2 Thiermedicimpche Rundschau ete.“ 1889 N0
wird er schmerzerfüllt, der rauhen Wirklichkeit
bewusst, von Neuem trauern um den verloreneh
Meister.
Der Frinnerung an Bamberger's Lehrthätig- keit, an seine Thätigkeit als Kliniker und Arzt, an die glänzenden Higenschaften welche ihn auch in dieser Hinsicht auszeichneten, dieser Erinne- rung seien meine Worte geweiht.
Ein vollendeter Meister des Redens, mit leiser aber überallhin vernehmlicher Stimme, jedes oratorische Flitterwerk verschmähend, sprach er hier zu Ihnen. Glatt und nie einer Verbesserung bedürftig, reihte sich ein Satz an den andern zu einem logisch geordneten Ganzen, das jeder der Zuhörer als neuen Erwerb, als werthvollen Zu- wachs seines Wissens in Empfang nehmen konnte. Sein gesprochenes Wort war gleich dem ge- schriebenen, man konnte es getrost nach Hause tragen.
Schon die Untersuchung des in der Klinik
zur Vorstellung gelangenden Kranken war be-
wunderungswürdig. Nichts entging dem durch eine ungeheure klinische Erfahrung geschärften Auge, jede Abweichung von der Norm wurde aufgedeekt und von dem die klinischen Unter- suchungsmethoden in seltenem Masse beherrschen- den Meister so demonstrirt, dass ein jeder der Zuhörer ein anschauliches Bild davon gewinnen konnte. Bamberger's Beobachtungstalent feierte dabei häufig glänzende Triumphe.
Beim Stellen der Diagnose fand dann eine jede der nachgewiesenen Krankheitserscheinungen an dem richtigen Orte ihre Verwendung, das Wesentliche wurde in klarer Weise von dem Un- wesentlichen getrennt. das erstere scharf hervor- gehoben und beleuchtet und dadurch dem Zu- hörer das ganze vorliegende Krankheitsbild plastisch vorgeführt.
In klarer und eindringlicher Weise pflegte Ihr unvergesslicher Lehrer die Beziehungen der einzelnen Krankheitssymptome zu den anatomi- schen Veränderungen und Functionsstörungen dar- zustellen, und wenn er im Anschluss daran dann dazu kam, die verschiedenen Möglichkeiten zu besprechen, welche bei dem vorgestellten Kranken als Grundlage des Krankheitsbildes in Frage kommen durften, und wenn er endlich, unter diesen dann mit sicherer Hand wählend, zur Diagnosenstellung schritt, so war dies ein Mo- ment, wo seine Vorzüge als klinischer Lehrer im hellsten Lichte erglänzten. Der streng logische Gedankengang bei den diagnostischen Folgerungen, die wahrhaft geniale Weise, in welcher er die Differentialdiagnose handhabte, seine umfassende Literaturkenntniss und weitgehende Beherrschung von Nebenfächern und zu allermeist seine staunens- werth reiche klinische Erfahrung erregten die
„ ungetheilte Bewunderung der sachverständigen
Zuhörer. Die ganze Zuhörerschaft aber, welche nach den klaren Auseinandersetzungen des Lehrers dem Gedankengange beim Stellen der Diagnose leicht und sicher folgen konnte, war selbst ohne das jurare in verba magistri von der BRichtigkeit der gestellten Diagnose überzeugt. Dies ist auch der Grund weshalb man als fleissiger Besucher der Klinik Bamberger's so viel lernen konnte. Wenn Bamberger ausserhalb der Klinik einen Kranken untersuchte und die Diagnose stellte, zeigte sich seine Begabung wieder in anderer Weise, er wusste, gleich seinem Lehrer Oppolzer, Krankheitsbild und Diagnose blitzschnell zu er- fassen und auszusprechen. Wer ihn bei der kli- nischen Visite beobachtet oder als Consiliarius thätig gesehen hat, weiss davon zu erzählen und konnte die wahre Künstlernatur des nun ver- ewigten Meisters erkennen. PDie Kranken zu heilen und ihnen zu helfen ist das Ziel der ärztlichen Kunst, die unbedingt nothwendige Grundlage aber für die Ausübung der ärztlichen Kunst ist die Diagnose, und auch als Diagnostiker muss und kann, wie es uns Bamberger gezeigt hat, der Arzt ein Künstler sein. Dies zu schätzen oder selbst zu erkennen weiss oft allerdings der unerfahrene Mediciner, der Anfänger nicht. Ihm macht das Piagnosen- stellen regelmässig zuerst den Findruck eines relativ einfachen Dinges, erst mit der Zeit lernt er alle die Schwierigkeiten und Hindernisse er- kennen, welche sich in dem einzelnen Falle bei dem Versuche einer Diagnose herausstellen; erst mit der Zeit und der gesteigerten eigenen Er- fahrung wird er sich dessen voll bewusst, dass
nur ernstes Studium, grosser Fleiss und nicht
zum mindesten eine gewisse Begabung den Arzt zum guten Diagnostiker machen. Lassen Sie uns, meine Herren, gemeinsam überlegen, welches das Wesen unserer Diagnostik ist. Wir werden dabei das Andenken Bamberger's, den ich eben als eminenten Diagnostiker gepriesen habe, von Neuem feiern.
Diagnose stellen heisst den bei einem Indi- viduum vorliegenden Krankheitszustand bestimmen. Ich sage Krankheitszustand und nicht Krankheit, denn wir haben es in der practischen Heilkunde mit kranken Menschen, nicht mit Krankheiten zu thun. Dies ist, nebenbei gesagt, auch der Grund, weshalb wir es niemals erleben werden, dass ein noch so fleissiges Lesen von Büchern Jemanden zum guten Arzte macht, wenn ihm der klinische Unterricht fehlt. Allerdings aber bestimmt der, um mich trival auszudrücken, in Büchern gesammelt vorliegende Schatz unseres Wissens üper die Pathologie den Inhalt unserer Diagnose, deren Ideal die Bestimmung des Sitzes
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