1. Oetober.
Thiermedieinische Rundschau ete. 3
und des Wesens des vorliegenden Krankheits- zustandes ist. In der glücklichen Lage, dieses Ideal erreichen oder uns demselben wenigstens nähern zu können, sind wir jedoch nicht in allen Fällen, und es ist gut sich dieses stets vor Augen zu halten. Ich will Ihnen das übrigens durch einige Beispiele erläutern.
Wir haben ein junges Individium vor uns,
in dessen Familie die Tubereulose schon mehr-
fach Opfer gefordert hat. Dasselbe ist seit einiger Zeit mit einer progressiv zunehmenden, wenig schmerzhaften Anschwellung des Unterleibes er- krankt, leidet seit längerer Zeit bereits an Unregelmässigkeiten der Stuhlentleerungen, ab- wechselnd bestehen Diarrhöen und Verstopfung. Der Verlauf der Krankheit war bisher wenigstens
zeitweilig ein mässig fieberhafter, es liessen sich
mit dem Thermometer leichte abendliche Fieber- steigerungen nachweisen. Die Untersuchung er- giebt einen blassen, abgemagerten, zart gebauten Kranken mit einer hochgradigen Anschwellung des Unterleibs, die sich bei näherer Untersuchung auf die Ansammlung einer grossen Menge freier Flüssigkeit im Bauchfellraume zurückführen lässt. Sonst finden sich, mit Ausnahme einer Verdich-
tung des Gewebes in der einen Lungenspitze.
nur secundäre Veränderungen, wie Verlagerung
der Bauch- und Brustorgane, Veränderungen an
der Haut der gespannten Bauchdecken. Wir entleeren durch Paracentese des Unterleibs unter den entsprechenden Cautelen beiläufig zehn Liter einer grünlich schillernden, etwas trüben Flüssig- keit und es gelingt jetzt durch die schlaff ge- wordenen Banchdecken einzelne resistente Stellen,
verschiedene Stränge und Verdickungen des Bauch-
fells. einzelne geschwollene Lymphdrüsen zu tasten.
In der Punctionsflüssigkeit scheiden sich nach
längerem Stehen einzelne Fibrinfäden und Flocken aus. Die Untersuchung dieser letzteren ergiebt den Nachweis von Tuberkelbaeillen. Gelegentlich gelingt dann später der gleiche Nachweis auch in den Schleimklumpen welche den Stuhlent- leerungen beigemischt sind. die Untersuchung des Kranken.
Wir wissen nun, dass die biologischen Eigen-
drüsen, secundäre Infection und tubereulöse Er- krankung des Bauchfells.
Dies wäre das Beispiel einer möglichst voll- kommenen Diagnose, Sitz und Wesen des Krank- heitszustandes sind zu bestimmen. Nun zu einem zweiten Falle.
Ein früher gesunder und in guten Verhält- nissen lebender Mann ist seit einigen Monaten mit häufig wiederkehrendem Nasenbluten erkrankt, seine Gesichtsfarbe ist dabei allmählich eine blasse geworden, seine Kräfte haben rasch abgenommen. Seit einigen Wochen sind dann Blutungen in die Haut. in Gestalt von Petechien und grösseren
Blutunterlaufungen aufgetreten, es haben sich Blutungen aus dem Zahnfleisch, endlich auch blutige Stuhlentleerungen eingestellt. Der Mann
ist jetzt dauernd bettlägerig, sein Verhalten ein fieberloses. Wir finden hochgradigste Anämie, bedeutende Verminderung der Zahl der rothen Blutkörperchen, ohne sonstige wesentliche Ver- änderung der Blutbeschaffenheit bei mikroskopi- scher Untersuchung, ferner die bereits erwähnten Haut- und Schleimhautblutungen. Mit dem Augen- spiegel lassen sich auch Netzhautblutungen nach- weisen Die Untersuchung der inneren Organe ergiebt vorerst normalen Befund, erst später treten vielleicht die Erscheinungen eines pleuritischen Ergusses oder schwere Cerebralsymptome hinzu.
In diesem Falle, meine Herren, sprechen wir die Diagnose einer Purpura haemorrhagica aus, wir kennen und bestimmen ganz genau das ana- tomische Verhalten der inneren Organe, wie sie sich bei der vielleicht bald zu gewärtigenden Obduetion darstellen werden; wir wissen, daſs wir dieselben von Blutaustretungen durchsetzt und im Zustande einer offenbar secundären paren- chymatösen Degeneration antreffen werden; wir erwarten mit Sicherheit da und dort grössere
Blutungsherde zu finden: wir können uns auch die begründete Vorstellung bilden, dass nicht Ge-
So viel liefert uns
fasszerreissung, sondern erhöhte Durchlässigkeit der Gefässwände die Blutungen vermittelt; unsere klinische Erfahrung endlich hat uns den Verlauf
und Ausgang solcher Erkrankungsfälle beurtheilen
schaften des von R. Koch entdeckten pathogenen Befriedigung missen, denn es fehlt uns vorläufig jede Einsicht in die Ursachen und damit in das
Bacillus zu jenen Veränderungen in den Geweben Veranlassung geben, welche den Namen der tuber- culösen führen; wir kennen genau das anatomische Bild der tuberculösen Erkrankung des Bauchfells, der chronischen Darmtuberculose und tuberculösen Lungenspitzenerkrankung; wir verfügen über eine ausreichende Zahl einschlägiger klinischer Er- fahrungen und können demnach die Diagnose in folgender Weise aussprechen: Für Tuberculose disponirtes Individium, pacillare Infection zuerst der Lunge und des Parmes, sowie der Lymph-
gelehrt. Und doch, meine Herren, werden wir bei dem Stellen dieser Diagnose das Gefühl voller
Wesen dieser perniciõsen Erkrankungsform; unsere
Diagnose bleibt weit hinter der idealen Forderung
zurück.
Als ein drittes Beispiel endlich kann uns, kurz gesagt ein Fall von Paralysis agitans dienen. Hier handelt es sich um ein nur auf Grund klinischer Beobachtung festgestelltes Krankheitsbild, um eine Erkrankung, welche mit ganz typischen und leicht kenntlichen Störungen im Bereiche der


