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Thiermedicinische Rundschau etec.

1880 N

Hüllen werden die ihnen anhaftende Undurch- sichtigkeit für Sie verlieren, klaren Blickes werden Sie in das Innere schen.

Nur so wird Ihnen jene Sicherheit und Schärfe der Diagnose ermöglicht sein, deren Sie bedürfen, um jenen Weg der chirurgischen Behandlung gewisser Magen- und Darmerkrankungen zu be- treten, den uns Ihr gefeierter Lehrer Billroth und seine Schüler gewiesen haben, nur so werden Sie den Muth haben, eine Trepanation des Schädel- daches zu unternehmen, um einem von Ihnen genau localisirten Erkrankungsherd im Gehirne beizukommen.

Die Mittel, deren Sie sich bedienen mögen. um die Fertigkeit einer sicheren anatomischen Diagnosenstellung zu erlangen, sind ein fleissiges Studium der pathologischen Anatomie. das ich Ihnen schon vorhin ans Herz gelegt habe, und dann ein fleissiger Besuch der klinischen Sectionen, an welchen wir bei unserem reichen Material wohl keinen Mangel haben werden. Nichts ist lehrreicher, nichts haftet im Gedächtnisse besser und giebt mehr Stoff zum Nachdenken als der Vergleich des intra vitam erhobenen Befundes mit jenem bei der Autopsie.

Lassen Sie sich in Ihrem Streben nicht irre machen durch die heutzutage gar nicht selten wahrzunehmende Missdeutung jener wissenschaft-

lichen Richtung in der neueren Medicin, welche

die Erforschung der pathologischen Vorgänge und der Krankheitsätiologie in den Vordergrund stellt, und hüten Sie sich daraus etwa eine Herab- setzung des Werthes welchen für den medicini- schen Practiker die pathologische Anatomie besitzt, abzuleiten. Das Gegentheil davon trifft zu. Denn wenn wir die Grundlagen näher besehen, auf welchen die genannte Forschungsrichtung vor Allem mit Hilfe des Thiererperimentes weiter baut. so sind es wiederum nichts anderes als klinische und anatomische Befunde, welche sich uns darbieten. Vieles von dem, was uns als glänzendster Fortschritt der practischen Mediein erscheint, verdanken wir der pathologischen Ana- tomie allein und ich bin der vollen Ueberzengung, dass wir dieser Wissenschaft, welche sich aus der klinischen Mediein herausentwickelt hat, noch Vieles zu verdanken haben werden.

Neben dem Gebiete der anatomischen Dia- gnostik giebt es ein zweites, allerdings in seiner Ausdehnung grossen Schwankungen unterworfenes Feld, auf welchem wir unsere diagnostische Tüchtig- keit erproben müssen. Ich meine jene Krankheits- bilder und Symptomencomplexe, bei welchen, wenn sich Gelegenheit zu einer Autopsie ergiebt, ana- tomische Veränderungen nicht nachzuweisen sind. Als Beispiele mögen Ihnen gewisse Stoffwechsel-

ohne gleichzeitige für uns nachweisbare anatomische

krankheiten und Vergiftungen, die functionellen Erkrankungen des Nervensystems dienen.

Durch fortgesetzte, mit vervollkommneten Me- thoden und von neuen Gesichtspunkten aus unter- nommene pathologisch-anatomische Untersuchung wird dieses Gebiet stetig etwas eingeengt, ge- legentlich aber auch wiederum erweitert. Denken Sie z. B. an die Lähmungen nach acuten Er- krankungen, nach Diphtheritis und anderen In- fectionskrankheiten, als deren anatomische Grund- lage wir jetzt eine Neuritis kennen gelernt haben; halten Sie sich die so lange räthselhafte Paralysis ascendens acuta vor Augen, die von uns jetzt als Neuritis multiplex diagnosticirt wird. Denken Sie aber auch an die in neuester Zeit festgestellte Thatsache, dass Krankheitsbilder, welche völlig jenem der multiplan Hirn- und Rückenmarks- sklerose oder jenem der progressiven Bulbärpara- lyse gleichen, bestehen können ohne anatomischen Befund bei der Section. Ein Theil dieses Gebietes bleibt der pathologisch-anatomischen Erforschung gewiss noch für lange Zeit, wenn nicht für immer verschlossen es kann ja Störungen der Function

Veränderung des Organes geben.

Hier muss nun unsere Diagnostik darauf ge- richtet sein, in Ermanglung einer anatomischen Veränderung die gestörte Function selbst zu be- stimmen und die breite Grundlage für eine der- artige diagnostische Thätigkeit finden wir in der Physiologie, deren Lehren und Methoden sich die klinische Medicin zu diesem Zwecke dienstbar gemacht hat.

Später hat sich dann, gerade so wie es früher mit der pathologischen Anatomie geschah, aus den ursprünglich bescheidenen Anfängen, welche noch in den Händen der Kliniker lagen dank- bar muss ich hier der Verdienste Ludwig Praube's gedenken ein selbständiger Specialzweig der medicinischen Wissenschaft entwickelt, die experi- mentelle Pathologie, deren Beziehungen zu der practischen ärztlichen Thätigkeit ich jetzt be- sprechen will. wo ich daran gehe, den dritten und letzten Theil der diagnostischen Gedanken- operation vor Ihnen zu entwickeln. Dieser be- trifft die Bestimmung der Ursachen, des Wesens und des inneren Zusammenhanges der vorhandenen krankhaften Veränderungen.

Wir wollen gleichsam als Einleitung von der Beantwortung der Frage ausgehen, ob die ana- tomische Diagnose allein schon genügt, dem denkenden Arzte volle Befriedigung zu gewähren. In manchen Fällen, sagen wir z. B. bei auf rein mechanischem Wege zu Stande kommenden Er- krankungen, wird dies vielleicht der Fall sein, gewiss aber nur in der Minderzahl der sich uns darbietenden Beobachtungen. In der grossen