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258 Thiermedieinische Rundschau etc.
1890 23
sondern eine wasserklare oder doch nur röthlich gefärbte Flüssigkeit hervorströmt.
Die Lymphorrhagie kommt ebenfalls, wie beim Menschen, auch bei unseren Hausthieren, mit Bestimmtheit jedenfalls beim Pferde vor. Pie Erkrankung ist bis jetzt nach den vorliegenden Beobachtungen charakterisirt durch Trennungen der Haut von den unterliegenden Fascien, oder durch Trennungen zwischen der Muskulatur und durch Ergiessung einer klaren gelblichen Flüssig- keit, welche als Lymphe angenommen wird. In der Flüssigkeit kann etwas Blut enthalten sein, so dass dieselbe röthlich wird, wahrscheinlich bildet die getheilte Fascie auch einen Theil der äusseren Wandtasche, wodurch die von fast sämmtlichen Thierärzten beobachtete Dicke der Wand erzeugt wird.— Nach den bis jetzt vor- handenen Beobachtungen erscheint die Fintheilung in ein oberflächliches und ein tiefes Lymphextra- vasat gerechtfertigt.
In ätiologischer Hinsicht werden mechanische Einwirkungen, die einen bestimmt wirkenden, rutschenden Druck ausüben, zu beschuldigen sein, z. B. Niederfallen und wahrscheinlich etwas Fort- rutschen auf glattem Boden, oder die drückenden, rutschenden Bewegungen der Vorderbeine des Hengstes beim Deckakte, oder vielleicht auch das Vorbeidrücken an Stallthüren, oder Schläge mit einem dicken Holz oder Eisen in abrutschender Weise ausgeführt. Die mir bekannten und bier oben angeführten Fälle sind sämmtlich an dem Hintertheile des Pferdes beopachtet.— Das ober- fächliche Lymphextravasat wird diagnosticirt durch das Fintreten einer ziemlich rasch wach-
senden Geschwulst, welche nicht entzündlicher
Natur ist. Der Inhalt erfüllt die Tasche niemals vollkommen, sondern er sitzt in den unteren Thei- len derselben, schwankt bei Bewegungen des Pferdes oder auf Fingerdruck hin und her und giebt viel stärkere Wellen ab, als die Fluctuations- geschwülste. In der Umgebung sind manchmal Spuren der mechanischen Finwirkung. Auf Ein- stich entleert sich in acuten Fällen eine klare, gelbliche oder mehr oder weniger röthliche Flüs- sigkeit.
Das tiefe Lymphextravasat charakterisirt sich anfangs durch Anftreten nichtentzündlicher Ge- schwülste mit dem charakteristischen, wenig oder nicht gerinnbaren, gelblich hellen oder dunkler röthlichen Lymphinhalte. Dieselben sind bis jetzt an den oberen Beckenpartien beobachtet worden. Ob auch an ihnen das für das oberflächliche fest- gestellte charakteristische Schwappen vorkommt, ist noch fraglich. Die in dem Extravasat ge- fundenen Flocken sind wahrscheinlich nicht Ge- rinnsel, sondern Gewebsträmmer.— Pas Leiden ist ausgezeichnet durch schwere Heilbarkeit. Eine
Resorption des Lymphextravasates erfolgt von selbst entweder nicht oder nur sehr langsam. Die losgerissene Haut hat Neigung zu Gangrän. Wenn Eiterbildung bei ausgebreiteten, tiefen Lymphextravasaten entsteht, so ist eine Heilung kaum zu erwarten, da die Fiterpilze in dem auf- gestauten, lebenswarmen Serum sich sehr rasch zu vermehren vermögen. Aber auch bei dem oberflächlichen Lymphextravasat scheinen die Eiter- pilze schr rasch und in grosser Menge von den Lymphgefässen angesaugt und fortgeführt zu werden, so dass sehr bald gefährliche Zufälle eintreten. Umänderung des tiefliegenden Lymph- extra vasates in eine braune, dickliche Masse scheint vorzukommen.
Die Therapie kann nur eine energisch ehirur- gische sein. Incisionen, selbst Einschnitte von grösserer Ausdehnung genügen nicht. Das Ein- ziehen von Haarseilen ist als gefährlich zu be- zeichnen. Es empfiehlt sich strenge Antiseptik, breite Spaltung mit gründlicher Entfernung aller losen Trümmer durch reizend desinficirende Irri- gationen: Lösungen von Chlorzink 10 Proc., Car- bolsäure 10 Proc.. Sublimat 1: 50 oder Creolin nur etwa zur Hälfte verdünnt. Einlegen eines Drainagerohres an der tiefsten Stelle, Festnähen der losen Wand der Hauttasche auf die unter- liegende Muskulatur und EFinreiben einer Scharf- salbe auf die Aussenfläche. Oder es empfichlt sich die von Adam angegebene offene Behandlung: verticale Spaltung in dem ganzen Durchmesser, Entfernung der Gerinnsel, Ausfüllen des Hohl- raumes mit Carbolwatte, die mit Jodoform bestreut ist.— Die Therapie für das tiefe Lymphextra- vasat erscheint mir schwierig und undankbar. Jedenfalls müssen gründliche Durchzüge mit Gegenöffnungen und Drainagen geschaffen werden. Reichliches Auswaschen mit desinficirenden Flüs- sigkeiten und zum Schlusse nicht nur desinfici- rende, sondern scharf zusammenziehende Sub- stanzen. Eine sehr sorgsame Behandlung des Allgemeinbefindens scheint hier angemessen, damit das Thier bei Kräften bleibt.
Arzneimittellehre.
Ueber desinficirende Mittel und Methoden. von⸗ Geppert.(GBerl. klin. Wochenschr. No. 10, 1890.) Verf. hat im Anschluss an eine frühere Unter- suchung durch weitere Versuche zu prüfen ver- sucht, inwieweit einzelne wichtige Desinfections- mittel die ihnen nachgerühmten Figenschaften auch besitzen. Bezüglich des Sublimats zeigte sich, dass dasselbe in Lösungen 1: 1000 nur dann in wenigen Minuten Milzbrandsporen in der Ent⸗ wicklung hemmt, wenn die Sporen an Gegen- ständen haften, welche die Sublimatlösung sehr


