32 Thiermedicinische Rundschau ete.
1888. No. 3.
erhalten ein Verzeichniss der räudigen Heerden und achten auf etwaigen Verkauf von Schafen ete. Die Badekuren resp. Desinfectionen werden amtlich angeordnet und gründ- lich durchgeführt, Dispensationen finden nicht statt Im Monate December, wo die Schafe im Stalle sind, und, wenn sie noch nicht räudefrei waren, in der vollen Wolle leicht erkennbar räudige Stellen zeigen, werden die gebadeten Heerden thierärztlich untersucht, ausgenommen sind natür- lich die Heerden, wo vielleicht schon früher absolute Räudefreiheit thierärztlich constatirt war. Den Besitzern der noch räudig befundenen Heerden wird amtlich auf- gegeben, ihre Schafe bis zum ersten April des nächsten Jahres durch Schmierkur räudefrei zu schaffen, widrigenfalls die Schafe dann der Stallsperre unterworfen werden würden. Zeigen sich diese Heerden bei der thierärztlichen Unter- suchung im Monate April noch nicht räudefrei, so werden sie auf Grund des§ 122 der Instruction zum Reichsvieh- seuchengesetze unnachsichtlich der Stallsperre unterworfen, und dieselbe wird, trotz etwaigen Protestes von Seiten der Schaf besitzer stricte durchgeführt. Die Stallsperre im Frübjahre wird ganz ausserordentlich zichen, weil dann die Wintervorräthe aufgezehrt sind. Der Schafbesitzer, welcher die Schafe nicht im Stalle behalten kann, lässt schlachten, oder unter Controle zum Schlachten verkaufen; es werden dadurch so und soviel räudige Heerden mehr beseitigt, die doch eigentlich nur durch eigene Bummelei des Besitzers conservirt wurden. Bei einer mehrjährigen gründlichen Purchführung meines Vorschlages stehe ich dafür ein, dass die Räude getilgt wird. Aber nur auf diesem Wege ist es wöglich, der Bauer muss leider auch auf diesem Gebiete wieder zum Guten getrieben werden; auf den grösseren Gütern findet sich äusserst selten Räude, aber auch diese müssen mit unter der bäuerlichen Gleich- gültigkeit leiden, weil der Export von Schafen nach England der Bäude wegen immer mehr erschwert wird. Man gehe also in angegebener Weise energisch vor und siege endlich. sonst wird man die Flinte ins Feuer werfen müssen, und wir Thierärzte sind ohne unsere Schuld blamirt, weil wir nicht einmal im Stande waren, die Schafräude zu tilgen.
Thierarzt Hahne. Ich wollte nur constatiren, dass ich das Baden nach der Methode des Herrn Professor Kaiser mit bestem Erfolge angewandt, aber statt des Tabaks dazu Nicotina genommen habe.
Kreisthierarzt Gaber. Auch ich habe das Kaiser'sche Verfahren mit Erfolg benutzt; die verdächtigen Stellen sind vor dem Bade mit Oarbolsäure eingerieben.
Kreisthierarzt Dette. Ich bleibe auch noch heute bei meiner bereits im Jahre 1883 näher dargelegten Ansicht, deren Richtigkeit ja die pisherigen Erfahrungen pestätigt haben. Nicht das Baden, sondern die damit für die Schaf- pesitzer verbundenen Unbequemlichkeiten, welche ein stärkeres Schmieren bewirken, tragen am meisten zur Ver- tilgung der Räude bei.
Thierarzt Beckedorff. Ich wöchte nur bemerken, dass auch ich die Räude nach der Methode des Herrn Professor Kaiser getilgt habe, u. a. in einer Heerde, die ganz erheblich verräudet war.
Auf eine Anfrage des Herrn Hofthierarztes Lies wurde auf der Versammlung bestätigt, dass in Lengede, Kreis Peine, ein Gensdarm mit der Ermittelung der Räude be- auftragt gewesen ist.
Hierauf trat eine kurze Pause ein.
Nach Wiederaufnahme der Verhandlungen ergriff zum 6. Gegenstande der Tagesordnung über Bacterien Herr Professor Dr. Rabe das Wort:(Der Vortrag des Herrn Redners ist eingehend als Leitartikel in dieser Zeitschrift abgedruckt worden).
