254 Thiermedicinische Rundschau etc.
1890. No. 22.
Accommodationsfähigkeit bezeichnen. Und wenn man, wie es der Wirklichkeit entspricht und wie sich eben aus dem Studium gewisser patho- logischer Verhältnisse ergiebt, annimmt, dass die Function der Organe und Gewebe im gewöhn- lichen Zustande nur eins mittlere Kraftentfaltung derselben darstellt, welche pei ungewöhnlicher Steigerung der Reize bedeutend erhöht werden kann, so darf man in diesem Sinne von einer Reservekraft derselben sprechen. 8So aufgefasst, kann dieser Ausdruck, welcher für die Verstän- digung wegen seiner Kürze zweckmässig ist, keine irrthümlichen Vorstellungen erwecken.
hiese Reservekraft ist es, welche in vielen Fällen pathologische Zustände überwindet, aus- gleicht und die Functionen in einem Zustande erhält, welcher nicht nur das Leben ermöglicht, sondern unter gewissen Bedingungen selbst der Norm entspricht.
Aus dem bisher Gesagten ergiebt sich ohne weiteres, dass die Reservekraft nur dann bei pathologischen Zuständen als ausgleichender Fac- tor in Thätigkeit treten kann, wenn dieselben solche Verhältnisse herbeiführen. die eine Steige- rung des auch normal auf das betreffende functio- nelle Gewebe oder das Organ einwirkenden Reizes zur Folge haben.
Im Folgenden sollen einige der Thatsachen, welche nur dureh die Annahme einer Reserve- kraft erklärt werden können, und so zu der Sta- tuirung einer solchen zwingend drängen, in aller Kürze angeführt werden.
Das Muskelgewebe, und zwar die quer- gestreifte Musculatur wie die glatte, ist einer viel grösseren Leistung fähig, als sie von demselben unter den normalen Verhältnissen verlangt und geliefert wird. Um von dem Handgreiflichsten auszugehen, so sei darauf hingewiesen, dass ein schwächliches Individuum, welches selbst bei der stärksten Willensanstrengung seinerseits mit Leichtigkeit von einem kräftigen Manne über- wunden wird, in einem maniakalischen Anfalle oder in einem sehr starken Affecte(Angst, Schreck) erstaunliche Muskelkräfte entfaltet. Selbstver- ständlich kann dies nur daraus erklärt werden, dass die unter dem EFinflusse des maniakalischen Anfalles excessiv gesteigerte Innervation ein Maxi- mum der Contraction veranlasst, dessen Möglich- keit der Muskelsubstanz innewohnt, welches aber für gewöhnlich nicht erreicht wird. Diese Re- servekraft des Muskels ist es, welche unter patho- logischen Verhältnissen das Leben des Individuums erhalten kann. Von den manchen zur Ilustration dienenden Beispielen sei nur hervorgehoben, wie bei acuten Athmungshindernissen die Respirations- muskeln allein durch die oft enorme plötzliche
Steigerung ihrer Leistung die zum Leben noth- wendige Lungenventilation ermöglichen.
Den beweiskräftigsten Beleg für die musculäre Reservekraft haben für das Herz die bekannten Versuche von Lichtheim, von Cohnheim und von Rosenbach geliefert. Wenn nach Unter- bindung einer Arteria pulmonalis, nach plötz- licher Durchstossung der Aortenklappen dennoch die Cireulation ungestört, und zwar unter unver- änderten Blutdruckverhältnissen weitergeht, so ist dies im Wesentlichen nur daraus zu erklären, dass der Herzmuskel einer so enormen plötzlich gesteigerten Mehranforderung an seine Leistung gewachsen ist; er verfügt über Reservekraft. Und das Moment, welches dieselbe auslöst, ist nur in einer Steigerung desjenigen Reizes zu suchen, welcher die Herzaction schon unter physiologischen Verhältnissen anregt— nämlich in einem stärkeren, auf die endocardiale Ventrikel- wand einwirkenden Druck.
Die angeführten Versuche sind die schlagend- sten, weil in ihnen direct ziffermässig nachge- wiesen wird, dass die Musculatur des Herzens ganz plötzlich geforderte Mehrleistungen unter Verhältnissen, welche in der Norm nicht vor- kommen, zu erfüllen vermag. Aber nach der Analogie kann man wohl ohne Fehlschuss an- nehmen, dass auch die glatte Musculatur derselben Leistung fähig ist, plötzliche acute Mehrforde- rungen durch eine ungewöhnliche Kraftsteigerung zu befriedigen. Sdo vermag die Darmmusculatur plõtzliche Hindernisse bis zu einer gewissen Grösse durch eine stark gesteigerte Peristaltik zu über- winden.
Dass auch das Drüsengewebe im Zustande der Gesundheit, unter normalen physiologischen Verhältnissen durchaus nicht mit dem Maximum seiner überhaupt möglichen Leistung arbeitet, ist nicht nur wahrscheinlich, sondern für einzelne Fälle bestimmt nachgewiesen. Und die bei patho- logischen Zuständen eintretende Mehrleistung ist es, welche oft bei einer Störung als zeitweilige Ausgleichung functionirt, gelegentlich je nach der Natur der Störung so lange ausreichend, bis die letztere aufgehoben ist, oder bis sich durch ana- tomische Vorgänge eine gewebliche Ausgleichung entwickelt hat.
Es sei darauf hingewiesen, dass die Menge der Stoffe, welche durch die Nieren ausgeschieden werden, nicht selten das Doppelte der normalen Durchschnittsmenge beträgt, ohne dass histo- logische Veränderungen im Nierengewebe, ins- besondere an den Epithelien sich wahrnehmen lassen. Dies gilt vornehmlich von vielen Fällen des Diabetes mellitus, in denen öfters trotz excessiv gesteigerter Ausfuhr von Harnstoff und Zucker durch die Nieren das Gewebe dieser ganz unver-


