28 Thiermedieinische Rundschau ete.

1888. No. 3

beim Pferde.(Der Vortrag ist in voriger Nummer zum Abdruck gekommen).

Bei der Besprechung des Vortrages, an der sich die Herren Prof. Pütz, Dr. Sticker, Eber, Mülfarth und der Vortragende betheiligten, wurde besonders die Frage erörtert, unter welchen Umständen ein Brechakt bei den Pferden zu Stande kommen könne, ohne dass eine Zerreissung des Magens vorliegt.

Alsdann erhielt Herr Departementsthierarzt Dr. Schmidt-Aachen das Wort zu seinem Vor- trageüber Bleivergiftungen beim Rinde. Der Herr Vortragende führte Folgendes aus: (Eigenbericht des Herrn Vortragenden).

Die bei dem Röstungsprocesse der Bleierze sich entwickelnden Dämpfe enthalten trotz der technischen Vorrichtungen zum Auffangen der Bleitheile, noch eine grosse Menge von diesem Metalle. Das tägliche Quantum, welches z. B. aus den Schornsteinen der beiden Bleiwerke in Stolberg in die Luft geht. hat man neuerdings auf 100 Ctnr. berechnet. Dass da, wo diese Blei- massen sich niederlassen, die Vegetation und mit dieser auch die Thierwelt entsetzlich leidet ist wohl leicht begreiflich. In der That sind denn auch in diesen Bleibezirken unsere Hausthiere vom Pferde bis zu dem Geflügel herunter fast ausnahmslos mit Blei vergiftet. Die Wirkung, welche das Blei ausübt, ist bei den einzelnen Thiergattungen verschieden. Während beim Pferde lediglich die Erscheinungen einer eigenthümlichen Kehlkopfs-Dyspnos auftreten, erkranken Rinder ent- weder acut alsbald nach der Bleiaufnahme oder unmerklich nach und nach. Es lässt sich deshalb eine acute und chronische Bleivergiftung recht gut unterscheiden.

Letztere Form ist die bei Weitem häufiger vorkommende; sie führt erst nach Jahr und Tag durch Ausbildung der allgemeinen Cachexie, zum Tode. Haubner hat sie in seiner Arbeit über Hüttenrauchkrankheiten des Rindes vollkommen zutreffend beschrieben, beschuldigt aber als Ur- sache für seine Beobachtungen die in den Dämpfen enthaltene Schwefelsäure und deren Verbindungen, während die im hiesigen Bezirk vorkommenden Erkrankungen der Rinder auf das dem Körper einverleibte Blei zurückgeführt werden müssen. Blei ist dem Futter beigemengt und Blei findet sich in den grossen Drüsen, Leber, Milz und Nieren der erkrankten Thiere wieder und zwar oft so hinreichend, dass der Chemiker es wieder zu metallischem Blei, als kleine Kugeln, zusammen- fügen kann.

Abmagerung bei gutem Appetit, Husten, ge- ringe Milchsecretion, struppiges glanzloses Haar, Blässe der Schleimhäute, Verkalben, Verkrüppeln der Kälber, zuweilen Knochenfrakturen, zulet?t

Marasmus und Tod durch Entkräftung, sind so die allgemeinen Erscheinungen, welche sich mit der Zeit ausbilden. Dass hierauf Niemand in der Lage sein wird, eine präcise Diagnose auf Bleivergiftung stellen zu können, ist wohl klar, ebensowenig bietet auch die Obduction bestimmte Anhaltungspunkte für eine solche. Hypertrophie der Mesenterial- und Leistendrüsen sind also die einzigen Erscheinungen, welche ausser allgemeiner Anaemie gefunden werden. Häufig aber sind käsige Herde in den Gekrösdrüsen, in der Lunge und dann auch in den Bronchialdrüsen vorhanden. Ob dieser Befund aber der Bleivergiftung oder der Tuberculose angehört, ist noch fraglich. Pleura Kund Peritonaeum sind intakt. Unter- suchungen auf Bicillen wurden bisher nicht ge- macht. Allein entscheidend ist die chemische Analyse.

Die acute Form der saturninen Vergiftung kommt zunächst bei solchen Thieren vor. welche grössere Mengen Bleipräparate gefressen haben oder denen sie aus Versehen beigebracht worden sind. oder aber bei solchen, welche das Blei, wie bei der chronischen Form, mit dem Futter auf- genommen haben. Die Erkrankungen auf erstere Art sind durch die Literatur genügend bekannt; die auf letztere Art kommen meist im Frühjahre nach dem ersten Austreiben auf die Wiese in der Nähe der Bleifabriken vor und suchen haupt- sächlich das Jungvieh heim. Die betr. Thiere zeigen ausser geringem Appetit Störungen in den Gehirnfunktionen fehlerhafte Stellung der Schenkel, Stützen des Kopfes gegen die Wand, dumpfes Brüllen Salivation, periodenweises rasches Kauen, behindertes Abschlucken, zuweilen Lähmung der Zunge und enorm raschen Verfall der Körperfülle. Das klinische Bild gleicht jetzt dem der Gerebrospinal-Meningitis. Es fehlen jedoch die bei dieser Krankheit fast stets vor- handenen tetanischen Contractionen und ryth- mischen Zukungen in einzelnen Muskelgruppen, sowie das gelatinöse Exsudat in den Maschen der Pia, sodass beide Krankheiten leicht zu unter- scheiden sind. Die Darmdejectionen sind meist trocken, schwarz und werden in kleinen Portionen abgesetzt; dann und wann auch durchfällig und dann sehr stinkend. Nach 38 Tagen tritt der Tod ein; einzelne Patienten erholen sich zwar wieder, verfallen aber dann der chron. Form der Bleivergiftung.

Die Obduction ergiebt: Auflockerung der Mucosa des 4. Magens und des Dickdarms und Eechymosen verschiedener Grösse daselbst, Hyper- ämie der Leber und pralle Füllung der Blut- gefässe der Gehirnhäute und des Gehirns(jedoch nicht in allen Fällen). Das Blut hat meist eine arterielle Farbe und grosse Gerinnungsfähigkeit.