1. August.
Thiermedicinische
Rundschau etc. 249
wenn die Collegen mehr und mehr für einschlägiges Er- fahrungs-Materfal sorgen möchten, auf Grund dessen eine Statistik zu ermöglichen wäre. Dies seine Bitte, mit welcher er seinen Vortrag schliesse.—
Nachdem der Vorsitzende Herrn Professor Dr. Moeller im Namen des Vereins seinen Dank für den interessanten und lehrreichen Vortrag ausgesprochen, forderte derselbe die Versammlung aufzu etwaiger Discussion über den Gegenstand.
Kreisthierarzt Huth-Pasewalk hielt einen in der Praxis peobachteten Fall von Lumbago für erwähnenswerth, wel- cher anscheinend mit einer Cruralis-Lähmung complicirt geweren wäre, die sich jedoch bei der Section als auf Zerreissung des ligamentum teres mit Verjauchung der umliegenden Gewebe beruhend, herausgestellt habe. Der Vortragende führte aus, dass der Besitzer des betreffenden Pferdes eine Fahrt mit demselben unternommen habe, das Pferd aber nach einigen Hundert Metern Trab nicht mehr ohne Zwang hätte weitergehen wollen. Darauf sei es mit Mühe in den Stall zurückgebracht und anfänglich auf Kolik mit Abführmitteln behandelt worden. Als Kreis- thierarzt Huth consultirt worden sei, hätte er das Pferd nicht, wie es bei an Lumbago gravis leidenden Pferden der Fall zu sein pflegt, liegend resp. wit dem Vordertheil aufgerichtet, sondern stehend und in etwas aufgeregtem Zustande angetroffen. DLie Muskulatur des Hintertheils hätte sich bei der Palpation hart, nicht schmerzhaft an- gefühlt, Patient jedoch im übrigen die Diagnose„Lumbago“ ungezwungen rechtfertigen lassen, wenn nicht der rechte Hinterfuss eine besondere Eigenthümlichkeit dargeboten hätte. An demselben wären keinerlei zu einer derartigen Läsion im Verhältniss stehende Entzündungserscheinungen wahrzunehmen, auch Fraktur ausgeschlossen gewesen. Der Schenkel hätte sich gegen Nadelstiche unempfindlich ge- zeigt, wäre permanent in den Gelenken gestreckt gewesen, so dass derselbe den Eindruck gewacht hätte, als ob er zu lang sei und wäre beim Versuch, ihn nach vorne zu stellen, mit Leichtigkeit in schräger Richtung nach vorne und innen, auch die Last aufnehmend, abgewichen, von wo er freiwillig nicht wieder zurückgezogen worden wäre. Ebenso nach hinten hätte der steife Schenkel, aber weniger weit und leicht, künstlich zurückgestellt werden können, ohne dass eine motorische Action nach vorn Seitens des Patienten stattge unden hätte. Auf eingehendes Befragen des Besitzers wäre von demselben dann auch noch bekundet worden, dass Patient beim Zurückführen in den Stall nicht hätte über die Schwelle kommen können und bei der Ge- legenheit auf das Hintertheil gefallen wäre. PTrotz dieser Anamnese hätte Redner aber doch nicht an eine Zerreissung des runden Bandes, sondern eher an eine tiefe Quetschung mit Lähmung des Cruralis gedacht, obwohl bei dieser die Gelenke sich mehr in Beugestellung zu befinden pflegten. Herr Professor Moeller bemerkte hierzu, dass betreffs der einschlägigen Differentialdiagnose die aufgehobene Fixation und Beugung des Kniegelenkes bei der Belastung für die Cruralis-Lähmung Ausschlag gebend sein müsse.
College Prieur-Bergen ist der Ansicht, das soge- nannte Festliegen bei trächtigen Kühen sei auch als Läh- mung zu betrachten und will die Beobachtung gemacht haben, dass Einreibungen und andere Mittel keinen beson- deren Zweck hätten, da derartige Patienten bei ruhigem Verhalten und geregelter Diät von selbst wieder auf die Beine kämen. Kreisthierarzt Huth erwähnt einen dies- bezüglichen Fall, bei dem derselbe trotz anfänglich ver- ordneter hercischer Mittel ebenfalls keinen baldigen Erfolg sah, sondern die betreffende Patientin, nachdem lange nichts mehr geschah, erst nach einem Vierteljahr wieder flott wurde und ist also der Meinung, dass die Muskulatur wohl nicht allein für das Festliegen verantwortlich gemacht werden könne. Herr Professor Moeller erwidert den Vorrednern, dass er zwar nur indirect eine Ansicht hierüber vertreten könne, da seine Praxis in dieser Beziehung nur
gering sei, er halte aber dafür, dass beim Festliegen der Kühe keine Lähmung vorliege, sondern bei derselben, je nach individueller Anlage, namentlich aber bei wohl- genährten und fetten Exemplaren, hauptsächlich unzu- reichende Muskulatur vorhanden sei, um die Last des Kalbes ohne Ermüdung zu tragen. Dieser Ansicht tritt auch Departementsthierarzt Ollmann-Greifswald bei, welcher ebenfalls der Muskulatur die Hauptrolle dabei zu- kommen lässt.
