1. September.
Thiermedicinische Rundschau ete. 269
man den Impfungen die Gefahr des Mitübertragens
lebender Parasiten mit ihren schwer beherrsch- baren Wirkungsmöglichkeiten über das gehoffte
Maass hinaus. die Hundswuthimpfungen von Pasteur und auch die Tubereuloseimpfungen von Koch.
Auf diesem Standpunkte stehen
Wissenschaftlich sind wir aber bereits einen wesentlichen Schritt weiter, indem man die
immunisirenden Substanzen aus den Stoffwechsel- producten isolirt und mit diesen reinen oder doch relativ reinen Substanzen die Impfungen vollzieht. Hierbei hat sich zunächst bei der Cholera, dann aber auch bei Diphtherie und ähn- lich auch für Tuberculose ergeben, dass die speci- fischen Giftstoffe, welche die charakteristischen Erscheinungen der einzelnen Infectionskrankheiten
dauernden Aenderung seines Stoffwechels be- fähigen. Diese Stoffe wirken stets zuerst localisirt und ihre Allgemeinwirkungen kommen nur in Folge des Austausches der specifisch beein- flussten und eventuell dauernd ungestimmten Zellterritorien mit den Gewebssäften zu Stande, denen sie auf diese Weise neue specifische Fähigkeiten verleihen können, wie ja auch neuerdings Behring und Kitasato gezeigt haben,
dass das Blut und seine Serumalbuminate nach
siten und Gifte vernichtender Saft,
hervorrufen, die Toxalbumine, nicht identisch sind mit den immunisirenden und heilenden Sub⸗
stanzen, welche dieselben Stoffwechselproducte mit erbielten Die Toxalbumine und die bak- terientödtenden genuinen Eiweisskörper des Blut- serums werden schon durch mässige Hitze unter
75 Grad, also unter der kritischen Temperatur
für das lebende Eiweis des Protoplasma weniger wirksam und ihrer Giftwirkung beraubt. Da sich, nach unseren chemischen Reactionen beurtheilt, die Körper hierbei nur biologisch in ihren Gift- wirkungen, nicht aber chemisch ändern, so scheint mir die Lösung von Polymerisationen des lebenden Fiweissmolecüls vorzuliegen.
Die Wirkungen der immunisirenden und heilenden Substanzen dagegen sind viel wider- standsfähiger und vertragen zum Theil sogar
vorausgegangenen Immunisirungen nicht nur anti- parasitär wirken, sondern auch Gegengiftwirkungen ausüben kann. Bei dem Zustande der natürlichen Immunität und der künstlichen Immunisirung ist das Blut nur deshalb ein besonderer, Para- weil es bei seiner eigenen Unbeständigkeit und seinem fortwährenden Wandel in seinen Eigenschaften von den relativ constanten, natürlich immunen oder immunisirten Zell- territorien dauernd abhängig ist.
Es war ein überaus glücklicher Gedanke, dass Pasteur bei chronischem Krankheitsverlaufe die Schutzimpfungen noch nach eingetretener In- fection anwandte und dadurch die Schutzim-
pfungen zu Heilimpfungen, die Schutz- ſympfen zu Heilmitteln gestaltete. Diese Möglichkeit allein, mit demselben Körper
Man kann deshalb jetzt den Stoffwechselprodueten die Giftwirkung sicher nehmen und die immuni-
sirende und heilende Wirkung allein lassen, d. h. man kann die immunisirenden und heilen- den eiweissartigen Körper isolirt zur An- wendung bringen. Dies ist deshalb so wich- tig, weil die Toxalbumine ihre Giftwirkung als Allgemeinwirkung auf specifisches Proto- plasma, auf Nerven und Drüsen entfalten, während
die immunisirenden und heilenden Substanzen auf
die für die Localisation der betreffenden Krank- heit wichtigen specifischen Zellterritorien loca- lisirt umstimmend wirken, vielleicht in den Zellverband integrirend eintreten, und nicht wie die ersteren schnell ausgeschieden werden. Da-
durch vorherige Anwendung Schutzkraft zu verleihen und nach eingetretener Infection und ausgebrochener Krankheit dieselbe zu heilen, beweist das Unzulässige jener Auffassung,
— welche Immunisirung und Heilung ganz ausein- längere Zeit die Siedetemperaturen in hohem Grade. 5 8 6
ander halten will.
Sache des Versuches und der klinischen Erfahrungen bleibt es, unter Berücksichtigung
des natürlichen Infectionsmodus, der Verbreitungs-
weise und des gesammten Causalverhältnisses der
Krankheiten festzustellen, bei welchen Krank-
heiten-Schutzimpfungen, bei welchen Heil- impfungen in Betracht gezogen werden können, bei welchen andere Behandlungsmethoden vorzuziehen sind und wo Combinationen einzu- treten haben.
Die Hauptresultate, nach den eingangs
festgestellten vier Fundamentaltheorien: Immuni- tät, künstliche Immunisirung, Natur- und Kunst- heilung specifischer Krankheiten, beruhen in erster
durch sind die letzteren Körper, ähnlich wie etwa den Gesammtstoffwechsel oder durch bestimmte
mineralische Medicamente, im Stande, den Stoff- wechsel der Zellterritoren, von denen sie specifisch, electiv angezogen werden biochemisch zu be- einflussen, indem sie entweder dort neue Fi-
weissverbindungen eingehen oder das Protoplasma durch ihren specifischen Reiz zu einer besonderen
Instanz auf natürlich vorhandenen, oder durch
homologe und heterologe Substanzen als Schutz und Heilmittel künstlich zu erzielenden Be- schaffenheit derjenigen Zellterritorien, in denen die specifischen Krankheitserreger in Folge ihrer specifischen und dadurch adäquaten
Ernährung. d. h. eventuell zu einer vortheilhaften Reizwirkung zur Wirkung gelangen können.


