1. November. Thiermedieinische Rundschau etc. 27

Ueberzahl wird uns die Ergründung eines be- stimmten Krankheitsfalles mit der Herstellung der anatomischen Diagnose nicht abgeschlossen er- scheinen.

Denn erstens tritt uns bei jedem Kranken die Thatsache entgegen, dass nur ein Theil der nach- weisbaren Erscheinungen auf anatomischen Ver- änderungen beruht, ein weiterer Theil, und zwar

klärung des Zusammenhanges aller Erscheinungen, welche die Erkrankung an dem petreffenden Indi- vidium hervorruft, nicht nothwendig liefern. Der denkende Mensch aber besitzt das unabweisliche Bedürfniss nach Erkenntniss des Wesens der Naturerscheinungen, die er mit seinen Sinnes- organen wahrzunehmen vermag. Er wrill nicht allein sehen, er will begreifen, und diesem heiligen

mitunter derjenige, der das ganze Krankheitsbild

beherrscht, trägt nur den Charakter von Functions- störung an sich. Nehmen wir z. B. einen Fall

von schwerem Herzklappenfehler in einem so- genannten kardialasthmatischen Anfalle. Durch die physikalische Untersuchung gelangen wir zur Bestimmung der Hypertrophie und Pilatation des Herzens, sowie zur Feststellung des Klappen- leidens, der asthmatische Anfall aber tritt uns nur als Störung der respiratorischen Function

Triebe folgend haben die Aerzte aller Zeiten neben der practischen Medicin eine theoretische Medicin gekannt. Erst sind es philosophische, der je- weiligen Richtung, welche die Zeit den Geistern gab, entsprechende Speculationen, dann natur- philosophische Doctrinen, welche uns die Ge- schichte unserer Wissenschaft als entstehend, herrschend und wieder vergehend kennen lehrt.

Für unsere Zeit aber hat das Streben nach Erkenntniss des Wesens der Krankheit und nach

Erklärung des Zusammenhanges der Krankheits- erscheinungen jene Forschungsrichtung hervor-

entgegen ohne directe Beziehung zu der Herz- veränderung.

Zweitens ergiebt uns die Zusammenstellung des Krankheitsbildes mit dem anatomischen Be- funde nicht selten die Thatsache, dass es sich hier nur um ein Nebeneinander von Erscheinungen, um keinen directen Causalnexus, höchstens um ein Entstehen beider, des Krankheitssymptomes einerseits und des anatomischen Befundes anderer- seits aus gleicher Ursache handelt. Als Beispiel möge Ihnen die sogenannte secundäre Contractur bei cerebraler Hemiplegie dienen, welche regel- mässig bei der Section den Befund der gekreuzten secundären Pegeneration der Pyramidenbahn im Rückenmarke nachweisen lässt. Und doch dürfen wir, meiner Meinung wenigstens. die Contractur nicht von der secundären Degeneration abhängig machen, sondern blos beide auf eine Quelle, d. i. die Unterbrechung der directen motorischen Lei- tungsbahn zurückführen.

Prittens besteht zwischen der Beobachtung am Krankenbette und dem pathologisch- anatomi- schen Befunde eine grosse Kluft, die nicht immer überbrückbar ist, ich meine den Umstand, dass uns Aerzten die Krankheit als ein Geschehen von Pingen, als ein Process entgegentritt, dem Anatomen immer nur als ein Geschehenes, als ein Befund. Und nicht immer gelingt die Con- struction des ganzen Processes aus den Einzel- befunden. Was aber namentlich nicht gelingt. dass ist die Aufdeckung der Ursachen des Ge- schehens der Dinge in dem einzelnen Krank- heitsfalle.

Die specielle Pathologie an und für sich und ebenso die specielle pathologische Anatomie sind beschreibende Wissenschaften, sie gehen mit ihrer Forschungsrichtung und ihren Methoden der Frage nach dem Wesen der Erkrankung nicht noth- wendig und direct zu Leibe und müssen die Er-

Pathologie führt.

gerufen, welche den Namen der allgemeinen Ihr Zusammenhang mit der klinischen Medicin ist ein inniger, sie empfängt stetig Anregungen und giebt solche, sie hilft uns das Dunkel lichten, welches klinische Beobachtung

und anatomische Untersuchung nicht zu erhellen

vermochten, sie dankt uns aber wiederum die Grundlagen für ihre wissenschaftliche Fragestellung.

Gestatten Sie, dass ich durch ein kurzes Bei- spiel diese wechselseitige Unterstützung und Ein- wirkung Ihnen vor Augen führe. Die trostlose Lehre Flourens' von der Gleichwerthigkeit der einzelnen Theile des Grosshirns war eigentlich durch den von Broca gelieferten Nachweis der Localisation der Aphasie gestürzt, und trotzdem wollten die folgenden Jahre keine rechten Fort- schritte für die topische Diagnostik der Hirnkrank- heiten bringen. Erst als Ihr berühmter Lehrer Meynert auf Grund seiner genialen Peutung des Faserverlaufes im Grosshirn eine functionelle Diffe-

renz der vorderen und hinteren Theile des Gross-

hirns feststellte und als die bekannten Experimente von Hitzig die Reizbarkeit der Grosshirnrinde und die localen Bezichungen gewisser Bezirke derselben zu bestimmten Muskelgruppen feststellten, kam ein frisches Leben in die klinische Forschung und Thatsachen neuer, bisher ungekannter Art, richtige Deutung älterer Befunde liessen pald die topische Diagnostik der Gehirnkrankheiten sich zu jener Höhe entwickeln, wie sie uns in dem Meisterwerke meines hochverehrten Collegen Prof. Nothnagel entgegentritt. Daraus folgte dann wieder eine neuerliche Anregung für die experi- mentelle Forschung, wovon uns die so hoch- interessanten Arbeiten Munk's Zeugniss geben, und diese wiederum machen jetzt schon ihren Einfluss auf unsere Auffassung und Peutung 5*