Thiermediecinische
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Rundschau ete. 1890. No. 4.
Säugethiere ist zwar nicht frei von Irrthümern, die uns heute ein überlegenes Lächeln abnöthigen müssen, doch sind die darin vertretenen Theorieen über Racepildung, Einwirkung des Klimas, seine Schilderungen der Lebensart und der Eigen- thümlichkeiten der Thiere als glänzende zu pe- zeichnen.
In Deutschland begann, abgesehen von der Pferdezucht, die in den Händen der Gestüts- männer lag, das Interesse für die Viehzucht und den Aufbau züchterischer Theorien erst mit der Einführung der Merinos aus Spanien. Mit aller Macht wandte sich der grössere Grundbesitz diesem goldbringenden Zweige zu, nur das, was sich auf feine Wolle bezog, fand Beachtung, die Przeugung von Fleisch, die Heranbildung eines gesunden, kräftigen Viehstapels war vollkommen nebensächlich, ja. eine kräftige Ernährung war der Frreichung des Zuchtideals„feine Wolle“ gerade entgegen, möglichste Spätreife mit kärg- ſicher Fütierung der aus strenger Inzucht her- vorgegangenen Individuen konnte den pecuniãren Prfolg allein sichern, die Lehre von der Constanz stand in ihrer höchsten Blüthe.
Auf Kosten der Schafzucht wurde die Rind- viehzucht arg vernachlässigt. Man hatte wenig Einnahmen aus der Milchwirthschaft, die Fleisch- preise waren sehr niedrige, weil die breiten Volks- massen mit den schmalen Finkünften sich mehr an vegetabilische Nahrung hielten, und die mangel-
haften Verkehrswege nicht wie heute die con-
currenzfähige Verwerthung der thierischen Pro- ducte gestatteten. Kein Wunder, dass man ganz allgemein dem Ackerbau in der Wirthschaft den Vorzug einräumte, Thierzucht aber nur so weit trieb, als es für die Erzeugung von Stallmist un- umgänglich nöthig war. Das liess sich am besten pewerkstelligen mit dem System der Preifelder- wirthschaft. Hierbei konnte man genügend Kör- ner verkaufen, erhielt viel Stroh, streute viel ein und erhöhte dadurch angeblich die Bodenkraft, ohne zu wissen, dass man gerade durch den fort- währenden Cerealienbau den Boden aussog. Doch die Animalisation, die besondere Fähigkeit der thierischen Maschine, dem aufgenommenen Fut- ter bei seiner Wanderung durch den Thierleib eine besondere Güte, eine düngende Kraft. zu ver- leihen, wog nach den damaligen Ansichten alle Nachtheile auf.. Besserung dieser Zustände, die in ganz Deutsch- land mit Ausnahme derjenigen wenigen Gegen- den, die, wie das Gebirge oder die norddeutschen Meeresgestade, Graswirthschaft trieben. herrschten, trat erst ein, seit Albrecht von Thaer die Lehre des Forischritts in der Landwirthschaft ver- preitete. Die Erfahrungen, die er sich durch seine Reisen in Norddeutschland und England
erwarb und die er in seiner EFinleitung zur Kenntniss der englisehen Landwirthschaft nieder- legte veranlassten ihn, den Stab über die Drei- felderwirthschaft zu brechen, und der Umstand, dass er Medicin studirt und früher als Arzt in seiner Vaterstadt Celle thätig gewesen war, machten ihn auch besonders befähigt. die Natur- wissenschaften in der praktischen Thierzucht zu verwerthen. Sein Hauptverdienst ist indess die Förderung der Wochselwirthschaft und des Kar- toffelbaues, durch welche es den Landwirthen möglich wurde, den Thieren besseres Futter zu reichen und die Grundbedingungen für eine ge- deihliche Viehzucht zu schaffen.
Nicht weniger als Albrecht von Thaer griff Justus von Liebig in das Getriebe der Land- wirthschaft und Thierzucht ein. Er wies die Be- deutung der Mineralstoffe für die Pflanzen und für den Ackerbau überzeugend nach, er gründete die Lehre vom Stoffersat?, nach welcher man dem Boden durch den Dünger das ersetzen muss, was man ihm durch die Produete genommen. Hierdurch angeregt erhöhte man in allen besseren Wirthschaften die Bodenkraft und somit auch die Futtererträgnisse. Weiter waren die Resul- tate Seiner Forschungsn, dass das Thier die Haupt- pestandtheile seines Blutes in der Nahrung fertig gebildet finden müsse, dass die Eiweisskörper vornehmlich der Blutbildung und die stickstoff- freien Substanzen der Wärmeentwickelung dienten, von pahnbrechender Wirkung für die rationelle Ernährung der Thiere.
Wie Liebig war sein Zeitgenosse Darwin, wenn auch nach einer anderen Seite hin, von entscheidender Bedeutung für den Fortschritt in der Entwickelung der PThierproduction. Die züchterischen Erfolge seiner englischen Lands- leute, denen es gelungen war, Thiertypen heraus- zuzüchten, die von der Stammform oder bei Kreuzungen von ihren Componenten so wesent- lich verschieden waren, dass ihnen eine selb- ständige, also neue Racenqualität zugestanden werden musste, ferner seine scharfsinnigen Be- opachtungen der Pflanzen- und der Thierwelt, im Verein mit den Ergebnissen der paläonto- logischen Funde, hatten in ihm die Ueberzeugung wachgerufen, dass die Arten, Racen und Indi- viduen sich in einem ewigen Wandlungsprocesse pefinden, dass der Schöpfer das Stereotype in der Natur nicht wolle und pflanzliche wie thie- rische Geschöpfe mit der Fähigkeit„abzuändern“ ausgestattet habe. Diese Abänderung erstrecke sich nicht nur auf die Racen, sondern auch auf die Art, nur sei der für den letzteren Fall er- forderliche Zeitraum ein zu grosser, als dass er innerhslb der geschichtlichen Zeit beobachtet sein
konnte.


