30 Thiermedicinische Rundschau ete.

1888. No. 3.

Pathologische Anatomie und Pathogenese.

Die Phagoc)ten-Theorie. von Metschnikoff in Odessa Referat nach Münch. med. Wochenschrift 1887 und 1888.) Fortsetzung.

M. theilt weiter mit, dass die Makro- und Mikrophagen beim Infectionprocess bezw. beim Zellenkampfe eine sehr ungleiche Rolle spielen. So fressen beim Milzbrande der Kaninchen und Meerschweinchen nur grosse Milzphagocyten, also wahre Makrophagen, einzelne Milzbrandbacterien auf, während die zahlreich angesammelten Mikro- phagen dies nicht thun. Das Verhältniss ist also beim Milzbrand genau das entgegengesetzte wie beim Erysipel, wo nur den Mikrophagen eine bacterienfressende Thätigkeit zukommt. Erst später, wie es scheint, in Folge von Abschwächung der Milzbrandbacillen, sind auch die Mikrophagen im Stande, dieselben aufzufressen. Im Eiter der männlichen Blenorrhos finden sich ebenfalls Makro- und Mikrophagen, von denen aber nur die letzteren sich bei Bewältigung der Gono- coccen betheiligen, während die Makrophagen nur Leukocyten und weisse Blutkörperchen auf- nehmen. Bei der Tuberkulose ferner sind beide Arten von Phagocyten bei Aufnahme der Tuberkelbacillen betheiligt. Obwohl hier die Makrophagen als epitheloide und Riesenzellen eine sehr hervorragende Rolle spielen, so nehmen doch auch die Mikrophagen einen bedeutenden Antheil und bemächtigen sich grosser Massen von Tuberkelbacillen.

Metschnikoff tritt hier in Gegensat? zu

Baumgarten, der die Aufnahme der Bacillen

durch Wanderzellen(Fiterkörperchen) als ein seltenes Vorkommen bezeichnet.

M. wendet sich weiter zur Abwehr der gegen die Phagocyten-Theorie gerichteten Angriffe. Baumgarten verwirft in seinem neuen Lehr- buch der pathologischen Mykologie die Phago- cytenlehre in ihren Principien sowohl als in ihren Consequenzen. Dabei beruft sich B. auch auf die Verhältnisse beim Rückfallsfieber, wo es nicht bekannt sei, dass die Rekurrenzspirillen jemals von weissen Blutkörperchen eingeschlossen werden: vielmehr sicht man erstere stets frei in der Blut- füssigkeit iegen oder sich bewegen, und doch endet der Rückfallstyphus in den meisten Fällen mit Genesung. Andererseits wieder existirten Bacterienkrankheiten, bei denen die specifischen Mikroben constant und ſin der überwiegenden Mehrzahl innerhalb der weissen Blutkörperchen liegen und die doch ausnahmslos zum Tode führen. M. erwidert hiergegen, dass die bisherigen Unter- suchnngen über Spirillen des Rückfallstyphus nicht genügend seien, um ein Urtheil über deren Be- ziehung zu Phagocyten abzugeben.

Der Kampf

finde hauptsächlich in der Milz und in einigen anderen Organen statt, wo er folglich auch unter- sucht werden müsse, was bisher nicht geschehen ist. Da die bisherigen Untersucher nur Blut⸗ proben aus den Fingern untersuchten, sind ihre Angaben nicht zu verwerthen. Bei der Mäuse- septikämie sei es allerdings erwiesen, dass die Bacillen von Leukocyten aufgefressen, aber nicht auch, dass sie von denselben verdaut werden, was allein bezüglich der Heilung das Entschei- dende ist.

In seinen neuesten Veröffentlichungen hält Baumgarten die Phagocythenlehre sogar für vollständig widerlegt durch die Untersuchungen von Wysso kowitsch über das Schicksal der Bacterien im Blute einiger Säugethiere, da dieser Forscher niemals im Stande war, eingespritzte Bacterien in weissen Blutkörperchen wiederzu- finden. M. bezeichnet dies als ein Missverständniss, da es unrichtig sei, die Phagocyten mit weissen Blutkörperchen zu indentificiren, was er niemals gethan habe. Allerdings bilden die weissen Blut-

körperchen einen ansehnlichen Theil aus der Summe

der Phagocyten, indessen gehören dazu auch amöboide Bindegewebszellen und manche andere zellige Elemente, wie M. stets hervorgehoben hat. Die Vernichtung der in die Thierkörper einge- geführten Bacterien durch intercellulär verdauende Gewebselemente der Milz, des Knochenmarksu. s. w. und durch Endothelzellen ist nun aber gerade durch die Untersuchungen von Wyssokowitsch erwiesen, die falsche Behauptung Flügge's von der Ausscheidung der Bacterien durch drüsige Organe widerlegt worden. M. Konnte weiter auch durch direete Versuche nachweisen, dass nach der Einspritzung grosser Mengen saprophytischer Bacterien in die Halsvene in Blutproben Leuko- cyten mit eingeschlossenen Bacterien aufgefunden werden können.

Die Vorstellung, dass bei dem Infections- process, bei der Thätigkeit der inficirenden Bac- terien im Körper ein Zellenkampf stattfinde, diese Vorstellung ist allerdings nicht neu. Naegeli hat zuerst die Bezeichnung eines Concurrenz- vorganges, eines Kampfes ums Dasein auf diese Verhältnisse angewendet und den Unterschied eines todten und eines lebenden Nährsubstrats für die Spaltpilze zuerst zum Bewusstsein ge- bracht. Derselbe Autor sprach von der Bedeu- tung, welche die Zahl der Infectionserreger gegen- über der Zahl von Zellen des menschlichen Körpers beim Concurrenzvorgang haben müsse. Dass bei diesem Concurrenzvorgang aber die Ent- scheidung durch das Auffressen und Verdauen der einen Zellenart durch die andere gebracht werde, das ist nun die neue Lehre von Metsch- nikoff. Möglich ist, und auch M. erwähnt dies,