15. November.

Thiermedieinische Rundschau erc. 43

oder abgestorbene Zellen und Gewebsfragmente des eigenen Organismus aufzufressen.

Die gleiche Befähiung äussere sich auch gegen- über eingedrungenen fremdartigen, pflanzlichen Zellen, z. B. Pilzen oder Bacterien. Derartige Beobachtungen wurden von M. zuerst an dem durchsichtigen Körper der Daphnien angestellt, die häufig von einer eigenthümlichen Sprosspilz- krankheit befallen werden.(Monospora bieuspi- data). Die Sporen dieses Parasiten dringen, in Form langer Nadeln, mit der Nahrung in den Verdauungscanal. von wo sie, die Darmwand perforirend, ins Innere der Leibeshöhle gerathen.

Sofort beginnt nun hier ein Kampf der Leuko- eyten gegen die Eindringlinge, indem erstere einzeln oder zu mehreren die Sporen umhüllen und verdauen. In 80 Proz. der Fälle etwa bleiben bei diesem Kampfe die Leukocyten Sieger, und das Thier ist gerettet. In den übrigen, weniger zahlreichen Fällen dagegen entziehen sich die Sporen der Wirkung der Leukocyten, keimen aus

und tödten in kurzer Zeit das Thier. Auch

während dieses Stadiums setzen die Leukoeyten den Kampf fort, der jedoch bei der schnellen Vermehrung der Parasiten erfolglos bleibt. Be-

zůglich der Thätigkeit der Phagocyten bei In- fectionsprocessen der höheren Thiere und des

Menschen erinnert Verf. daran, dass nur in Aus- nahmefällen der Organismus einer Invasion von Mikroorganismen keinen Widerstand durch Phago- cyten entgegenstellt. In diesem Falle ist der Verlauf der Krankheit ein rapider und absolut töõdtlicher, so z. B. bei der Hühnercholera, wo keine Phagocyten in Action treten, während beim Meerschweinchen, wo der Infectionserreger der Hühnercholera nur eine Localaffection hervor- ruft, die therapeudische BRolle der Phagocyten leicht nachzuweisen ist.

Bezüglich der Bolle der Phagocyten beim Milzbrand theilt M. noch die von ihm experi- mentell festgestellte Thatsache mit, dass pei immunisirten Thieren der grösste Theil der in Mikrophagen eingeschlossenen Bacterien todt ist, was Verf. als Wirkung der Leukocyten auffasst. Ob die Bacterien todt oder noch lebendig sind, ist durch schwache wässerige Vesuvinlösung, welche die lebenden Milzbrandbacterien intact lässt und nur die todten färbt, leicht festzustellen. Um seine Annahme, dass die Leukocyten die wichtigste Rolle bei der Milzbrandinfection im- munisirter Thiere spielen, weiter zu erweisen, und um insbesondere den Finwand zu wider- legen, dass die Lymphe immuner Thiere an und für sich den Milzbrandbacterien schädlich sei, impfte M. Milzbrandsporen in die vordere Augen- kammer von Fröschen und von immunisirten Schafen und Kaninchen. Die Sporen keimen

hier stets sofort aus und entwickeln sich zu Fäden; bald bildet sich jedoch eine Piterung, ein wahres Hypopyon, und nun beginnen die Leukocyten die Milzbrandbacterien aufzufressen; freie Bacterien werden immer seltener und nie- mals führt diese Impfung zu einer Allgemein- infection des Thieres.

Im weiteren Verlaufe seiner Schilderungen weist dann M. darauf hin, dass der Einschluss der Mikroorganismen durch Phagocyten nicht immer unbedingt zur Heilung führe. So findet sich bei der Koch'schen Septikämie ein sehr grosser Theil der Bacillen von Zellen eingeschlossen, obwohl die Krankheit stets tõdtlich verläuft. Verf. erinnert hierbei daran, dass gewisse Substanzen auch der Verdauung in unserem Intestinaltractus Widerstand leisten; dasselbe kann also auch bei der von Phagocyten geleisteten Verdauung der Fall sein. Von den Bacillen der Lepra und der Tuberkulose habe man schon aus der Schwierig- keit des Färbungsverfahrens auf eine besonders solide Aussenmembram geschlossen. Bei den-

jenigen Thierspecies jedoch, wo die Mäusesepti-

kämie nur eine Localaffection hervorruft, wie z. B. bei den Kaninchen, finde man die Septikämie- bacicllen auch in Phagoecyten eingeschlossen, die aber hier im Stande sind dieselben zu tödten.

Veberhaupt handelt es sich bei der prophy- laktischen Rolle der Phagocyten keineswegs um eine vereinzelte Erscheinung, sondern vielmehr um eine allgemeine Regel im Thierreich. Die etwas verwickelten Erscheinungen im PThierreich werden mit Hilfe jener Beobachtungen verständ- licher. Bei den Wirbelthieren führt die entzünd- liche Reaction zu einer Auswanderung von weissen Blutkörperchen durch die Gefässwände. Die all- gemeinste Erscheinung beim Entzündungsvorgang besteht somit in einem Widerstaud von Phago- cyten gegenüber einem Eindringling. Bei den niederen Thieren, z. B. pei den Spragien, ist eine Grenze zwischen diesem Vorgang und dem ein- fachen Ernährungsvorgang gar nicht zu ziehen.

Bei den Wirbelthieren können ebenfalls grosse Mengen von Phagoeyten auftreten, die mehr oder weniger in Beziehung mit dem Gefässsystem stehen und hauptsächlich in der Milz, im Knochen- mark und in den Lymphdrüsen ihren Ursprung haben. Ausserdem finden sich besonders an den Stellen reichliche Phagocyten, welche dem Ein- dringen von Mikroorganismen am meisten aus- gesetzt sind, wie z. B. in der Mundhöhle, wo sich die Tonsillen und andere Leukoeyten-Drüsen finden, in den Bronchien und im Parm(Payer'sche Plaques und Solitärfollikelh.

Nach den Untersuchungen von Stöhr erfolgt eine fortwährende Auswanderung von Leukocyten aus diesen Organen, deren phagocitäre Wirksam-