248 Thiermedicinische Rundschau etec. 1891. No. 21.

Bei der sogenanntenschlaffen Lähmung, führte Redner aus, verhielte sich der Muskel ganz so wie im Stande der Ruhe, derselbe wäre vollständig schlaff und könnte hin und her bewegt werden, wie man es bei Rädialis und Suprascapularis-Lähmung beobachte. Anders sei das Verhalten des Muskels bei derspastischen Läh- mung; hier wäre nicht Unthätigkeit, sondern andauernde Contraction vorhanden. Darin könnte man nun freilich einen Widerspruch erblicken, da man von einem gelähmten Muskel keine Contraction erwarte; aber das hinge mit der Reflexerregbarkeit zusammen, unter welcher man bekannt- lich das Vebergreifen von dem eentripetalen auf den centri- ſugalen Nerven verstehe. Bei der ersten Art der Lähmung, der schlaffen, wäre also die Reflexerregbarkeit aufgehoben, dann wären gewöhnlich periphere Nerven und nur aus- nahmsweise das Rückenmark erkrankt, während bei der spastischen Lähmung mit gesteigerter Reflexerregbarkeit namentlich das Rückenmark ergriffen sei. Man nähme an, dass reflexhemmende Fasern existirten. Als Beispiel wurde die Hemiplegie bei der Staupe der Hunde und die Pata- Iysis dolorosa, Drucklähmung des Rückenmarkes angeführt, pei Wirbelbruch dagegen hätte man aber schlaffe Lähmung. Ebenso, wenn die Facialis-Lähmung centralen Ursprungs sei, dann kehrten die Lippen wieder zurück.

Die zweite Veränderung, die uns der gelähmte Muskel zeigen könne, bestehe in der Atrophie desselben, welche einmal sehr schnell und ein anderes Mal sehr langsam vor sich gehe. Diese Eigenthümlichkeit ginge aus von den im Rückenmarke eingeschalteten Ganglien, und es führten alle Pähmungen, weſche vor dem Abgang der motorischen Nerven im Bückenmark ihren Sitz hätten, schnell zur Atrophie, während diejenigen Lähmungen, welche hinter der Abgabe der motorischen Nerven lägen, langsam zur Atrophie führten. Im letzteren Falle habe man es mit der degenerativen Atrophie zu thun, wobei die Muskel-Elemente sich entfärbten, die Querstreifung einbüssten, verfetteten und zerfielen. Bei der Voraussetzung des ersteren Falles

aber schrumpfe der Muskel zwar, pliebe im übrigen aber unverändert. Für die Beurtheilung der Erkrankungen stellte Redner allgemeine Anhaltspunkte auf, welche sich aus der

verschiedenen Emwicklung und dem Verlauf der Lähmung ergeben. In prognostischer Bezichung sei bei der degene- rafiven Atrophie Heilung nicht möglich. Ob diese über- haupt eintreten kann oder nicht, hänge ab von dem Ver- halten des Muskels gegen Einwirkungen des galvanischen Stromes. So lange noch faradische Erregbarkeit vorhanden sei, wäre die Prognose günstiger, anderenfalls ungünstig, weil dann Degeneration vorläge.

Diesen Erörterungen folgte eine vergleichende Bespre- chung der wichtigsten peripheren Lähmungen, sowie eine vergleichende Betrachtung ihrer Ursachen und Beurtheilung, sowie auch der Behandlung derselben. Besondere Berück- sichtigung fanden hierbei die Paralysen am Kopf(Facialis, trigeminus und reccurrens), sowie die Lähmungen des Radialis, suprascapularis und ermalis, welche noch durch Zeichnungen und Photographieen erläutert wurden.

Herr Professor Moeller bemerkte betreffs der Fa- cialis-Lähmung, dass dieselhe fast immer peripher wäre, meist veranlasst durch Quetschung der Umschlagsstellen desselben, er habe gewöhnlich Heilung und zwar in vier pis sechs Wochen eintreten gesehen. Nur eine einzige centrale Facialis-Lähmung wäre ihm vorgekommen. Hier vermuthe man die Einwirkung toxischer Substanzen; aber sie könne auch im Verlaufe schwerer Erkrankungen vor- kommen, namentlich in solchen Fällen, wo die Patienten sich nicht aufrecht erhalten könnten. Die Diplegia facialis wäre auch mit Lähmung des oberen Augenlides, der Zunge und des falschen Nasenloches, welches dabei herunter- geklappt sei, verbunden. Patienten letzterer Art gingen regelmässig an Erstickung zu Grunde, wenn sie angestrengt wurden.c Trigeminus-Lähmungen, fährt Redner fort,

