1. September.
Thiermedicinische Rundschau ete. 267
weitere Zahl localer. peripherer Zellen, zu denen das spontan von innen heraus diffundirende Gift nicht oder in zu geringer Menge kommt, specifisch gereizt und dadurch der Entzündungsmantel verbreitert und alle diese Zellen grenzen nicht nur reactiv den Tuberkel ab, wie das reichliche Auftreten von Fibrin in förmlichen Umhüllungen zeigt, sondern sie ertödten auch die Tuperkel- pacillen. In diesem Falle allein wird nicht ge- schadet, sondern durch die Kunstheilung im Sinne der Naturheilung gewirkt, also wirklich geheilt.
So wie die Menge des Giftes grösser ist, wird durch das Hinzuaddiren neuen, von aussen einge- führten Giftes zu dem bereits local vorhandenen die nützliche Reizwirkung zu der schädlichen nekrotisirenden gesteigert und statt nur des Ent- zündungsmantels allein wird auch der nekrotische Theil vergrössert und damit statt zu nützen, direct geschadet. Ich muss deshalb auch grundsätzlich gegen die Auffassung von Liep- reich Stellung nehmen, der, weil die Koch'sche Lymphe die Bacillen nicht selbst tödtet, meinte, dass dies Ziel durch Steigerung der Menge des Giftes erreicht werden könne. Dies ist einmal mit Mengen, die nicht vorher schon den Menschen tödten, überhaupt nicht der Fall. DPann tritt aber durch grössere Mengen die Nekrose in den Vordergrund, und es tritt bis zu einem gewissen Grade eine Gewöhnung an das Gift ein. Pamit hört aber alle nützliche Wirkung auf, da es nicht die Aufgabe des Arztes ist, den Körper an ein neues Gift zu gewöhnen, sondern mit einem neuen Mittel Erfolge zu erzielen.
Die Einwendung von Semmola gipfelt eben- falls in der Hervorhebung der Thatsache, dass die Koch'sche Lymphe die Bacillen nicht selbst tõdtet, also nur das Gift in Betracht komme. Semmola steht allerdings mit der ganzen pac- teriologischen Forschung auf so gespanntem Fusse, dass er die Ermittelungen über Causalität noch weniger würdigt als viele Bacteriologen selbst. Da die höchste Leistung der Therapie stets im strengen Nachahmen der Natur selbst bestehen wird, und in diesem Rahmen Immunität und Immunisirung, Natur- und Kunstheilung Platz haben, so wird man wohl von keinem Mittel mehr verlangen können, als dass es gerade so wie die Natur selbst wirkt. Die Natur beilt die Tuberculose dadurch, dass die Gewebe und Zellterritorien die Bacillen vernichten. Ein Mittel, welches die sonst dazu unfähigen Zellen so beeinflusst, dass sie dies vermögen, muss deshalb grundsätzlich als richtig wirkend an- erkannt werden. Dies leistet im Sinne der Immunisirung bis zu einem gewissen Grade zweifellos die Koch'sche Lymphe als
„Tuberculin“. Dies leistet im Sinne der natürlichen Immunität, also im Sinne einer höheren Kategorie, die Bremer'sche Me- thode. Der sachliche Einwand Semmola's, dass solche organischen Gifte, wie die Toxine, Alkalcide, Toxalbumine entweder toxisch sind, oder in„mikroskopischen“ Gaben nicht wirken, beruht einmal auf ungenügender Kenntniss der thatsüchlichen Verhältnisse und würdigt von der Wirkungsmöglichkeit der Medicamente nur die eine Seite, und nimmt fälschlich an, dass, wenn man bei einem Medicamente keine greifbare Wirkung mehr sehe, auch nichts mehr geleistet werde. Es ist der alte Fehler des Haltmachens bei dem Indifferenzpunkte. Dann aber kannte Semmola die Unterschiede der specifischen Gift- wirkung auf die nervösen und Drüsenapparate durch die Toxalbumine und zwischen den immuni- sirenden und speeifisch reizenden, mehr localisirten Wirkungen der Proteine(oder anderer Stoffwechsel- produete) noch nicht.
Die meisten Fehler in der Anwendung liegen demnach zweifellos in der Anwendung zu grosser Gaben von Anfang an, in der zu schnellen Auf- einanderfolge solcher grossen Gaben hinter ein- ander und in der zu schnellen Steigerung der Giftmenge. Mit wenig wird man mehr er- reichen, weil bei einer so chronischen Krank- heit, wie es die Tuberculose ist, die in monate- und jahrelangem Schlendrian gross gewordene
FKrankheit nicht im Handumdrehen weggesprit?t
werden kann und jede Medicamenttherapie wegen des chronischen Verlaufes die Neben- umstände peinlich berücksichtigen muss.
In geeigneten Fällen und bei richtiger Anwendung dürfte das Tuberculin wohl imstande sein, die Tuberculose und vielleicht selbst Fälle von Phthise günstig zu peeinflussen. Dies ist aber erst an den Kliniken und an den Anstalten festzustellen, an denen man bis jetzt allein syste- matische Heilungen von Tuberculose und Phthise erzielt hat, an den Schwindsuchtssanatorien, die trotz Tupereulin zu Volkssanatorien verallge- meinert werden müssen und deren Einführung sehr mit Unrecht unter dem Einflusse der Koch- schen Publicationen zurückgetreten ist.
Dass Heilung der Tuperculose noch lange nicht Heilung der Phthise ist, die den grossen Procentsat? von Sterblichkeit bewirkt, versteht sich von selbst. In dieser Beziehung muss man die Hoffnung leider sehr herabsetzen, nachdem Koch selbst zwar kräftige Tuberculöse der An- fangsstadien als die Hauptobjecte für sein Mittel pezeichnet hatte, aber auch bei Kranken mit nicht zu grossen Cavernen bedeutende Besserungen, nahezu Heilungen gesehen zu haben glaubte, und selbst bei grossen Cavernen gar nichts von einem 45*


