1. November.
Thiermedicinische Rundschau ete. 33
Kleidern wohnen Millionen von Pilzen, welche sich von fauligen Stoffen nähren. Darum müsse im Dienste der öffenflichen Gesundheit jetzt alles dahin streben, Volks- bäder zu schaffen, wo man ein kaltes und warmes Brause- bad(die einfachste Form des Bades) nebst Seife und Hand- tuch für 10 Pf. haben könne, und endlich die Schule müsse das Bedürfniss zum Baden förmlich anerziehen. Für alle sei die Parole: Jedem Deutschen wöchentlich ein Bad!
Als letzter Redner in dieser Sitzung trat Dr. von den Steinen aus Düsseldorf auf, um über die Ergebnisse seiner jüngsten Forschungsreise in Central-Brasi- lien zu berichten. Er durchzog dort Gegenden, welche nie der Fuss eines Weissen betreten hat und wo die Ein- wohner noch in demselben Zustande lebten, worin Colum- bus die Indianer bei Entdeckung Amerikas fand. Der Vortrag war so reich an bemerkenswerthen Einzelheiten, dass er sich kaum im Auszuge wiedergeben lässt. Die Schingü-Indianer sind unbekleidet, leben in Monogamie und sind gute Väter für ihre Familie. Von Haus aus Jäger und Fischer, haben sie neuerdings angefangen, Strecken Waldes urbar zu machen und Getreide zu pflanzen. Alle ihre Werkzeuge sind aus Stein gearbeitet. Sie be- trachten sich als gleich mit den Thieren, nur als stärker
und klüger, auch als von Thieren abstammend. Die Sonne
ist ihnen ein Ball aus den Prachtfedern des rothen Adlers, der in einem Topfe steckt; morgens wird der Topf ge- öffnet, abends geschlossen. Auch der Mond ist ein Ball von gelben Schwanzfedern, die Sterne sind Thiere oder anderweitige Gebilde. Wie es kommt, dass irdische Dinge aus alter Zeit in den Himmel entrückt sind, davon haben sie folgende Vorstellung. Zuerst war die Erde oben und leer, der Himmel aber unten und bewohnt. Da erkrankten und starben einst so viele Leute, dass ihr guter Zauberer aus Zorn— denn der Tod gilt ihnen als boshafter Streich eines Feindes— Erde und Himmel vertauschte Ihre Kranken behandeln sie auf dreierlei Weise mit Anspucken oder Anblasen oder Anrauchen; mit den gleichen Mitteln rücken sie auch den Gewittern oder sonstigen elementaren Störungen zu Leibe. Sie haben keinen Begriff von Gott, keinerlei Gottesdienst und Gebet, und doch glauben sie— oder vielmehr sie wissen eine Unsterblichkeit der Seele, denn die Seele verlässt während des Traumes den Körper und geht auf die Wanderung. Nachher kann man er- zählen, was die Seele erlebt hat, und da man auch im
dawit die Fortdauer der Seele klar. Aus der Trennung von Gottesbegriff und Unsterblichkeit schliesst Redner, dass letztere bei den Naturvölkern das erste sei, der Gottes- begriff dagegen erst das Ergebniss einer Abstraction, also einer höheren Stufe. Auch über die Sprache verbreitete sich der Redner ausführlich.
Man hält gewöhnlich die Sprache der Ureinwohner für arm, das ist sie nicht, sie übertrifft bei Weitem den Wortreichthum unserer Bauern. Diesem Wortreichthume steht jedoch eine grosse Gedankenarmuth entgegen: für jede Gattung einer Art von Thieren etc. haben die Indianer völlig verschiedene Namen, der Wortreichthum ist also nur ein scheinbarer. Einen Spiegel nannten sie Wasser; auf jeden neuen Gegenstand wenden sie den Namen eines ähnlichen Dinges an. Ihr Denken ist nur die Wiederholung dessen, was in der Natur vorkommt; dass sie Theilbegriffe, die in der Natur nicht selbständig existiren, nicht zu nennen vermögen, ist ein Merkmal ihres Fassungsvermögens. Zahlen über zwei existiren für sie nicht; der höchste Zahlenbegriff erstreckt sich auf drei. Die Primitivität der Verhältnisse ist der Grund der Primitivität des geistigen Vermögens.
