Thiermedicinische
Rundschau etc.
1890. No. 22.
dass die Feier eine ungewöhnliche Ausdehnung nehmen würde. Drei grosse Säle in diesem Restaurant waren sehr frühzeitig derartig mit Festtheilnehmern angefüllt, dass man unwillkührlich an das in den Tagen der Feier mehrfach citirte Dichterwort erinnert wurde:„Wer zählt die Häupter, nennt die Namen, die gastlich hier zusammen- kamen“. Zwar wurde einmal der anerkennenswerthe Ver- such gemacht, die Namen festzustellen, allein die Schaar der Neuankommenden machte den Versuch wieder zunichte.
Nachdem eine grössere Zahl der Gäste sich eingefunden, unter denen wir bemerkten Ober-Regierungsrath Dr. Lydtin aus Karlsruhe, Professor Dr. Arnold aus Hannover, Pro- fessor Csokor aus Wien, Professor Hutyra aus Budapest, professor Dr. Pütz aus Halle, Direktor Fricker aus Stutt- gart, Professor Pr. Johne aus Dresden, Prof. Dr. Fröhner aus Berlin u. A., begrüsste Herr Professor Hahn die An- wesenden mit herzlichen Worten. Dann wurde manch freudiges Wiedersehen unter den in sehr grosser Zahl aus allen Theilen Bayerns erschienenen Collegen gefeiert, die zum Theil mit den Farben ihrer Corporationen geschmücht an den Tischen derselben sich niedergelassen hatten. Auch in den Kreisen der Studirenden herrschte nämlich, wie hier beiläufig bemerkt sein soll, eine ganz besondere Freude. War es doch den seit längerer Zeit suspendirten farben- tragenden Verbindungen Normannia und Vandalia gelegent- ich der Centenarfeier zum ersten Male wieder gestattet worden, öffentlich aufzutreten. 8So fehlte die äussere Ver- herrlichung aller studentischen Feierlichkeiten auch bei den Festtagen in München nicht— Schnell gingen die Stunden des Begrüssungsabends vorüber und der Morgen des Hauptfesttages war schon herangekommen, als sich die letzten Anwesenden zum Aufbruch anschickten.
Montag den 28. Juli begann dann die Reihe der Fest- lichkeiten mit einem feierlichen Acte im alten Bathhaus- Saale Fürwabr, geeignetere Räumlichkeiten für eine Cen-
tenarfeier, wie diese, dürften kaum vorhanden gewesen sein. Die alten, ehrwürdigen Räumlichkeiten mit ihren
historischen Wanddekorationen wirkten mit ihrem für diese Feier ihnen noch verliehenen besonderen Schmuck wahr- haft erhebend auf jeden, der den Saal betrat. Ein grosser
Hain exotischer Pfanzen mit der Kolossalbüste Sr. Königl.
Hoheit des Prinz-Regenten von Bayern erhöhte den weihe- vollen Eindruck des Festsaales, durch dessen bunte Glas- scheiben ein Meer von Licht sich ergoss. Pazu kam das Bild der Festversammlung, wie sie würdiger jene alten herrlichen Räume des Rathhauses nicht oft geschen haben dürften. Vertreter der höchsten staatlichen und städtischen Behörden, Professoren und Gelehrte, zahlreiche ehemalige Schüler der Anstalt und die gesammte gegenwärtige Studentenschaft füllten den grossen Saal bis auf den letzten Platz. Wohl über 500 Personen mögen sich eingefunden
haben. Man bemerkte unter den Anwesenden den Kultus-
minister Dr. von Müller, Staatsminister Freiherrn von Feilitzsch, Regierungspräsident von Pfeufer, Regierungs-
rath Bumm, Ober-Medicinalrath Dr. v. Kerschensteiner, das Vorurtheil, das gegen den thierärztlichen Stand bestand,
Polizeidirektor von Welser, Rector Magnificus der Uni- versität Professor Dr. Gayer, die Professoren Dr. Rüdinger, Dr Bollinger, Dr. von Voit, Pr. Soxhlet, Dr. Vogel, Dr. Haushofer, Director der technischen Hochschule, Dr. Laubmann, Direktor der Staatspibliothek, Regierungs- rath Göring. BReferent im Ministerium und Landesthier- arzt, Generalsecretair Professor May, als Vertreter der Stadt München, Bürgermeister Dr. von Widenmayer, der Vorstand des Collegiums der Gemeindebevollmächtigten Ritter von Schultes, die Magistratsräthe Radspieler, Weber, Schuster u. s. w. Sämmtliche im höheren Staats- oder Gemeindedienst thätige Persönlichkeiten waren in ihren Galasfaatsuniformen erschienen, wobei wir Gelegen- heit hatten, auch die sehr stattliche und kleidsame Gala- uniform der ordentlichen Professoren der münchener Hoch- schule kennen zu lernen.
