Thiermedicinische Rundschau etc.
1890. No. 3.
chaft erhoben; durch seine statistische Uebersicht der an- steckenden Thierkrankheiten im preussischen Staate vom 1. April 1852 bis Ende März 1852 rief er die„Mittheilungen
aus der thierärztlichen Praxis“ in's Leben, welche als die
Anfänge der heutigen Thierseuchen-Statistik und neben seinen Publicationen über Roiz, Lungenseuche, Rinderpest, Räude u s. w. als eine wesentliche Grundlage der Vieh- seuchen-Gesetze zu betrachten sind.
Durch seine Versuche über die Entwicklung thierischer Ento-Parasiten und über die Uebertragbarkeit verschiedener Krankheitsgifte durch Impfung und Fütterung hat er einer sachlich geregelten Controle der Fleischnahrung des Men- schen die Wege geebnet. Er war in Peutschland einer der Ersten, welcher die Perlsucht des Rindviehs mit der Tubereulose der anderen Säuger einschliesslich des Men- schen identificirte und die Infectiosität der Milch sowie des Fleisches perlsüchtiger Thiere nachzuweisen versuchte.
Im thierärztlichen Unterrichtswesen hat Gerlach tief- greifende Reformen angestrebt und soweit als vorläufig möglich war, durchgeführt. Da er seine eigenen Schul- kenninisse sich recht mühsam hatte erwerben müssen, so wusste er den Werth einer guten Vorbildung um so mehr zu schätzen und strebte deshalb nach Erhöhung der An- forderungen für die Zulassung zum thierärztlichen Fach- studium. Bei den bezüglichen Berathungen des 3. inter- nationalen Veterinär-Congresses in Zürich(1867) wirkte und stimmte er für folgendé von fraglicher Versammlung an- genommene Resolution:
„Zum Studium der Thierarzneiwissenschaft bedarf es keiner geringeren Vorbildung, als zum Studium der Mediein. Ps ist deshalb dahin zu streben, dass zum Eintritt in die thierärztlichen Bildungsanstalten die Universitätsreife ge- fordert werde.“
Der 4 internationale Veterinär-Congress 1883 in Brüssel hat diese Forderung wiederholt und der deutsche Veterinär- rath 1885, sowie der 12. Congress des medicinischen Ver- eins Italiens 1887 haben sich derselben ausdrücklich an- geschlossen.
Wo sie, wie damals in den meisten Staaten, noch nicht zu verwirklichen war, da sollte zunächst die Reife für Prima als Minimum der Vorbildung angestrebt werden. Demgemäss hat Gerlach i. J. 1877 in den Conferenzen der Commission, welche die thierärztliche Prüfungsangelegen- heit für das Deutsche Reich zu berathen hatte, mit dahin gewirkt, dass seit dem 27. März 1878 für die thierärztliche Approbation in Peutschland die Reife für Prima eines Literatur- oder Realgymnasiums, sowie ein 7semestriges Fachstudium, die erfoſgreiche Absolution einer naturwissen- schaftlichen und schliesslich einer Fachprüfung gesetzlich verlangt wird.
Mit dieser Erhöhung der Anforderungen ist nun keines- wegs, wie die Gegner derselben fürchteten, eine Abnachme, vielmehr eine bedeutende Zunahme in der Frequenz der deutschen Veterinärinstitute eingetreten. Eine normale Regelung der Bezichungen zwischen beiden Zweigen der Medicin wird aber erst dann stattfinden, wenn für das Studium der Menschen- und Thierheilkunde die nämliche Vorbildung gesetzlich vorgeschrieben sein wird. Dies ist in Schweden bereits seit 25, in Belgien seit einigen Jahren zur völligen Zufriedenheit aller Betheiligten der Fall und von jetzt ab wird auch in Frankreich für das Studium der Thier- heilkunde die Universitätsreife gefordert. In gleicher Weise wird früher oder später auch bei uns fragliche Angelegen- heit entschieden werden müssen, da Menschen- und Phierheilkunde es mit den nämlichen naturwissenschaft- lichen Disciplinen zu thun, sich gegenseitig zu ergänzen und einzelne Gebiete gemeinsam zu bearbeiten haben. Hieran kann selbstverständlich eine Umgestaltung des Unter- richts in unseren Mittelschulen nichts ändern. Was natur- gemäss zusammengehört, wie die beiden Zweige der Ge- sammtwedicin, das kann auf die Dauer nicht ungestraft
auseinander gehalten und nach verschiedenen Grund- sätzen behandelt werden.
