268
Thiermedieinische Rundschau etc.
1891. No. 23.
ungünstigen Einfluss mitgetheilt, sondern nur „dauernde“ Heilungen bei diesen für Ausnahmen erklärt hatte. Wie nun einmal die socialen Ver- hältnisse liegen, sind die von Koch gewünschten kräftigen Phthisiker in verschwindender Minderheit, und in den Sanatorien hat man auch die anderen Fälle erfolgreich bessern und behandeln gelernt, und ausser einem einzigen bekannten Specialisten einer anderen Specialität sind die Aerzte nicht in der Lage, sich die zur Heilung passenden Fälle auszuwählen und die übrigen Kranken ab- zuweisen.
Nach den vorausgegangenen Erfolgen an Thieren bei verschiedenen Infectionskrankheiten sind wir in neuer, reiner Form mit Pasteur's Hydrophobin und Koch's PTubereulin auch für den Menschen in der Behandlung zu der alten Idee zurückgekehrt, dass alle ansteckenden Krankheiten inihrem eigenen Ansteckungs- stoffe auch das Mittel ihrer Heilung tragen. Schon 1638 hat der Schwärmer Robert Fludd, der ein Thermometer zum Bestimmen der Blut⸗ wärme construirte, der aber die letzte Ursache der Krankheit im Sündenfall und die Heilmittel im Gebet und der göttlichen Gnade sah, als Volks- mittel gegen Phthise das gehörig zubereitete Sputum Schwindsüchtiger angegeben. Lux führte, nachdem die erfolgreiche Variolation und Vacci- nation die alte Idee neubelebt hatte. 1833 eine gunze Reihe solcher Mittel im homöopatischen Gewande an, wie Hydrophobin, Pneumophthisin, Condylomin, Variolin, Scarlatin.
Diese Mittel wurden wohl hergestellt und angewendet, dass aber jemals irgend ein Indivi- duum, Mensch oder Thier, damit geheilt worden sei, hat noch Niemand bewiesen. Bei der Hart- näckigkeit des Volkes, Mittel, an denen irgend etwas ist, festzuhalten, und bei dem Umstande, dass viele unserer besten Mittel, wie Quecksilber gegen Syphilis, und der besten Methode, Variola- tion, dann die Vaccination, Massage ete der Schulmedicin sich aufgezwungen haben, darf man wohl ruhig behaupten, dass von diesen Mitteln der Preckapotheke Hydrophobin für den Hund, die anderen aber für die Katz waren.
Der Gedanke, dass die Infectionskrankheiten das Heilwittel in ihren eigenen Ansteckungsstoffen tragen, war bis jetzt von Laien und Aerzten er- folgreich nur in Form der Schutzimpfungen realisirt worden. Als Lady Montaga 1717 dem westlichen Europa das uralte chinesische und orientalische Heilmittel, die Variolation vermittelte, wusste sie zur Anpreisung des Mittels nichts besseres, als die Habsucht und Unwissenheit der Aerzte gegen das Volk auszuspielen, weil diese sich jedem wahren Fortschritt in der Heilkunde widersetzen. Es sind fast genau die Gedanken
und Worte, die gegen Ende des vorigen Jahr- hunderts gegen die Aerzte geschleudert wurden, als von Pless und Jenner das holsteinische und englische Volksmittel, die Vaccination, ein- geführt wurde. Auch diesmal sollte die Hab- sucht der Aerzte, die an der Variolation so viel verdienten, der segensreichen Methode den hef- tigsten Widerstand bereiten. Als sich auch diesmal die bessere Methode als noch nicht vollkommen erwies, waren die Aerzte fort und
fort bemüht, das Gute der Sache zu retten,
Zu vervollkommnen und das Schlechte durch Ver- besserung der Herstellungs- und Anwendungs-
weise zu beseitigen. Den wahren Volksbeglückern
genügte das bekanntlich nicht und es entstand jene, wit den unerhörtesten Fälschungen arbei- tende Classe der Impfgegner, welche jetzt auch die Vaccination nur durch die Habsucht und Un- wissenheit der Aerzte gehalten erklären.
Immer sind es dieselben Leute, welche sich
im Besitz der vollen und ganzen Kunst der Hei-
lung befindlich erklären, die wissenschaftliche Forschung und Erfahrung für überflüssig halten, weil man mit Unwissenheit in der Kunst weiter komme, und welche stets grundsätzlich die Rich- tung verurtheilen, bekämpfen und als Satanswerk verdächtigen, welche die herrschende Richtung der Medicin pflegt. In verschiedenem Gewande sind es stets dieselben Geister, die heute mit denselben Phrasen für Variolation, morgen gegen Variolation und für Vaceination, heute für Vacci- nation und morgen gegen Vaccination und gegen jede Impfung kämpfen. Aber diese Leute kennen die unwissende Menge, die compacte Masse in ihren Schwächen zu gut und appelliren deshalb oft erfolgreich an jene, die nicht alle werden.
Pass der Grundgedanke der Schutzimpfungen richtig ist, dass es sich um eine dem directen Zuthun zugängliche Erscheinung derselben Art handelt, nach der das Ueberstehen einer Krank- heit gegen dieselbe Krankheit schützt, muss diese Kampfesweise halten und ihr in geeigneten Fällen allen Anfechtungen zum Trotz den Sieg sichern. Für uns erwächst daraus nur die Pflicht, die Methode mehr und mehr zu verbessern und aller Gefahren zu berauben.
Dieser Weg ist mit Pasteur seit 1880 in neuer Weise des axacten Experiments beschritten worden und erst später ergaben sich wieder Anknüpfungspunkte an ältere Erfahrungen über Schutzpockenimpfung. Während aber hierbei zu- erst abgeschwächte, aber immerhin lebende und wirkende und deshalb neuer Anpassungen und event. sogar Virulenzsteigerungen fähige Mikro- pasiten selbst verwendet wurden, war es ein Fort- schritt, dass man dazu überging, die sterilisirten Stoffwechselproducte zu verwenden. Damit nahm