Nach einem Festmarsch eines Streichorchesters der Kapelle des Leib-Regiments betrat Professor Hahn die Festtribüne, um die Festrede zu halten. Wir entnehmen derselben Folgendes: Es ist das erstemal, dass diese Anstalt in dieser Weise an die Oeffentlichkeit tritt Bisher ist an derselben im Stillen gewirkt worden, und war nur den nächsten Interessentenkreisen deren Thätigkeit bekannt. Nach hundertjährigem Bestehen der Anstalt und nach ihrer derzeitigen Verfassung glaubte dieselbe mit ihren Angehörigen berechtigt zu sein, anch das Interesse weiterer Kreise wecken zu sollen. Die hohe Versammlung heute spricht aus, dass dieser Wunsch erfüllt sei. Ich danke im Namen der Anstalt und ihrer Angehörigen für die chrenvolle Theilnahme, die Sie unserer Anstalt an ihrem Jubeltage zu PTheil werden liessen. Wenn man an der Wende zweier Jahrhunderte steht, ergiebt es sich fast als natürlich, zurückzublicken auf das, was im vergangenen Jahrhundert an dieser Anstalt geleistet worden ist und es knüpft sich daran die weitere Frage: wie ist die Anstalt ihren Zwecken nachgekommen? Dies in kurzen Strichen zu zeichnen, vorzugsweise unter Hervorhebung der Ent- wicklung des veterinärmedicinischen Unterrichts, wollen Sie mir gestatten. Wenn wir auf eine solche Vergangenheit zurückblicken könnten, wie die Mediein, dann wären wir freilich glücklich; zeugen doch schon die Papyrusrollen der Pyramiden, die Sanskritliteratur von den Spuren der Medicin. Die Medicin beschäftigt sich aber nur mit dem Menschen oder mit dessen Krankheiten und das Thier ist nur so nebenbei als Untersuchungsobject verwendet worden. Es ist demnach von einem veterinär- medicinischen Unter- richt in früherer Zeit niemals die Rede, sondern er hat erst mit der Gründung der thiérärztlichen Lehranstalten in der Mitte des vorigen Jahrhunderts begonnen und das Verständniss hiefür gaben die Viehsenchen zu dieser Zeit. Die ersten Veterinäranstalten wurden in Frankreich 1761 zu Lyon und 1766 zu Affort bei Paris gegründet. In Bayern gab die erste Anregung zum wissenschaftlichen Betrieb der Thierheilkunde die Landschaft von Pfalz- Bayern, indem sie bat, dass an der Universität Ingolstadt ein Lehrstuhl für Veterinärmedicin errichtet werde und das geschah auch in demselben Jahr(1781) und es wurde ein junger Arzt als ordentlicher, öffentlicher Professor sofort aufgestellt. Derselbe verblieb bis 1800 im Verband der Universität Ingolstadt; allein gerade die verheerenden Phierseuchen waren es, die die Stautsregierung veranlasste, qiese Persönlichkeit an die Zentralstelle zu rufen, um das Referat über die Thierseuchen zu übernehmen. Aber der Stand der Thierärzte war noch nicht so, dass er zur Durch- führung polizeilicher Massregeln verwendet werden konnte. Deswegen ging das Bestreben des Grafen Rumford dahin, eine eigene Unterrichtsanstalt der Veterinärmedicin zu gründen, was auch durch allerh. Rescript vom 26. März 1790 geschah; die Anstalt wurde am 1. Mai desselben Jahres eröffnet. Die Anstalt wurde unter dem Beifall des gebildeten Publikums gegründet, und man suchte sogar
zu bekämpfen. Aber man hat zu wenig mit dem Vorurtheil des gewöhnlichen Publikums gerechnet. Dieses war damals noch unüberwindbar. Die sich mit dem Kuriren von Thieren beschäftigten, waren Hirten, Wasenmeister, Scharf- richter, welch letztere noch als ehrlos galten, und man hielt die Beschäftigung mit kranken, noch mehr aber die Betastung todter Thiere für pefleckend. Und diese An- Schauungen wurden im Anfang auf den thierärztlichen Stand übertragen; der Zugang zur Anstalt liess dies gar deutlich erkennen, so gering die Bedingungen zum Fintritt auch gestellt waren. 1800 suchte man Landphysiker und Chirurgen, die an der chirurgischen Schule dahier waren, zu bestimmen, dass auch sie veterinär-medieinischen Unter- richt nebenbei treiben. Allein es scheiterte dieses Projekt an dem Widerstande der Land- und Wundärzte selbst. In


