1. August.
Thiermedicinische Rundschau etc.
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Wie sich die praktische Medicin thatsächlich entwickelt hat, liegt der Schwerpunkt des Han- delns in der Anwendung von chemischen Mitteln in Form von Recepten. Was dem practischen Juristen und Verwaltungsbeamten der Paragrapb, das ist dem praktischen Arzte das Recept! Die Aerzte haben das Publicum so gewöhnt, und jetzt muss der Arzt so handeln. Aus diesen Thatsachen erklärt sich auch psychologisch aus- reichend, dass Koch mit seiner Angabe, dass er ein Mittel gegen die Tuberculose habe, solchen Rieseneindruck machte. Die Erklärung, dass er eine Lymphe habe, würde lange nicht so gewirkt haben, weil wir längst wissen, dass bei den Lymphen sich wissenschaftlich noch viele Neben- fragen aufdrängen, welche Lymphen eigentlich stets nur als Theil einer Methode erscheinen lassen, und dass der Staat überall der Anwendung der Lymphen gesetzliche Schranken gezogen hat. Die Entdeckung einer umfassende ärztliche und naturwissenschaftliche Bildung voraussetzenden Methode vollends hätte nicht nur das grosse Pub- licum, sondern auch die Mehrzahl der Aerzte kalt gelassen. Wie wäre es wohl sonst denkbar, dass man in Deutschland ganz vergessen konnte, dass die Heilbarkeit gewisser Formen der Tuber- culose der Gelenke und der Haut längst bewiesen war, dass Brehmer seit dem Jahre 1853 in hartnäckigen Kämpfen gegen das Vorurtheil der Aerzte und Laien die Heilbarkeit der Lungen- tuberculose und selbst der schwersten Fälle der Lungenphthise bewiesen und in reichem klinischen Material unsere Kenntnisse über diese Dinge be- reichert hat, und dass die junge Generation der Phthisiotherapeuten unter Führung von Dett- weiler diese Beweisführung immer weiter und schärfer geführt hat.
Dass die Wirkung der Heilmittel von ihrer
inneren Zusammensetzung, ihrer chemischen Con-
stitution abhängt, hat Paracelsus zuerst gelehrt.
Seine„Arcana“ umfassen Substanzen, welche die Heilkraft der Natur erwecken, und solche, welche den„Samen“ der Krankheit vernichten. Grundlegung der Therapie kennt demnach zwei ganz different wirkende Kategorien von inneren Medicamenten, welche später die Aerzte in ver- schiedene sich heftig bekämpfende Parteien trenn- ten. Die eine Gruppe der Mittel wirkte, wie man sich später ausdrückte, im Sinne des contraria contrariis, die andere des aequalia aequalibus oder similia similibus. von beiden Kategorien von Mitteln beobachtete man Erfolge, besonders in den Händen unserer grossen medieinischen Klassiker, die, auf der Höhe der medicinischen Kunst stehend, die Kunst des Individualisirens auch ohne unsere modernen
Diese
den grössten ärztlichen Praktiker aller Zeiten zu den ihrigen zählten. Diese echten Hippokratiker wussten von den scheinbaren Gegensätzen nichts. Sahen sie doch, dass sogar dasselbe Heilmittel, je nach seiner Menge, ganz verschieden wirken konnte! So zeigt z. B. van Swieten, dass das- selbe Opium in grösseren Gaben beruhigt, in kleineren erregt, Und unter Brown, dem Schöpfer der ersten naturwissenschaftlichen Theorie in der Medicin, konnte der Gegensatz und die Ueber- einstimmung sogar in die Formel ausklingen: „Opium sedat!— Opium mehercle minime sedat!“
Wenn sich auch allmählich die Mehrzahl der Aerzte wegen der Bequemlichkeit auf die Seite des„Opium sedat“ stellte und darüber die Reiz- wirkung minimaler Gaben vergass, so hörte diese Seite der Frage damit nicht auf zu existiren und eine Kategorie von Aerzten hat stets ihre Erfolge auf solche Dosirungen mit gesetzt: die Badeärzte. Bei den geringen Mengen der in Betracht kom- menden Salze der einzelnen Quellen stehen wir vom Standpunkt der Wasserversorgung von Städten allerdings streng auf dem Standpunkt des kürzlich verstorbenen Rhapsoden der Chemiker, von Emu Ceka, welcher diesbezüglich singt:
„Lithiumsalze schmecken prächtig, Sind der Heilkraft gar verdächtig Und kaum minder wirksam als Das gemeine Küchensalz!“
Aber trotz aller Versuche, die Heilwirkungen der Heilbäder und Quellen aus der Summe der gelösten Bestandtheile, der physikalischen Wirkung der Temperatur der Bäder, der hygienisch-diäts- tischen und physiologischen Factoren der Bade- orte zu erklären, bleibt jeder Quelle noch ein bestimmtes specifisches Etwas, was wohl ohne Betheiligung der Minimalwirkung der geringen, in Lösung befindlichen besonderen Substanzen nicht verständlich ist.
Dass aber die andere Richtung so glatt das Uebergewicht bekommen hat, rührt wohl einer- seits aus der grösseren Bequemlichkeit der Ver- abreichung grosser Gaben, aus der PTrivialität des Gedankens, ein Gift oder eine Krankheit durch ein Gegengift oder ein Gegenmittel zu bekämpfen,
dann aber andererseits auch wohl daher, dass
Was aber das Wichtigere ist,
diese Richtung zunächst glücklich war in der Auffindung geeigneter Medicamente, von denen man nur die Quecksilber- und Antimonpräparate, Guajak und Chinarinde zu nennen pPraucht, um zu verstehen, wie derartige Volksmittel bald das
Penken und Handeln der Aerzte beeinflussen
mussten. Die entgegengesetzte Richtung musste sich solchen Erfolgen gegenüber fast ganz auf die widerliche Dreckapotheke zurückziehen und gerieth so mehr und mehr in die Hände von
Hilfsapparate kannten, und im„alten“ Heim Schindern, Kräuterweibern ete.
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