch hatte 1881 bei seiner Desinfectionsarbeit diese Idee von Neuem aufgenommen und durch weitere Versuche mit Chinin und Sublimat zu stützen gesucht. Er milderte die Sache in sofern, als er annahm, dass es nicht gerade auf ein Tödten der Mikrobien im Körper ankomme, sondern dass schon die Entwickelungshemmung genügen dürfte. Ganz charakteristiseh für diese Idee sind die von Mocezutkowsky und Koch für Chinin und Subli-
mat berechneten Mengen dieser Mittel, welche zum
Vernichten und Hemmen der Parasiten erforder- lich sein müssten, wenn bei der thatsächlichen Anwendungsweise solcher Mittel bei Infections- krankheiten diese Momente das entscheidende wären.
Dass Koch trotz aller inzwischen gemachten Fortschritte an dieser Idee festgehalten hat, er-
giebtsein Vortrag beim internationalen medieinischen
Congress 1890 eclatant. Er sagte:„Es ist nicht nöthig, wie irriger Weise noch vielfach angenommen wird, dass die Bakterien im Körper getödtet worden müssten, sondern es genügt, ihr Wachs- thum, ihre Vermehrung zu verhindern, um sie für den Körper unschädlich zu machen.“ Und weiter erklärt er, er„habe schliesslich Substanzen getroffen, welche nicht allein im Reagensglase, sondern auch im Thierkörper das Wachsthum der Tuberkelbacillen aufzuhalten im Stande sind“. In dieser Mittheilung ist absolut keine Rede von einer Lymphe und einer durch Zellen vermittelten, ganz indirecten Wirkung derselben auf die Ba- cillen. Während aber nach der ersten genauen Angabe über die Wirkungsweise seiner Lymphe die Tubercel eliminirt, die Bacillen aber gar nicht berührt werden sollten, scheint Koch nach der letzten Mittheilung jetzt anzunehmen, dass die durch das Tubereulin specifisch beeinflussten Zellen die Bakterien schwächen und tödten. Nach den durch Koch's Lymphe gezeitigten Arbeiten scheint übrigens noch immer die Mehrzahl aller Aerzte auf dem längst als falsch erwiesenen Standpunkt zu stehen, dass die Specifica die Parasiten selbst im Körper tödten oder doch mindestens in der Entwickelung hemmen.
Koch's Ausgangspunkt war in sofern unge- nügender als der von Moczutkowsky, als letz- terer mit Blut gearbeitet hatte, während Koch aus anderweitigen Versuchen ohne weiteres auf Blut umgerechnet hatte. Später hat besonders Behring darauf hingewiesen, dass dies unzu-


