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256 Thiermedieinische Rundschau ete. 1891.
No. 22.
die nervõösen Apparate ausüben. Diese Toxine wirken nun wohl(im Gegensatze zu den Proteinen) lähmend auf die Zellen, so dass es nicht zu einer rechten Reaction kommt, sondern das Wachsthum sich zunächst unbeschränkt geltend macht. Dann aber fallen am Orte der primären oder secundären Localisation central in dem Maasse der peripheren
Vermehrung auch ältere Individuen der natürlichen Involution zum Opfer und sterben ab. Diese ab-
gestorbenen Bakterien werden allmählich aufgelöst durch die chemische Thätigkeit der Gewebszellen und Säfte und vielleicht können schon vorher, bei Nachlassen der Lebensthätigkeit, beim Ab- sterben analoge Stoffe als scheinbare Stoffwechsel- produkte austreten— diese albumoiden Stoffe, zweifellose Proteine und scheinbare Stoffwechsel- produecte sind als identisch zu betrachten und von den echten Stoffwechselprodukten auseinander zu halten. Damit diffundiren die Proteine der minder vitalen, absterbenden und gestorbenen Bakterien in die Umgebung und jetzt gesellt sich zum Wachsthumsreiz, dem ersten Agens. ein zweiter chemischer Reiz,
der durch Diffusion weiter
reichen kann und dadurch von jetzt ab so vor-
herrschend wird, dass man den primären Wachs-
thumsreiz, der das Finnisten und die Bildung
des Knötchens ermöglicht, fast ganz übersicht und praktisch auch wohl vernachlässigen darf. Mit diesem Momente treten zwei Gruppen von che- mischen Körpern, zwei eiweissartige Gifte in Thätigkeit, welche bis zu einem gewissen Grade einander entgegengesetzt wirken. Die Tox- albumine s. str., welche peripher gebildet und deshalb prompt resorbirt werden und Allgemein- wirkungen ausüben, und die Proteine, welche infolge ihrer gewissermassen centralen und nach- träglichen Bildung im Krankheitsherde mehr loca- lisirt zur Wirkung kommen und wegen der Er- schwerung der Resorption nicht so weit und wegen ihres Nichtbeeinflussens der nervösen Ap- parate auch nicht so allgemein wirken.
Bei acutem Verlaufe und unmittelbarem Zu- sammenhange mit dem Blute überwiegt das peri- phere Moment, die Bildung der Toxalbumine und die allgemeine Giftwirkung, wie bei der Cholera, der Septikämie; bei chronischem Verlaufe über- wiegt das centrale das locale Moment, wie bei der Tuberculose, und bei jedem Infectionserreger kann nach der Empfänglichkeit der Thiere, d. h. nach der specifischen Leistungsfähigkeit und Reiz- barkeit des in Betracht kommenden Zellterritoriums eine Verschiebung pald nach der einen, bald nach der anderen Richtung eintreten.
Sobald einmal aber einige Tuberkelbacillen ab- gestorben sind, werden ihre Proteine frei und wirken nunmehr auf die Zellen, in denen sie ab- gestorben sind, und auf die Zellen der nächsten
Umgebung ein. In dieser Hinsicht ist es wohl wichtig, dass Scholl und ich nachgewiesen haben, dass das Tuberkelprotein resp. die specifisch wirkende Substanz keiner Extraction dureh Glycerin oder anderer Substanzen bedarf, sondern dass es bereits durch die natürlichen Lösungsmittel(Cul- turflüssigkeit, Zell- und Gewebssäfte) ausgelaugt wird und unter die Stoffwechselproduete übertritt. So lange die Menge dieses Giftes eine geringe ist, tritt nur die Reinwirkung des- selben ein, d. h. die umgebenden Zellen zeigen die Erscheinungen der nutritiven und forma- tiven Reizung, wir finden Kerntheilungen. Zell- vermehrung, Uebergänge in Bpitheloid- und Riesenzellen; aber auch von Seiten der Säfte finden wir die sicheren Zeichen der für diese charak- teristische Reaction auf eine Entzündung, d. h. Fibrin, wo im normalen Gewebe nichts derartiges sich findet. Am weiteren Absterben der Tuberkel- bacillen betheiligt sich aber von jetzt ab nicht nur die natürliche Involution der Bacterien, sondern auch activ die gereizten Zellen selbst, sei es, dass sie die in ihrem Innern befindlichen noch lebenden Bacterien durch ihre infolge des Reizes des Proteins gesteigerte chemische Leistungs- fähigkeit im Sinne der Phagocytose verändern, vernichten, auflösen, sei es, dass die durch ihre Beeinflussung der Säfte diese mehr als vorher zur Vernichtung der ausserhalb der Zellen iegenden Bacterien geeignet machen. Thatsächlich finden wir von jetzt ab ein stärkeres Absterben der centralen Bacterien innerhalbdereinzelnen Zellen und ausserhalb der Zellen im Innern der Knötchen und hierbei treten alle die Formen der Degeneration der Tuberkelbacillen auf, welche viele mit diesen histologischen Dingen nicht Ver- traute neuerdings als besondere Wirkungen der injicirten Koch'schen Lymphe glaubten auffassen zu müssen. Am günstigsten für den mensch- lichen Organismus und zu vielen spontanen Heilungen führend gestaltet sich dieser Kampf der gereizten Gewebe gegen die Bacillen dort, wo die Zellen bereits an sich im Zustande der intensiven nutritiven und formativen Reizung sind, im kindlichen Organismus. In diesen und ana- logen Fällen beim Erwachsenen und den immunen Thierspecies führt diese gesteigerte chemische Leistungsfähigkeit der Gewebszellen direct oder durch die Säfte der befallenen Zellterritorien zur definitiven Vernichtung der Tuberkel- bacillen undohne jedes Intercurriren einer Nekrose kann die Naturheilung, die Restitutio in integrum erfolgen. Der Reiz ist durch die von ihm veranlasste direete reactive Ent- zündung der Zellen auch der Grund der Heilung. Wenn die Zellterritorien unempfäng- licher Thiere von vornherein die Bacterien ver-