Der Indianer hat eine förmliche Leidenschaft für Nachbildungen in Holz, Thon und Stein, aber Alles ist ihm Geräth. Alles schmückt er mit geometrischen Zeich-
Im Salamander auf Kaiser, König und Vaterland. PTraume mit den Gestorbenen zusammen sein kann, so ist
nungen, Rauten, Abbildungen von Schlangen und Fischen, die Figuren tragen die Namen der Dinge, deren Nach- ahmung sie bilden.
Die Summe der Begabung eines solchen Indianers wird nicht hinter der Begabung eines unserer Bauern zurückbleiben, aber ihm fehlt das körperliche und geistige Rüstzeug unserer Cultur.
Mit diesen Ausführungen des Dr. von den Steinen, welche von der Versammlung mit grösstem Beifalle auf- genommen wurden, war die Tagesordnung der ersten all- gemeinen Sitzung erschöpft. Am Nachmittage fand zunächst die Constituirung der Abtheilungen statt, während der Rest des Nachmittags dem Besuche der internationalen Garten- bauausstellung gewidmet war. Am Abend fand in den glänzend erleuchteten Gartenanlagen der Flora eine zu Ehren der Naturforscherversammlung mit Feuerwerk und Concert verbundene Festlichkeit statt, zu deren gutem Ge- lingen die herrliche Witterung recht wesentlich beitrug. Ganz spät am Abend versammelten sich dann noch die Angehörigen der Sektion für Veterinärmediein mit ihren Damen zu zwanglosem Beisammensein im„Fränkischen Hof“, wo Herr Dr. Sticker senior(Vater des Finführenden) für besondere Räumlichkeiten, welche diesen Zusammen- künften dienen sollten, in freundlicher Weise Sorge ge- tragen hatte
Erst spät endete diese Sitzung der Abtheilung für Veterinärmediein.
Standesangelegenheiten.
— Die Feierlichkeiten zur Enthüllung des Haubner-Denkmales begannen am Sonnabend den 13. Oetober mit einem Commwers der Studirenden in dem
prächtig geschmückten Hauptsaale der Meinhold'schen Sääle. Wohl gegen 250 Theilnehmer, unter denen wir
als Vertreter der Königl. Staatsregierung Herrn Geh. Reg.-Rath Schmiedel erblickten, das Lehrerkollegium der Thierarzneischule, Geh. Med.-Rath Leisering, sowie gegen 100 Thierärzte aus allen Theilen Sachsens, Thüringens und der Provinz Sachsen füllten an vier langen Tafeln den geräumigen Saal, dessen Gallerie ein reicher Damenflor schmückte, fast vollständig aus.
Den Commers eröffnete stud. Poetsch mit einem In üblicher Weise reihten sich dann Lieder und Toaste in wechselnder Folge an. Von den Toasten erwähnen wir den des Med.-Raths Sie damgrotzky auf den Ausschuss, des stud. Poetsch auf die Gäste, für welche Herr Bez.-That. Wilholm dankte, des stud. Günther auf die Damen. In der sog.„Fidelitas“ rief noch Herr Amtsthierarzt kedlich durch eine in gebundener Form vorgetragene Ansprache vollständige Lachsalven aus der„Corona“ hervor.
Die eigentliche Enthüllungsfeier fand am 14. October mittags 1 Uhr in zwar einfacher, aber erhebender Art auf dem inneren Raum der Königl. Thierarzneischule vor dem neu erbauten Hauptgebäude statt. Zu dem Zwecke hatte sich eine zahlreiche Versammlung eingefunden: Se. Exc. Hr. Minister v. Nostitz-Wallwitz, die Herren Geh.-Rath und Aptheilungsdirector v. Charpentier, Geh. Medicinal- räthe Dr. Fiedler und Dr. Leisering, Medicinalräthe Dr. Küchenmeister, Dr. Geissler; ferner zahlreiche Schüler Haubners aus der Reihe der sächsischen Bezirks- thierärzte, der sächsischen und thüringischen Thierärzte, des militärrossärztlichen Personals unter Führung des Herrn Corpsrossarzt Jacob, sowie des Vertreters der thier- ärztlichen Vereine Preussens, Hr. Prof. Dr. Pütz aus Halle; die Commission für das Veterinärwesen und die Lehrerschaft der Königl. Thierarzneischule war vollzählig anwesend. Ebenso hatten sich sämmtliche Studirende, an ihrer


