15. November.

Ich nenne die stark giftigen Basen„Toxine“, die ungiftigen hingegen„Ptomaine“, letzteres zum Andenken an Selmi, welcher zuerst auf die Gegenwart alkalcidartiger Substanzen in Leichen, für welche er die Bezeichnung Ptomaine vor- schlug, die Aufmerksamkeit lenkte, der selbst aber niemals eine solehe Substanz in reinem Zustande unter seine Hände bekommen konnte. Indessen wird man diesen Namen wohl nur einen geringen Werth beimessen, die Hauptsache bleibt es, jene Substanzen rein darzustellen und ihre Constitution zu ermitteln um auch das feinere Getriebe der Bakterien in den von ihnen durchseuchten Individuen, und damit die letzten Ursachen der Krankheitssymptome zu pe- lauschen.

Der menschliche und thierische Körper bedarf zur Prbaltung seines Lebens neben gewissen anorganischen Salzen, neben Kohlebydraten und Fetten insbesondere der Eiweisskörper. Und zwar werden die complexen Molecüle derselben im

Phiermedicinische

Rundschau etc.

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Laufe der Verdauung in immer einfachere, weil gemeinsame Fleischbestandtheil, das Kreatin, aus-

nur dadurch für den Organismus verwerthpare Stoffe gespalten. Welche Rolle nun den Bakterien in der inneren Oekonomie von Mensch und Thier zufällt, ist noch völlig unklar. Der herrschenden Ansicht gemäss sind es die Fermente, deren Gegenwart wir hauptsächlich aus piologischen Processen erschliessen, welche den rationellen Abbau der Nahrung im Verdauungstractus leiten.

Schon im ersten Stadium dieses Verdauungs- actes, wenn sich die Eiweisskörper zu ihren lös- lichen Modificationen, den Peptonen, umgestalten, begegnen wir Toxinen. Schmidt-Mühlheim, Fano, Hoffmeister beobachteten nach Ein- spritzung von Peptonen unter die Haut von Thieren des Oefteren schwere Vergiftungserschei- nungen. In der That liess sich aus mittels Pepsin verdautem Fibrin ein Gift, das Peptotoxin, ent- ziehen, welches niedere Thiere unter Lähmung der hinteren Fxtremitäten und Benommenheit bald tödtet.

Reichlich treten uns Ptomaine und Toxine entgegen, sobald Bakterien in die weitere Zer- setzung der Eiweisskörper eingreifen, zumal wenn dieselben zn feineren histologischen Gebilden ge- formt sind. Fs werden alsdann auch die ein-

zelnen Bestandtheile der Zellen in das Zerstörungs- Werk mit hineingezogen, wobei die moleculären

Bruchstücke derselben durch Reduetion oder Oxy- dation zu neuen chemischen Individuen sich ver- einigen. So wurden bisher aus durch Fäulniss

zersetztem Fleisch von Mensch, Pferd und Rind der sich um die Prforschung dieser Vergiftung

gewonnen: Neuridin, Cadaverin, Putrescin, von Toxinen das Mydatoxin, ferner ein dem Typho-

toxin isomeres, sowie das Neurin und das Methyl-

guanidin. Die beiden letzten Toxine, welche

heftigere Giftwirkung ausüben, als die peiden ersteren, erläutern die Art und Weise der pak- teriellen Fähigkeit, ungiftige normale Bestandtheile des Körpers in starke Gifte überzuführen.

Pas Neurin kann nur hervorgehen aus Cholin, indem aus dieser wenig giftigen Componente des in der Natur weit verbreiteten Lecithins, von den Bakterien ein Wassermolecül herausgeprochen wird. Diese einfache Manipulation ersetzt das nur in grösserer Gabe wirksame Cholin durch ein starkes Gift, das Neurin, welches totale Läh- mung und diastolischen Herzstillstand pedingt. Ausserdem kommen unter dem Einflusse des Neurins auch noch die anderen, für die pharma- kologische Gruppe der musearinähnlich wirkenden Substanzen so charakteristischen Symptome. wie Thränen- und Speichelfluss, Pupillenverengung, profuse Diarrhoen zu Stande.

Pas Methylguanidin entspriesst hingegen der Oxydationskraft der Bakterien. Als Quelle des Methylguanidin, eines schwere Krämpfe erregen- den Giftes, ist der unschuldige, allen Säugethieren

zusprechen.

Die in Verwesung begriffenen Fische üper- raschen durch das Auftreten von mannigfaltigen Toxinen, unter ihnen ein Verwandtes, wenn nicht gar ein Gleiches des so furchtbaren Giftes des Fliegenpilzes.

Ueber die Eigenschaften dieser und noch anderer Basen aus faulem Leim, aus dem Nencki im Jahre 1876 das erste krystallinische Ptomain isolirte, ferner aus in Fäulniss übergangenem Fiweiss, Käse, Hefe, mich noch näher zu ver- breiten, würde zu weit führen.

Die hier skizzirten Ptomaine und Toxine be- theiligen sich jedenfalls an jenen gastrischen Be- schwerden und nervösen Symptomen, welche im Gefolge von Verdauungsstörungen, besonders aber nach Genuss verdorbener Nahrungsmittel zum Ausbruch gelangen und in Gestalt von Massen- vergiftungen oft recht viele Menschen dahin- raffen.

So ist als eines der wirksamen Prineipien bei Vergiftung durch Speiselorcheln von Berliner- blau in Bern das Neurin recognoscirt worden. Bei Wurstvergiftung stiess Ehrenberg u. A. auch auf das Neuridin.

Grosses Aufschen erregten vor vier Jahren die zahlreichen Vergiftungsfälle in Wilhelmshaven nach Genuss von Miessmuscheln, welche in ge- stautem Hafenwasser lebten. Nach den Schilde- rungen von Schmidtmann in Wilhelmshaven,

ganz hervorragende Verdienste erworben, empfan- den die Vergifteten kurz nach dem Genusse von Muscheln je nach der genossenen Menge der-