Thiermedicinische Rundschau etc.

1890. No. 23.

Infectionskrankheiten.

Ueber die lnfluenza. von Büumler-Freiburg i. B. (Congress für innere Medicin.)

Redner giebt einen Ueberblick über die bei der jüngsten Influenza-Epidemie gemachten Be- obachtungen und hebt dabei hervor, dass der Mehrzahl der Aerzte die Krankheit als etwas Un- bekanntes entgegengetreten sei; dass Krankheits- bild habe sich in der grossen Mehrzahl der Fälle ganz und gar nicht gedeckt mit dem eines miss- bräuchlich sogenannten Influenza- oder Grippe- katarrhs. Fs habe im Gegentheil in vielen Fällen Katarrh überhaupt dabei vollständig gefehlt und die Krankheit sei als ein einfacher kurzer Fieber- sturm verlaufen. Redner geht sodann näher auf die ätiologischen Verhältnisse der Krankheit ein, schildert die Art der Ausbreitung derselben, ins- besondere an einem einzelnen Orte, hebt die häufig nachweisbar gewesene Finschleppung durch Zu- gereiste, ihre Verschleppung in vom Verkehr im Winter ganz abgeschlossene Wohnstätten, auf Bergeshöhen(Grimsel u. a. in der Schweiz, Feld- berg im Schwarzwald), das Freibleiben dagegen von einzelnen, ganz vom Verkehr abgeschlossenen Anstalten inmitten von durchseuchten Städten hervor, Erfahrungen, welche der grossen Mehr- zahl der Aerzte die Krankheit dies Mal als eine eminent contagiöse hätte erscheinen lassen. Dieser Annahme stünde auch die rasche Art der Aus- breitung, die übrigens überschätzt worden wäre, durchaus nicht im Wege. Das schnelle Umsich- greifen erkläre sich vollkommen durch die grosse Contagiosität, verbunden mit sehr allgemeiner Empfänglichkeit für die Krankheit und mit einer schr kurzen Incubationszeit von oft nur 24 Stunden und weniger. Das Contagium müsse übrigens ein sehr vergängliches sein, doch könne es wohl auch eine Zeit lang in wirksamem Zustande Gegen- ständen anhaften bleiben, wofür u. A. eine von Schauta mitgetheilte Beobachtung spreche. Die Fälle von Uebertragung auf Hausthiere(Katzen und Hunde in Kairo) seien sehr selten beobachtet worden; insbesondere berechtige das Verhalten der Pferde während dieser Influenza-Pandemie zu dem Schluss, dass die als Pferde-Influenza bezeichnete Krankheit wohl eine Krankheit sui generis sei.

Der Nachweis des specifischen Infectionskeimes der Influenza sei trotz eifrigsten Suchens danach nicht gelungen. Dagegen sei eine Reihe von bacteriologischen Thatsachen festgestellt worden, welche für die Beurtheilung der Complicationen von grösster Wichtigkeit seien und unsere Kennt- niss eines Mikroorganismus, nämlich des Fränkel- Weichselbaum'schen Pneumoniediplococeus wesent- lich erweitert hätten.

Die Influenza-Ursache be-

bare, serung. Die mikroskopische Untersuchung des

wirke offen bar im Organismus solcheVeränderungen, dass das Gedeihen dieses und anderer Bacterien in ausserordentlicher Weise begünstigt würde und dass daher frühzeitiger als bei irgend einer an- deren Infectionskrankheit secundäre, durch diese Bacterien erzeugte Complicationen zu Stande kämen.

Nach Berührung der Frage, in welchem Ver- hältniss die mehrfach beschriebenen, isolirt blei- benden kleinen Epidemien zu der pandemisch sich verbreitenden Influenza stehen, ferner der Fragen der Empfänglichkeit und Immunität gegen- über der Krankheit, sowie der Rückfälle derselben, geht Redner über zur Frörterung der Krankheits- erscheinungen und hebt zunächst hervor, dass die Krankheit häufig als ein reiner, kurzer Fieber- anfall verlaufe. Die dabei zur Beobachtung kom- menden Erscheinungen und das schwere Ergriffen- werden des Gesammtorganismus deuteten darauf hin. dass das Blut eingreifendere Veränderungen erleide. Dafür sprächen nicht nur die häufig zu- rückbleibende Blässe, sondern besonders auch die mit Eintritt des Fiebers oder am Anfang der Krankheitserscheinungen in der grossen Mehrzahl der Fälle mehr oder weniger hervortretende, wahrscheinlich als Vrobilinicterus aufzufassende Gelbfärbung der Sclera und nicht selten auch der Haut, ferner die von dem Vortragenden und ver- schiedenen anderen bei vielen Kranken nachweis- zuweilen sogar fühlbare Milzvergrös-

Blutes habe charakteristische und ausschliesslich der Influenza zukommende Veränderungen nicht nachweisen lassen, denn die von Klebs gefun- denen und als Monaden gedeuteten beweglichen Körperchen kommen, wie A. Kollmann angiebt und wie von Browiecz auf dem Congresse demon- strirt wurde, unter Umständen auch im Blute von Gesunden vor.

Die tiefgreifenden Blutveränderungen chemisher Natur, auf welche die besprochenen Symptome

hindeuteten, in Verbindung mit der ausgesproche-

nen Blutgefässerweiterung, welche im Fieber- stadium vorhanden sei, trügen wesentlich dazu bei, um für alle möglichen Infectionen, durch den Fränkel'schen Diplococcus, den Streptocoecus pyogenes und den Staphylococcuss aureus und albus(Levy), sowie für die verschiedenartigsten anderweitigen Complicationen und Nachkrank- heiten den Boden vorzubereiten, von denen ein Theil, wie die schweren Nervenerscheinungen, wohl als Toxinwirkungen der Bakterien aufzu- fassen sei. Auch die frühzeitige Schädigung des Herzens gehöre wahrscheinlich in dieses Gebiet, und diese trage dann ihrerseits wesentlich bei, um neue Complicationen(Gangrän der unteren Extremitäten u. a.) zu veranlassen.