1. October.
Thiermedicinische Rundschau ete. 5
Rande des Pons.— 4. Durchschneidungen der Brücke rufen, ausser Oeulomotorius und Trochlearis. die stürmischsten Reflexactionen hervor, vornehm- lich, wenn durch den Schnittreiz die erregbarsten Stellen getroffen werden.— 5. Elektrische Reizung der Schnittfläche bedingt allgemeine Krampfbe- wegungen, wenn die Haubenregion der Brücke gereizt wird, der mechanische Reiz der Berührung
ist unwirksam. 6. Diese Reflexcentren der
Brücke besitzen die Bedeutung einer Sammelstation
der Niveaucentren des Rückenmarks, sie dienen der Verwittlung umfassender associirter Bewe-
gungen. Die Bezeichnung„Krampfeentren“ ent- spricht sicherlich nicht der physiologischen
Stellung derselben.— 7. Fs ist damit nicht
ausgeschlossen, dass unter bestimmten Vorraus- setzungen beim Vorhandensein einer pathologisch gesteigerten Erregbarkeit oder durch abnorme Reize die Erregung dieser Centren zu ausge- breiteten Krampfbewegungen führt. Nur in letzterem Sinne kann die Bezeichnung„Krampf- centren“ beibehalten werden. 8. Die Form des Krampfes ist diejenige der tetanischen Er- regung und krampfhafter Steigerung der associirten
Muskelbewegungen des ganzen Gliedes.— 9. Es gelingt niemals, weder durch elektrische, noch mechanische Reizung von der Brücke aus, wahre epileptische Anfälle auszulösen.
Infectionskrankheiten.
Ueber die Verbreitung des Scharlachs durch Milch. Mit besonderer Berücksichtigung des Berichts von Thos. Whiteside Hime über eine Scharlachepi- demie in Bradford. Von Escherich.
Verf. giebt zu vorstehender Frage eine Schil- derung des gegenwärtigen Standpunktes derselben.
Wir bringen seine werthvollen Auseinandersetzun-
gen ihrer allgemeinen Bedeutung wegen deshalb
hier nach der Münch. med. Wochenschrft. Nr. 31
v. d. J. wörtlich zum Abdruck.
Das Vorkommen sogenannter Milchepidemien,
d. h. der Verbreitung ansteckender Krankheiten
insbesondere des Scharlachs durch die Milch ist
seit längerer Zeit eine ständig wiederkehrende
Figenthümlichkeit der englischen Epidemieberichte,
während dieselben auf dem Continente trotz mehr-
facher Versuche, diese Anschauungen auch bei uns einzubürgern(Vergl. Baginsky: Zur Ver- breitung von Infectionskrankheiten durch den
Genuss roher Milch. Deutsche medicinische
Wochenschrift 1886, Nr. 28 und 29), auf dem
Continente so gut wie unbekannt geblieben. Es
dürfte daher am Platze sein, mit einigen Worten
diese gerade in jüngster Zeit anlässlich der neuen
Untersuchungen über die Aetiologie des Scharlach-
fiebers lebhafter erörterten Verhältnisse etwas
näher zu besprechen und kritisch zu beleuchten.
Die ersten Angaben über die Verbreitung des Scharlachs durch Milch stammen nach Uller- sperger¹) aus der Anfang der sechziger Jahre in London herrschenden Epidemie. In den da- maligen Berichten handelte es sich jedoch ledig- ich um die Verbreitung durch Personen, welche selbst an Scharlach erkrankt entweder den Ver- kauf der Milch besorgten oder mit dem Melken, den Milchgeräthschaften ete. direet zu thun hatten. Die Möglichkeit einer solchen Uebertragung ist natürlich zuzugeben und dieselbe dürfte, wenn einmal die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, wohl auch anderen Orten sich nachweisen lassen. Bei der eminenten Ansteckungsfähigkeit des Scharlach genügt ein so kurzes Zusammensein, wie es zur Uebergabe der Milch erforderlich, oder die an den Gefässen haftenden Keime voll- ständig, um das Gift auf empfängliche Personen zu übertragen. Ob aber, wie meistentheils an- genommen wird, gerade der Genuss dieser Milch gefährlich ist, mit anderen Worten, ob wir an- nehmen müssen, dass die in die Milch gelangten
Scharlachkeime sich dort erhalten und vermehren,
ob dieselben überhaupt im Stande sind, von den Verdauungswegen aus eine Scharlachinfection zu erzeugen, ist vorläufig noch eine ganz unerwiesene und wenig wahrscheinliche Annahme, nachdem in der Milch eine so überraschend grosse Zahl von Milchbacterien vorhanden und die dadurch
erzeugte Gährung und saure Reaction der Ent- wicklung pathogener Arten sehr hinderlich sein
dürfte. Auch haben Riedel und Wolffhügel*) für Cholera- und Typhusbacterien nachgewiesen, dass sie sich wohl in steriler Milch vermehren können, dagegen in nicht steriler bald zu Grunde gehen.
In neuerer Zeit hat man nun noch eine Art von Milchepidemien entdeckt, bei denen die Milch unmittelbar die Trägerin des Contagiums sein sollte, indem die Kühe selbst an einer mit dem menschlichen Scharlach identischen Krankheit leiden sollten, deren Keime schon beim Melken in die Milch gelangten. Kein Freigniss hat seit der Entdeckung der Tubereulose durch Koch die ärztliche Welt und die öffentliche Meinung Eng- lands so sehr in Aufregung versetzt. Scharlach im Vereine mit Diphtherie sind die einzigen epide- mischen Erkrankungen, die in Zunahme begriffen sind und die Menschenleben hinwegraffen, welche Dank den hygienischen Massregeln vor Cholera, Typhus, Pocken und anderen Geisseln der Mensch- heit gerettet werden.
Zugleich ergab sich aber eine neue Seite der Frage von grosser finanzieller Bedeutung. Nach-
¹) Ein Rückblick auf die letzte grosse Scharlach-Epi- demie in Grossbritannien und besonders auf die Londoner. Aerztl. Intelligenzblatt 1871. Nr. 14.
2) Arbeiten aus dem kaiserl. Gesundsamt. Bd. I. 1886.


