244 Thiermedicinische Rundschau ete.
1891. No. 21.
Aber für die Aerzte bestand darin eine Gefahr, die sie nicht rechtzeitig erkannt und vermieden haben. Statt vorsichtigen Gebrauchs der ein- greifenden Gegenmittel entstand eine schädliche Vielgeschäftigkeit, die die Wohlthat in eine Pflege verwandelte, wie besonders die geradezu unge- heuerlichen ärztlichen„Leistungen“ in den Kriegs- lazarethen im vorigen und zu Anfang dieses Jahr- hunderts zeigen.
Die Reaction gegen diesen Unfug und die Versuche, dem Grundsatze des„nicht Schaden!“ gerecht zu werden, zeitigte einerseits unter Hahne- mann die Homöopathie, die sofort den einen Unsinn durch einen anderen ersetzte, indem sie die Potenzlehre einführte, jene wunderliche Idee, dass ein Mittel um so wirksamer sei, je ver- dünnter es ist, statt sich damit zu begnügen, die alte Erfahrung wieder ins Gedächtniss und die Praxis zurückzurufen, dass manche Mittel auch in verdünntem Zustande wirken und dass manche Mittel je nach der Menge entgegengesetzte Effecte veranlassen können. Auf der anderen Seite führte die Reaction die Schulmedicin zum vollständigen Nihilismus der Wiener Schule.
Hierdurch lernte man zunächst den natür- lichen Verlauf der Krankheiten, Typen, Krisen, specifische Besonderheiten wieder kennen und klinisch vertiefen, indem man die pathologische Anatomie mit Bewusstsein zu Rathe zog. Dass
oft der natürliche Verlauf der beste und sicherste ist, ergab sich dabei so evident, dass unter der
euphemistischen Bezeichnung der„expectativen“ Behandlung diese Methode sich trotz aller Aende- rungen der Anschauungen gehalten hat.
Aber auch das Fxperiment musste die neue Richtung, welche vom Nihilismus sich wieder
entfernte und neuerdings wieder mehr und mehr
der Gefahr der Polypragmasie entgegengeht, mit begründen helfen. Directe Vergiftungsversuche an zum Tode verurtheilten Verbrechern, wie sie im Mittelalter Fallopia angestellt hatte, oder Infectionsversuche, wie sie Moczutkowski am Menschen erfolgreich mit Recurrensblut, oder Impfungen an zum Tode verurtheilten Verbrechern, wie sie neuerdings Arning auf Honolulu mit Lepra anstellte, konnten das natürlich in der Regel nicht sein. Die Thierversuche, welche in dieser Hinsicht die Klärung anbahnen sollten, führten leider zu Uebertreibungen und voreiligen Uebertragen solcher therapeutischen Versuche auf den Menschen. Hiergegen haben sich Binz, ich, Schulz, Salkowski wiederholt energisch aus- gesprochen. Auch Koch warnte neuerdings bei Finführung seiner Lymphe davor, was ihn aber nie abgehalten hat, aus seinen Thierversuchen über Infectionskrankheiten die weitgehendsten und mit den epidemiologischen Erfahrungen oft
in directem Widerspruch stehenden Ansichten über Contagiosität selbst solcher Infectionskrank- heiten zu deduciren, wo alle Momente zusammen etwas anderes lehren.
Die Nothwendigkeit, auch am gesunden Men- schen Versuche zu machen, durch welche das Thierexperiment erweitert wird, hat neuerdings H. Schulz wieder mit Recht betont. In dieser Beziechung hat H. Buchner mit W. Meyer und L. Raab interessante Versuche mit den Bakterien- proteinen in Bezug auf ihre entzündungs- und eitererregenden Fähigkeiten angestellt und auch Koch später an sich selbst einen Versuch mit seiner Lymphe gemacht.
Dass die Entscheidung schliesslich aber in den klinischen Versuchen am Menschen liegen muss, bedarf wohl kaum einer besonderen Betonung. Aber ehe man hierzu übergeht, kann man jetzt noch zu den erstgenannten Versuchen, am Thier oder am gesunden Menschen, den mikrobiolo- gischen Versuch treten lassen, indem man die Wirkung des Mittels auf specifische Mikropara- siten unter reinen Bedingungen studirt.
Aus der Summe dieser Erfahrungen ergiebt sich zunächst in Uebereinstimmung, Erweiterung und Vertiefung der von den früheren Aerzten, z. B. bei Opium gemachten Erfahrungen als erste fundamentale Thatsache, dass jedes für
irgend ein Protoplasma, für irgend eine
Zelle in bestimmten Mengen tödtende Mit- tel, bei etwas geringeren Graden nur läh- mend oder entwickelungshemmend wirkt, dass darauf ein Indifferenzpunkt kommt, und dass jenseits dieses liegende Mengen den gerade umgekehrten PEffect der Rei- zung und Steigerung der Leistung des Protoplasma ausüben. Hier handelt es sich nicht um eine Potenzirung: je verdünnter, desto wirksamer. Sondern jedes Mittel hat nach jeder Richtung seine gesondert festzustellenden Grenzen. Deshalb wird man in Zukunft wohl einerseits die bisher vernachlässigte Seite dieser Frage, die Wirkung geringer Mengen, mehr berücksichtigen müssen, aber man wird aus praktischen Gränden bei manchen Mitteln mit Rücksicht auf die Sicher- heit der Verabreichung auch nur von der einen oder der anderen Wirkungsweise Gebrauch machen können. Dieses chemische Reizgesetz deckt sich übrigens vollständig mit dem von Pflüger for- mulirten Zuckungsgesetz und dies beweist, dass es sich um ein Grundgesetz für die Lebewesen handelt.
Die zweite fundamentale Thatsache ist die, dass die speeifische Gliederung, welche sich in den Organen, Geweben, Lellterritorien des
Körpers und bei den Mikrobien bemerkbar macht, auch therapeutisch zur Geltung kommt.
Nicht


