266

Thiermedieinsche Rundschau etc. 1891. No. 23.

zu beseiigen sind, den wahren und alleinigen Reiz zur Zellproliferation und zur Gewebspro- duction bilden. Die Cohnheim-Weigert'sche Entzündungslehre verkennt den ganzen, wichtigen, der Nekrose vorhergehenden activen Process, der auf einer unmittelbaren Reizung auf stabile und Wanderzellen beruht, oder konnte ihn wohl ein fach noch nicht kennen oder würdigen. Da diese Consequenzen für die Entzündungslehre noch nicht gezogen worden sind, möchte ich dies hier besonders vermerken.

Die Naturheilung eines Tuberkelknötchens er- folgt demnach, wenn es geschlossen und klein ist, nur dadurch, dass der speeifische Reiz der Fuberkelbacillenproteine die befallenen und umgebenden Zellen des thierischen Körpers biochemisch zur definitiven Vernichtung der Baecillen befähigt. Diese specifische Fähig- keit bestimmter Zellterritorien kann, wie die vielen grossartigen Versuche und Erfolge der Brehmer- schen Methode beweisen, auch dadurch erreicht oder gesteigert werden, dass man den Stoffwechsel des Körpers auf dem langsamen Wege einer rationellen, hygienisch-diätetischen Methode in toto hebt, und damit auch die einzelnen Organe, Gewebe und Zellterritorien biochemisch leistungs- fähiger macht. Durch diese letzte Methode wird die Kunstheilung in der Richtung der natürlichen Immunität herbeigeführt, bei der man die Fähig- keit der von den Infectionserregern befallenen Zellterritorien, die Mikroparasiten von vornherein zu vernichten, aber nicht als einen Reizzustand bezeichnen darf, wenn man nicht das ganze Leben als einen Reizzustand bezeichnen will.

Die Naturheilung eines im Innern pereits nekrotisirten und grösseren Tuberkels wird peripher in derselben Richtung angestrebt, aber viel un- vollkommener erreicht. In diesem Falle ist nicht nur eine centrale nekrotische Masse zu entfernen (durch Resorption und Wanderzellen), sondern die Proteine wirken infolge ihrer zu starken Con- centration auch fort und fort weiter nekrotisirend. Hierbei können Gefässe eröffnet und durch Hinein- gelangen der an der Peripherie sich vermehrenden Bacillen weitere Infeetionen an entfernteren Orten veranlasst werden, oder es entstehen Geschwüre und Cavernen an Stelle von normalem Gewebe, mit deren Entstehen die Gefahr einer uncontrolir- baren Verstreuung der noch lebenden Bacillen verbunden ist. Eine Beschränkung des Weiter- wachsens des Tuberkels und des Uepergreifens auf das gesunde Nachbargebiet ist aber noch immer möglich, weil peripher stets der Entzündungs- reiz der Proteine die Zellen des gesunden Ge- webes specifisch trifft und sie dadurch wieder zur Vernichtung der Bacillen befähigt und anregt. Es handelt sich dann practisch nur um

die wichtige Frage ob während des Forischreitens dieser localen Heilung, die übrigen Körpergewebe imstande sind, mit den inzwischen weiter ver- schleppten Bacillen fertig zu werden.

Will man die Heilung nicht auf dem Wege der Brehmer'schen Methode nach Art der natür- liehen Immunität durch langsame Umstimmung des Stoffwechsels anstreben, so kann man die Kunstheilung auf dem Wege der heterologen Me- dicamente anbahnen. In diesem Falle werden Substanzen als Heilmittel einzuführen sein, welche als erster Bedingung derselben Localisation fäbig sein müssen, wie sie der Tuberkel selbst zeigt und welche von dem kranken Gewebe aus den Süften angezogen werden Pieser Weg müssle in erster Linie mit mineralisahen Substanzen an- gestrebt werden, die die Ernährung der ange- griffenen oder überhaupt die zum Kampfe nöthigen Zellterritorien langsam beeinflussen, lange gegeben werden können und entweder als Stimulans den Gewebsstoffwechsel ähnlich günstig gestalten, wie die hygienischen Methoden, oder welche vielleicht mit den Fellalbuminaten Verbindungen eingehen, die antiparasitär oder giftwidrig wirken. Dass organische Supstanzen auszuschliessen sind, folgt damit aber nicht. Dieser Weg war bis jetzt bei der Tuberculose und Phthisis erfolglos, wenn man von seltenen oder besonders localisirten Formen der Erkrankung absicht. Es bleibt dann noch der Weg der Immunisirung, d. h. der Finführung von Bacterienproducten selbst. Dieser Weg kann in zwei Richtungen angestrebt werden, auf dem Wege der Einführung antagonistischer Producte, wie es z. B. bei einer Bekämpfung der Tuberkel- bacillen durch Bacterium termo der Fall sein würde, oder aber durch Einführung der homo- logen Producte, d. h. der Stoffwechselproducte oder Bestandtheile des Tuberkelbacillus selbst. Dies ist der Sinn der Anwendung der Koch'schen Lymphe, des Tuberculin.

Nach dem Vorhergehenden dürfte es wohl einleuchten, dass diese Stoffe niemals in Gaben einzuführen sind, bei denen die Allgemeinwirkung vorherrscht, also Wirkungen auch auf gesundes Gewebe möglich sind. Es muss aber auch ohne weiteres klar sein, dass Dosirungen absolut zu verwerfen sind, bei denen die locale Reaction bis zur Nekrose gesteigert wirkt. Soll das Mittel im Geiste desNicht-Schadens zur Anwendung kommen, so muss es in so geringen Mengen ge- geben werden, dass nur die Reizwirkung sich geltend machen kann. Infolge der bereits be- stehenden specifischen Reizung der nächsten Zellen um die tuberculös infiltrirten übt dieses Gewebe eine specifische elective Wirkung auf das in den Säften kreisende Gift aus. Ist die Menge gering genug, so wird dadurch nur noch eine