Thiermedicinische Rundschau etc.
1890. No. 22.
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wir über die Art der Veränderungen und Vor- gänge in den Nervenzellen und Fasern während ihrer Thätigkeit so gut wie nichts wissen; und endlich, weil das Maass, die Stärke der durch die Nervenerregung geleisteten Funetionen sich kaum je in Zahlen ausdrücken lässt. Und doch weisen auch hier einzelne Erscheinungen mit zwingender Nothwendigkeit auf dasselbe Geset? der Accommodationsfähigkeit, auf eine Action der physiologischen Reservekraft bei bestimmten pathologischen Zuständen, und auf die Ausgleichung dieser durch jene hin.
Die Durchschneidung eines Nervus vagus hat keinen merklichen Einfluss auf die Bewegungen des Herzens. Wohl aber kann die Reizung schon eines Vagus dieselben zum Stillstand bringen; das heisst: durch beide Vagi geht der regulirende Finfluss zum Herzen. Und wenn trotzdem die Durchschneidung des einen derselben die Herz- action unbeeinflusst lässt, so muss der vorher
durch beide gegangene hemmende Einfluss jetzt nach der Durchschneidung nur durch den einen
restirenden gehen. Dieser restirende leistet also jetzt die Arbeit beider. Selbstverständlich kann dies unmittelbar nach der Durchschneidung nur auf dem Wege functioneller Mehrleistung ge- schehen.
[Nebenbei sei hier bemerkt, dass ich in einer Reihe von Versuchen bei Kaninchen den einen Vagus weit resecirt und nach mehreren Wochen und Monaten genau untersucht habe, ob sich irgend welche Veränderungen an den Fasern des intacten Vagus erkennen liessen. Das Resultat war nach jeder Richtung hin ein negatives. Es bedarf keiner Erwähnung, dass eine Regeneration des resecirten Vagus nicht eingetreten war.]
Als eine aussergewöhnliche Accommodations- fähigkeit des Nervensystems wird man es wohl auch ansehen dürfen, wenn die physiologischen Reize für die Athembewegungen, welche in der Gesundheit durch den physiologischen Wechsel des Kohlensäuregehaltes und Sauerstoffmangels dargestellt werden, bei plötzlichen Larynxstenosen, bei acutem Lungenödem rasch eine enorme Steige- rung erfahren. Auch hier kann man sagen, dass die Reservekraft der betreffenden nervösen Central- apparate es ist, welche die Forterhaltung des Lebens ermöglicht. Und diese Reservekraft wird ausgelöst durch die Steigerung des adäquaten, physiologischen Reizes.—
In einigen früheren Abhandlungen experi- mentellen Inhaltes war ich bestrebt, an einzelnen bestimmten Beispielen darzuthun, in welcher Weise in denselben gewebliche Veränderungen zu Stande kommen, die eine functionelle Ausgleichung bei gewissen pathologischen Zuständen ermöglichen. Mit den vorstehenden Bemerkungen möchte ich
folgende für die Pathologie wichtige Sätze be-
tonen:
1. Die functionellen Gewebe und Zellen sind in der Norm des gesunden Lebens nur mit einer gewissen Summe ihrer Leistungsfähig- keit thätig; sie besitzen eine bedeutende physiologische Accommodationsfähigkeit und Reservekraft.
Diese Reservekraft kann bei pathologischen Zuständen das Mittel der Ausgleichung, der Ueberwindung derselben werden.
Dies tritt dann ein, wenn der pathologische Zustand derartig ist, dass er eine Steigerung der adäquaten, physiologischen Reize für das Gewebe bezw. Organ bedingt.—
Anatomie und Physiologie.
Beiträge zur Frage der Hautresorption. Von Müller.(Archiv fär wiss. und pract. Thierheilkunde, Bd 5
Ueber das Resorptionsvermögen der intacten thierischen Haut sind bis jetzt nur wenige Ver- suche angestellt worden. Man hat seitens der Thierärzte die zur Zeit betreffs der Resorptions- fäbigkeit der menschlichen Haut giltigen An- schauungen ohne Weiteres als zutreffend erachtet für die TPhierhaut, obgleich man sich sagen musste, dass die Haut der meisten Hausthiere in ihrem Baue nicht unwesentlich von der Haut des Menschen abweicht. Alle diejenigen wenigstens, welche pereit sind anzunehmen, dass auf unverletzte Haut gebrachte Arzneikörper unter gewissen Umständen auf dem Wege der Haarbälge und Talgdrüsen die Epidermis zu durchdringen und in die tieferen Hautschichten, in denen sie dann leicht resorbirt werden, zu gelangen vermögen, müssen ohne Weiteres zugeben, dass die Thierhaut in Folge ihres viel grösseren Reichthums an diesen Ge- bilden eine stärkere Resorptionskraft besitzen muss, als die Menschenhaut, und dass die letztere an den Stellen, wo sie mit einer starken Behaarung versehen ist, aufnahmefähiger sein muss, als anderswo.
Aber auch das Kapitel über die Resorptions- kraft der Menschenhaut ist zur Zeit noch reich an Widersprüchen. Allein, es scheint festzu- stehen, dass die Epidermis für Wasser und für nicht reizende wässerige Lösungen nicht durch- gängig ist, wohl aber für alle gasförmigen und ſeicht sich verflüchtigenden Substanzen. Dagegen hat man sich darüber, ob Salben die Haut zu durchdringen vermögen, noch nicht im Geringsten zu einigen vermocht. Verf. hat sich deshalb zur Aufgabe gemacht, über das Resorptionsvermögen zunächst der normalen, später der erkrankten Haut des Hundes und Pferdes Versuche an-


