4 Thiermedicinische Rundschau etc.

1889. No. 1.

motorischen Sphäre des Nervensystems verläuft und für sich den letalen Ablauf herbeifübren kann. Es ist bisher jedoch noch nicht gelungen, in Fällen dieser Erkrankung irgend einen con- stanten Befund am Nervenmuskelapparat festzu- stellen, und auch ein näherer Einblick in das Wesen der eigenthümlichey Funktionsstörungen ist uns pisher versagt. In einem solchen Falle wird unsere Diagnose demnach eine noch un- vollkommenere pleiben müssen als in dem früher angeführten.

Wie Sie an den gegebenen Beispielen geschen haben, ist die Gedankenoperation. welche uns in dem einzelnen Falle die Diagnose ergiebt, eine complicirte. Sie setzt sich aus mehreren Theilen zusammen und umfasst 1. die Feststellung der Krankheitserscheinungen und die Construction des betreffenden Krankheitsbildes, 2. den Rückschluss auf die vorhandenen anatom. Ver- änderungen und Funetionsstörungen, 3. das Erfassen der Ursachen, des Wesens und des inneren Zusammenhanges der nachgewiesenen krankhaften Veränderungen.

Zu allen Zeiten haben die Aerzte Diagnosen gestellt. Der Inhalt derselben aber war zu ver- schiedenen Zeiten ein verschiedener und nur gan?z allmählich hat sich die Diagnostik der Krankheiten von bescheidenen Anfängen an zu dem jetzt in jedem Einzelfalle die diagnostischen Erwägungen peherrschenden Streben nach Ergründung der Causalität der krankhaften Vorgänge entwickelt.

Es lohnt, wie ich glaube, zu untersuchen, wie diese Entwicklung der Diagnostik vor sich gegangen ist, umsomehr als uns dabei Gelegen- heit gegeben sein wird, nochmals die ein?elnen Theile der diagnostischen Gedankenoperation, wie wir sie eben aufgezählt haben, zu besprechen.

Den ersten Aerzten, welche den Namen von Heilkünstlern verdienen, den Hippokratikern, fehlte, wie wir wissen, jede Kenntniss der patho-

logischen Anatomie, ja es standen ihnen Kennt-

nisse der normalen Anatomie nur insoweit zur Verfügung, als sie der Thieranatomie entstammten, oder als zufällige Beobachtungen bei Verletzungen am lebenden Menschen sich ergaben. Ihre Vor- stellungen über das Wesen krankhafter Vorgänge waren wie jene über das Wesen der physiologi- schen Vorgänge ausserordentlich einfache: Krank- heit war Störung in der Harmonie jener Kräfte, welche den vier Elementen, aus denen alles Lebende zusammengesetzt ist, innewohnen. Nichts vom Blutkreislauf wussten die Hippo- kratiker, die Arterien führten Luft dem Herzen zu, die hier abkühlend auf das Centrum der dem Lebenden eingepflanzten Wärme wirkt, die respi- ratorische Function der Lungen war ihnen un-

bekannt, und doch waren die Hippokratiker aus- centren ist basalwärts nahe dem vorderen, dorsalen

gezeichnete Aerzte, woran wohl Niemand zweifeln wird, der sich nur halbwegs in das Stadium hippokratischer Schriften eingelassen hat.

Eine Diagnose in dem Sinne unserer Zeit zu stellen, waren sie allerdings nicht in der Lage, ihre ärztliche Thätigkeit aber fasste auch durch- aus nicht die Bestimmung des Krankheitszustandes als erstes Ziel ins Auge, sondern war vor Allem auf die Bestimmung der Prognose gerichtet. Die Beobachtung der Wege, auf welchen die heil- kräftige Natur die Krankheiten zur Heilung bringt, erschien dem Hippokratiker als die Aufgabe der ärztlichen Wissenschaft, Unterstützung dieses heil- samen Waltens der Natur war ihm die Aufgabe der ärztlichen Kunst.Der Kranke soll die Krankheit besiegen mit Hilfe des Arztes in diesem vielcitirten Satze aus den hippokratischen Schriften findet dieser Gedanke präcisen Ausdruck. Nicht die Erkenntniss des pathologischen Vor- ganges war somit das Streben dieser ärztlichen Thätigkeit, ihr Ziel war vielmehr die Bestimmung des weiteren Verlaufes und Ausganges der Krank- heit.Das Künftige voraussagen, darin bestand dié ärztliche Kunst.(Fortsetzung folgt.)

Pathologische Anatomie und Pathogenese.

Zur Pathogenese der Epilepsie. Von Binswanger. (Centralbl. für d. med. Wissensch., No. 14, 1889.)

Verf. theilt nach Erörterung der bisher auf- gestellten Theorien die Ergebnisse seiner eigenen Versuche über den Ursprung des epileptischen Anfalles mit und kommt dabei zu folgenden Sätzen:

1. Im Boden der Rautengrube liegen in den lateralen Abschnitten, von den medialen Abgängen der Clava bis zum vorderen seitlichen Begrenzungs- winkel des Ventrikels reichend, eine Reihe elek- trisch und zum PTheil mechanisch erregbarer Punkte. welche auf Reizung mit tonischen Krampf- zuständen des Rumpfes, Kopfes und der Extre- mitäten und complicirteren Erscheinungen asso- ciirter Bewegungsformen der Extremitäten(Lauf-, Tret- Stossbewegungen etc.) antworten. Die erregbarsten Stellen liegen in den vorderen Theilen dieses Gebietes. 2. Diese motorischen Reiz- erscheinungen sind reflectorischer Art. Die Reiz- stelle pilden die sensiblen Trigeminuswurzeln, vornehmlich die aufsteigende; vielleicht ist auch eine im seitlichen Felde der Formatio reticularis gelegene sensible Hauptbahn Vermittlerin des Reizes. 3. Die Reflexcentren sind vorzugsweise in der dorsalen Brückenhälfte gelegen. Die ven- trale basale Brückenhälfte ist an dem Zustande- kommen dieser Reflexvorgänge der Fovea anterior nicht betheiligt. Die obere Grenze dieser Reflex-