6 Thiermedicinische Rundschau etc.

1889 No. 1.

dem so die Milch als der wesentlichste, oft als der alleinige Verbreitungsweg des Scharlachs hingestellt war, warf sich von selbst die Frage auf, ob der Verkauf der Milch eines Händlers, in dessen Kundschaft Scharlachfälle vorgekommen waren, Seitens der Behörden noch gestattet, das Publikum nicht wenigstens auf die naheliegende

Gefahr aufmerksam gemacht werden sollte. Da-

mit aber ist der Ruin des Milchgeschäftes und nicht selten auch des Milchhändlers, dessen ein- ziger Erwerbszweig oft der Verkauf der Milch ist, ausgesprochen, und tausende von Gallonen des werthvollsten und besten Nährmaterials der Bevölkerung entzogen. In der That ist diese harte Maassregel, welche der öffentlichen Stimmung entgegenkam, seitdem oft genug durchgeführt worden zum grössten Schaden der betroffenen Landwirthe und unter dem Beifall der Aerzte, welche den Nachlass der Epidemie mit der Sistirung des Milchverkaufes in Zusammenhang brachten. Unter diesen Verhältnissen war es

ein verdienstliches und humanes Werk Seitens

des Verfassers der oben erwähnten Schrift, der allgemeinen Strömung entgegenzutreten und an dem Beispiel der Epidemie in einer kleinen, leicht überschbaren Stadt zu zeigen, wie wenig stich- haltig die Beweismomente sind, welche zur Zeit zu Gunsten der Verbreitung des Scharlachs durch die Milch angeführt werden. Wenn seine Be- weise der Natur der Sache nach auch nur nega- tiver Natur sind, so gewinnen sie doch eben dadurch den Eindruck des Ueberzeugenden, dass sie zeigen, dass, auch wenn alle von den An- hängern der Infectionstheorie geforderten Mo- mente vorhanden, dennoch die vermeintliche Folge, das Auftreten von Scharlach bei den Consu- menten, nicht eingetroffen ist. Gerade die Con- stan? und Nothwendigkeit der Folgeerscheinung ist aber das einzige Kennzeichen, welches den Schluss auf einen causalen Zusammenhang ver- bürgt. Im anderen Falle handelt es sich um den wohlbekannten Trugschluss: Post hoc ergo propter hoc.

Bevor wir jedoch auf die epidemiologischen Untersuchungen des Verfassers eingehen, dürfte es sich empfehlen die weitere Entwicklung der bacteriologischen Forschungen, welche die wesent- liche Grundlage und Stütze dieser These bilden, zu verfolgen. Abgesehen von Edington, welcher seine eigenen Befunde gegenüber den Angaben Klein's vertheidigte, traten die Professoren Axe und Crookshank¹) von der Veterinärschule der

¹) The discovery of Cow-pox. The British medical Journal, 31. Dee 1887 und Fürther investigation into the socalled Henelon Con Disease ant its relations to Searlet fever in man. Ebenda. Jan. 1889.

Annahme entgegen, als ob den Thierärzten eine so verbreitete und wohlcharakterisirte Erkrankung, wie es die von Gameron und Klein beschriebene Affection ist, und der Zusammenhang mit dem menschlichen Scharlach unbekannt geblieben wäre. Der Zufall fügte es, dass sie eine mit der auf der Hendon Farm beobachteten genau überein- stimmende Epidemie zur Beobachtung bekamen und die angeblichen Eutergeschwüre als ächte Jenner'sche Kuhpocken erkannten. Mit dem Inhalt derselben wurden Impfungen mit positivem Erfolge ausgeführt. Den darin auch von ihnen gefundenen Streptocoecus deuten sie mit Recht als secundäre Einwanderung, die mit dem ur- sprünglichen Process nichts zu thun hat. In gleicher Weise ist jedenfalls auch der Strepto- eoceusbefund im Blut scharlachkranker Menschen als secundäre Finwanderung derselben von den Tonsillen aus zu erklären ¹). Ebensowenig ist es möglich durch Verimpfung desselben eine schar- lachähnliche Erkrankung bei Kühen oder Kälbern hervorzurufen. Die damit erzielte Erkrankung ist Sepsis. Crookshank, wie die zur Prüfung der Edington'schen Befunde eingesetzte Com- mission ²) fanden diese Thiere für menschlichen Scharlach durchaus unempfänglich. Auch hat kein Beobachter bis jetzt eine Bestätigung der Klein'schen Befunde gebracht, womit wohl die

Unhaltbarkeit derselben vorläufig besiegelt sein

dürfte.

Auf die willkürliche Deutung der epidemio- logischen Thatsachen habe ich schon bei Be- sprechung der von Power beschriebenen Milch- pneumonie hingewiesen. Abgesehen davon, dass die enorme Ansteckungsfähigkeit von Person zu Person zu wenig berücksichtigt ist, finden sich in diesen und ähnlichen Berichten nur Angaben über die unter der Kundschaft eines Milchhändlers ausgebrochenen Scharlachfälle, während Nichts darüber bekannt ist, ob nicht unter der Bevöl- kerung, welche ihre Milch nicht von dort be- zogen, der Scharlach nicht ebenso sehr oder in noch höherem Grade gewüthet hat. Jede be- liebige Untersuchung, so argumentirt Hime, wird ergeben, dass die Einwohner eines gewissen Bezirkes ihren Bedarf an Nahrung, an Kleidung, an Schuhwerk etc. zum grossen Theil in den gleichen Geschäften besorgen. Es wäre leicht nachzuweisen, dass von einer gewissen Anzahl von Personen, die an Scharlach oder irgend einer anderen Affection erkrankt sind, alle oder die meisten bei demselben Bäcker oder Fleischer, oder Droguisten ihre Finkäufe besorgen. Ebenso

¹) Vergl. ein Sammelreferat des Verfassers. Central-

vlatt f. Bacteriologie. Bd. I. Nr. 13.

²) The Lancet 1887. Vol. II. p. 728.