Kreisthierarzt Toepper-Cabes erwähnte zwei Fälle von muthmasslich rheumatischer Oruralis- und Supras- capularis-Lähmung, welche durch 4stündiges Finstellen zweier lahmer Pferde in einen See durch zu starke Ab- kühlung entstanden wäre; schon nach 2 Tagen wären beide Patienten ohne besondere Behandlung, gesund gewesen.—
Nunmehr begaben sich die Collegen in das physio- logische Institut der Universität, wo denselben von dem Professor Herrn Dr. Landois in liebenswürdigster Weise die herrlichen Räume und practischen Einrichtungen dieses Instituts gezeigt und erklärt wurden. Das Haupt- interesse der Collegen erregte ein Hörsaal mit Terrassen- Sitaplätzen und einer, durch einfachen Fingerdruck mecha- nisch beweglichen, demonstrativen Zwecken dienenden Vorderwand. Herr Professor Landois demonstratirte ad oculos auf einer matten, runden Glasscheibe derselben, vermittelst eines in dem Nebenraum befindlichen electro- photographischen Projections- Apparates, in stark ver- grössertem Massstabe, verschiedene, namentlich veterinär- medicinisch wichtige mikroskopische Präparate und einige recht anschauliche Abbildungen medieinischer Koryphäen, wie Malpighi, dem Begründer der mikroskopischen Ana- tomie, Schwann u. s. w. Sichtlich befriedigt kehrten die Collegen dann nach dem pathologischen Institut zurück, wo Herr Professor Dr. Gravitz denselben mit vollendeter Bereitwilligkeit und in sehr liebenswürdiger Weise in den schönen Räumlichkeiten daselbst viele wichtige Objecte der interessanten Sammlung zeigte und durch wissenschaftliche Erklärung dem Verständnisse der aufmerksamen Collegen einverleibte. Mit besonderem Interesse überzeugte man sich von der vorzüglichen Eigenschaft der Gravitz'schen Salzlösung als Conservirungsflüssigkeit. So war 2. B. an einer schon lange aufbewahrten icterischen Leber der Icterus noch wie bei einer eben durch Section entnommenen Leber deutlich zu erkennen. Auch mehrere Photographien pathologischer Präparate, welche quasi zum ewigen Ge- dächtniss aufgenommen werden, ehe sich das anatomische Object verändert und undeutlich wird, erregten wegen ihrer Schärfe und Peutlichkeit wie sie kein Zeichner auszuführen im Stande sein würde, gerechte Anerkennung. Es möge gestattet sein, den beiden Herren Professoren noch einmal den aufrichtigen Dank der Collegen des pommerschen thierärztlichen Vereins für den ihnen gebotenen wissen- schaftlich so interessanten Genuss an dieser Stelle aus- zudrücken, wenngleich dies auch schon durch ihren Vor- sitzenden geschehen ist.—
Zur Erledigung noch einiger geschäftlicher Vereins- Angelegenheiten trat die Versammlung nochmals in Func- tion und ist darüber noch zu berichten, dass dem Kassen- wart, Herrn Kreisthierarzt Rathke, nach Rechnunglegung und Prüfung derselben, Decharge ertheilt wurde, dass bei der statutenmässig vorgenommenen Neuwahl des Vereins- Vorstandes, Herr Departementsthierarzt Ollmann zum 1. und Herr Veterinär-Assessor Müller-Stettin zum 2. Vor- sitzenden durch Stimmzettel gewählt wurden und dass die Herren Kreisthierärzte Rathke und Huth, durch Zu- ruf wiedergewählt, dankend annehmen. Als Ort und Zeitpunkt für die nächste Versammlung kamen„Stettin“ und der Sonntag zwischen dem 15. und 25. September cr. zur Annahme.— Neu aufgenommen wurden als Mitglieder die Collegen Fetting-Pyritz, Steinke-Gützkow, Peters- Demmin und Baltzer-Wolgast.
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