wären diejenigen des 3. oder Unterkieferastes am häufigsten und meist peripher. Die von Lydtin bei einem Patienten beobachtete Atrophie der Kaumuskeln gehöre wahrscheinlich zu dieser Kategorie Heilung erfolge hier meist in kurzer Zeit, auch wäre dies der Fall bei der an Hunden oft beobachteten einfachen Unterkiefer- oder Kaumuskel- lähmung. Diese hätte mit der Hundswuth Michts gemein, 8so dass Lähmung des Unterkiefers resp. der m. m. Masseter ext. et pterygoidens internus et ext. bei Hunden nicht immer für Lyssa charakteristisch sei, bei welcher Krankheit die in Rede stehende Lähmung vielmehr centralen Ursprungs sein müsse.

Bezüglich der sehr bekannten und namentlich nach der Influenza pectoralis oft beobachteten Recurrens-Lähmung wurde bemerkt, dass hier ohne Zweifel Narbengewebe auf der Pleura die mechanische Ursache abgebe, weswegen auch an Heilung in sclchen Fällen fast niemals gedacht werden könne.

Radialis-Lähmungen, bei denen die Streckmuskeln complet oder incomplet mangelhaft funetionirten, hätte Redner wohl üper 20 Fälle beobachtet und gewöhnlich Heilung eintreten gesehen. Ungünstig fiele die Prognose aber aus, wenn die Antagonisten zu bedeutende Uebermacht gewönnen, so dass der Schenkel sich in starker Beugestel- ſung befinde und den Eindruck mache, als ob er zu lang wäre. Zur Entstehung derartiger Lähmungen genügten in vielen Fällen schon leichte Fehltritte, wie solche namentlich auf dem Berliner Asphalt-Pflaster häufig vorkämen. Bei der incompleten Radialis-Lähmung stolperten die Patienten schon bei der geringsten Unebenheit des Bodens. Zuweilen komme es auch vor, dass der m. anconaeus extern. leistungs- fähig bleibe, wofür dann ein Vorwärtsschnellen des Bug- gelenkes beim Aufsetzen des Fusses charakteristisch wäre.

Die Lähmungen des Suprascapularis, wobei Alteration der Auswärtszicher, teres major etc. ein mangelhaftes Fixiren des Schultergelenkes pewirkten, wären sehr un- günstig zu beurtheilen; von drei beobachteten Fällen wäre nur einer geheilt worden. Es habe dies seinen Grund in einer, bei den hier meist in Betracht kommenden, grob mechanischen ursächlichen Momenten, stattfindenden starken Rückwärtsbewegung und gewaltigen Ueberdehnung des Nerven mit nachfolgender degenerativer Atrophie.

Günstiger gestaltete sich die Prognose fär gewöhnlich pei den Gruralis-Lähmungen, weil dieselben meist nur durch Fehltritte und leichte Dehnung der Nerven verursacht würden; aber nicht, wie so oft angenommen würde, durch rheumatische Einflüsse. Der Schenkel befinde sich hier

in Beugestellung bei der Belastung, weil die Strecker,

quadriceps fem. und Kniescheibenmuskeln nicht im Stande wären, das Kniegelenk zu fixiren. Die Heilung erfolge meist in wenigen Tagen, auch dann, wenn die Lähmung infolge übermässig schwerer Arbeit plötzlich entstanden sei. Dagegen werde die Lähmung als nicht seltene Be- gleiterscheinung der Lumbago resp. Haemoglobinurie oft mehr chronisch, infolge des Druckes, welchen der Nerv auf seinem Wege durch die Proas-Muskelnerleide. Wean sich schon in einigen Wochen bedeutende Atrophie aus- pilde oder die Lähmung sich langsam ausbreite, dann liege gewöhnlich etwas Unreparables zu Grunde, und sei es dann mit der Therapie nur schwach bestellt; allerdings hätte Redner in einem Falle noch nach neun Monaten Heilung beobachtet. In therapeutischer Bezichung wurde bemerkt, dass es meist schwer halte, auf den gelähmten Nerven direct einzuwirken, z. B. bei Oruralis-Lähmung. Es hätten sich aber bewährt: Mässiges Arbeitenlassen des Muskels, Massage in Form des Klopfens mit der Hand oder einem Waschklöpfel, auch kalte Douche, welche der Massage gleichkomme während von Veratrin und Strych- nin nicht soviel Erfolg zu erwarten sei.

Am Ende seines Fortrages angelangt, hob Redner be- sonders hervor, dass es höchst dankenswerth Sein würde,