Herr Vice-Präsident Dette sprach dem Herrn Professor Dr. Rabe für seinen ausserordentlich lehrreichen Vortrag den Pank der Versammlung aus. Letzterer verlas nun
einen telegraphischen Glückwunsch des Herrn Professor
Dieckerhoff zu Berlin und theilte darnach der Ver- sammlung mit, dass von den Studirenden der hiesigen thierärztlichen Hochschule die Stiftung einer Facultätsfahne beabsichtigt werde, und dass den Mitgliedern des General- Vereins sich heute Gelegenheit biete, an einer Sammlung für dieselbe sich zu betheiligen.
Sodann ging man zu Nr. 7 der Tagesordnung„Neu- wahl des Vereins-Vorstandes“ über.
Es wurden die Herren Rabe(Vorsitzender), Dette (Stellvertreter), Boether(Schriftführer), Hagemann(Ren- dant) gewählt.
Zu Nr. 8 der Tagesordnung„Wahl des Ehrenrathes“ stellte Herr Professor Rabe den Akte Zeit den Ehrenrath
„Mit Rücksicht auf die vorgerüentrag:
in seiner bisherigen Zusammensetzung zu bestätigen und als neues Mitglied in denselben Herrn Professor Dr. Esser- Göttingen zu wählen“.
Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen.
Schliesslich berichtete Herr Hofthierarzt Lies, Namens der Revisions-Commission, dass die Rechnungen geprüft und nichts dabei zu errinnern gefunden sei.
Der Herr Präsident ertheilte hierauf im Namen der Generalversammlung dem Herrn Rendanten Geiss Decharge, indem er demselben für seine langjährigen, dem Vereine gewidmeten Dienste seinen Dank aussprach.
Damit wurde die Versammlung geschlossen.
— Allgemeines von der 61. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Köln.(Briefe an den Herausgeber dieser Zeitschrift.) Fortsetzung.
Nach Schluss der mit grossem Beifall aufgenommenen Rede, begann Dr. Lassar aus Berlin seinen Vortrag „über die Qulturaufgaben der Volksbäder.“ Mit Zahlen wies er nach, wie weit die heutige Zeit gegen das Alterthum iw Bäderwesen zurück sei. Es bestanden einst im alten Rom 856 Volksbäder, die 750 Millionen Liter Wasser verbrauchten. Unser„Wein, Weib und Gesang“ lautete bei den alten Römern vinum, mulier et balnea. Man stattete die öffentlichen Bäder mit allen möglichen Bequemlichkeiten, ja, mit aller möglichen Pracht aus. Jeder, auch der geringste Römer, konnte sein schönes Bad für 5 Pf. haben. Die ganze alte Welt, Griechen, Römer, Arier, Semiten, pflegten der körperlichen Reinlichkeit durch Waschungen mit besonderer Vorliebe. Noch heute zieht kein Orientale und auch kein Russe ein Feiertagskleid an, ohne dass ein Bad vorausgegangen wäre. Auch die alten Germanen badeten eifrig nach Tacitus' und Cäsar's Zeug- niss. Der padefreundliche Sinn schwand aber allmählich bei den Deutschen zuerst in Folge der ansteckenden Krank- heiten, welche durch die Kreuzzüge nach Europa kamen und welche ein gemeinsames Baden mit anderen höchst gefährlich erscheinen liessen, und dann vollends durch den dreissigjährigen Krieg. Gegenwärtig sei glücklicher Weise wieder ein mächtiger Aufschwung zu Gunsten der körperlichen Waschungen zu bemerken und die Regierung in ihren Strafanstalten, ferner die Armeeverwaltung sowie auch schon einzelne Städte seien mit bestem Beispiele vorangegangen. Aber noch kommt kaum auf 30 000 Ein- wohner des deutschen Reiches eine Badeanstalt und die Arbeiter und das Gesinde baden so zu sagen gar nicht. Und doch erfordert die öffentliche Gesundheit aufs drin- gendste wöchentlich wiederholte Körperreinigung, wie über- haupt die äusserste Reinlichkeit in unserer ganzen Um- gebung. Der widrige Dunst, der aus den Wohnungen hervorströmt, ist das Erzeugniss von Moder und Schimmel- bildung, der Geruch in Goncert- und Theatersälen ent- stammt der durch die Wärme gesteigerten Ausdünstung schlecht gereinigter Körperhaut. In dem Schmutze unter den Fingernägeln sind nicht weniger als 78 Bacterienarten gefunden worden und auf der Körperhaut wie in den