Wie Gerlach diese Frage sachgemäss zu lösen suchte, so war er als Director der Thierarzneischule in Hannover, wie in Berlin, stets bestrebt, den thierärztlichen Unterricht zu erweitern und zu vertiefen, indem er nicht nur für Er- höhung der Anforderungen an die Studirenden, sondern auch für die Vermehrung der Lehrkräfte und Lehrmitte nach Möglichkeit sorgte. Die Trennung der pathologischen Anatomie und später auch der Physiologie von der Pro- fessur für normale Anatomie an hiesiger Hochschule ist sein Werk. Das damit verschiedene Erweiterungs- und Neubauten verbunden waren., ist selbstverständlich und soll hier nicht näher erörtert werden.
So hat Gerlach in seinen Werken und Handlungen sich selbst ein ehrendes Denkmal gesetzt, welches dauern- der ist, als dies Denkmal aus Erz, das jetzt enthüllt un- seren Augen sich zeigt ein Wahrzeichen fachgenössischer Dankbarkeit und Verehrung, ein Zeugniss für die Mit- und Nachwelt, dass im thierärztliehen Stande eine geistige Kraft und ein lebendiger Idealismus sich bethätigen, die selbst unter schwierigen Verhältnissen ausgezeichnete wissenschaft- liche Leistungen hervorzubringen vermögen. Dafür liefert uns das Leben Gerlach's, das voll und ganz seinem Be- rufe geweiht war, einen sicheren Beweis. Selbst wenn des Schicksals Stürme ihn wild umbrausten, suchte und fand er Trost bei seiner Wissenschaft, welche ihm noch auf dem Sterbebette eine treue Gefährtin war. Für sie schlug auch das kranke Herz noch warm und rein, bis seine edle Seele ihrer irdischen Hülle entschwand. 8So starb er als einer der hervorragendsten Lehrer der thierärztlichen Wissen- schaft und als ein erfolgreicher Vertreter des deutschen Veterinärwesens— gesegnet, verehrt und geliebt von seinen Fachgenossen, uns Allen ein Vorbild, wenngleich auch er nicht ohne Fehler war.
Nam vitiis nemo sine nascitur, optimus ille Qui minimis urgetur.¹)
Dieser Besten Einer war Gerlach, der nur von klei- neren menschlichen Schwächen bedrückt wurde, die er selbst kannte und beklagte. Als ich bald nach Uebernahme meiner jetzigen Stelle ihn von Halle aus hier in Berlin be- suchte, sagte er mir, dass er leicht erregbaren Temperamentes sei, wodurch ihm und Anderen manchmal Unannchmlich- keiten erwüchsen. Wie tief und anhaltend es ihn jedoch betrübte, wenn er Jemanden wehe oder gar unrecht gethan zu haben glaubte, das werden am besten seine nächsten Angehörigen wissen, welche noch heute in höchster Ver- ehrung und Liebe seiner Herzensgüte gedenken
Was aber Gerlach die Liebe und Verehrung seiner Fachgenossen in so hohem Grade und für immer ge- sichert hat, das ist das lebhafte Interesse, welches er für seinen Stand in allen Lebensstellungen bewahrte und be- thätigte.
Wie eine solche Treue von den Thierärzten allgemein dankbar anerkannt wird, das beweisen ausser dem vor uns stehenden Monumente auch das Haubner-Denkmal in Dres- den und das Bouley-Denkmal in Alfort. Letzteres ver- sinnlicht ausserdem die für die gesammte thierärztliche Welt bedeutungsvolle Thatsache, dass in Frankreich bereits vor Jahren ein Thierarzt würdig befunden worden ist, den Präsidentenstuhl der Academie der Wissenschaften in Paris, einer der angesehensten Körperschaften der Gelehrtenwelt einzunehmen, während in Deutschland gegen die Thier- medicin und ihre Vertreter das alte Vorurtheil noch viel- fach seinen Zauber übt.
An uns, verehrte Commilitonen, ist es, dem Beispiele und der Meinung Gerlach's folgend, jede passende Gelegen- heit zu benutzen, um die Zerstörung jenes Truggebildes endlich zu vollenden. Dies wird um so sicherer und
) Horaz Satiren Buch I. 3 v. 68 und 69


