15. October.
Thiermedieinische Rundschau etc.
Ein wesentlicher Faktor bleibt aber bei der Räudetilgung das Schmieren der rändigen Hautstellen mit grauer Salbe. In diesem Sommer habe ich in meinem Kreise etwas ver- stärkte Bäder anwenden lassen; es sind für 100 Schafe 16 Pfund Tabak, 3 Pfund reine Carbolsäure und 6 Pfund Pottasche verbraucht.
Allein auch nach diesen Bädern hat man in mehreren Fällen späterhin wieder schmieren müssen.
Mindestens ebenso wirksam wie die Tabaksbäder haben sich aber auch die von mir empfohlenen Quecksilberbäder erwiesen. à) Dieselben sind in verschiedenen Kreisen unseres Herzogthums angewandt worden und berichten die Collegen schr günstig über deren Wirkung.
Es muss jedoch angeführt werden, dass die Schafe das Hydr. bichlorat. nur in Lösungen von 1: 1000 gut vertragen, das Baden derselben in stärkeren Lösungen hat zuweilen böse Folgen.
Zur Herstellung der Quecksilberbäder kann jedes bé- liebige Brunnenwasser benutzt werden; man setzt dem Sublimat eben nur die gleiche Quantität Kochsalz hinzu, wodurch die Zersetzung desselben bekanntlich verhindert wird. Während bei der Methode des Herrn Profesor Kaiser etwa 30 Schafe in der Stunde gebadet werden können, ge- stattet mein Verfahren das Baden von ca. 100 Stück in derselben Zeit.
Professor Kaiser. Meine Herren! Wenn von Seiten der Schafeigenthümer, der Schäfer und der Thieräzte das von mir empfohlene Kurverfahren in allen seinen Einzel- heiten ganz genau durchführt wird, dann hat es sicheren Erfolg, wie solches von vielen Thierärzten bestätigt worden ist. Ob von Herrn Lies bei seinen Misserfolgen aber das nöthige Gewicht auf die Ausführung der sogen. Vorkur gelegt worden ist, möchte ich sehr bezweifeln. Und gerade auf diese Vorkur lege ich das allergrösste Gewicht, das Badekurverfahren ist als ein sehr zweckentsprechender Ab- schluss des ganzen Kurverfahrens unentbehrlich, womit ich jedoch nicht bestreiten will, dass die Räude auch durch consequentes Schmieren getilgt werden kann.
Schluss folgt.)
— Allgemeines von der 61. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Köln.(Briefe an den Herausgeber dieser Zeitschrift.)
Sehr geehrter Herr Redacteur! Wenn ich Ihrem Wunsche Ihnen über die allgemeinen Sitzungen der dies- jährigen Naturforscherversammlung, die mit derselben in Verbindung gewesene Ausstellung, sowie über die statt- gehabten Festlichkeiten in ähnlicher Weise zu berichten, wie dies bereits im ersten Jahrgang der„Rundschau“(1885) gelegentlich der Versammlung in Strassburg geschehen, nachzukommen mich bemühe, so muss ich von vornherein um Nachsicht bitten. Sie wissen, dass ich vor Beginn der Versammlung meine Heimath in Westpreussen nach sechs- jähriger Abwesenheit wieder einmal aufgesucht hatte und mit einem sog. Katarrh der Nasen- und Rachenschleimhaut zurückkehrte, in dessen unangenehmer Begleitung ich sogleich zur Versammlung nach Köln musste. Wenn auch eine vorherige zweitägige Erholung bei einem Freunde und Collegen in Westfalen für den EFintritt der Restitutio ad integrum wesentlich günstig wirkte, so hatte ich doch während der ganzen Dauer der Versammlung unter jener lästigen Erkrankung zu leiden. Ich war deshalb leider nicht im Stande, mich an allen Vorgängen bei der Versammlung mit der erforderlichen geistigen und körper- lichen Frische betheiligen zu können. Immerhin hoffe ich über das Wichtigste Ihnen berichten zu können, obwohl im Augenblick, wo ich dies schreibe, sog. officielle Be- richte im Tageblatt noch nicht erschienen sind. Ab-
¹) Vergl. II. Jahrg. d. Ztsch. No. 7.
weichend vom bisherigen Verfahren sollen diese Berichte erst 2— 3 Wochen nach Schluss der Versammlung er- scheinen. Ich bemerke hierbei gleichzeitig, dass eine Reihe anderer Aenderungen und Vorkommnisse gelegentlich der diesjährigen Versammlung ebenfalls nicht gerade günstig auf die Besucher wirkten. Doch nun zur Sache.
Nach den Angaben der Tagesordnung sollte am Montag Abend sog. allgemeine Begrüssung im Casino sein. Leider war es unmöglich, sich mittels des den Mitgliedskarten beigegebenen Planes von Köln zurecht zu finden, so dass ich bei dieser wie auch anderen Gelegenheiten erst durch vieles Fragen mich zurechtfinden Kkonnte. Als ich glücklich das Ziel erreicht hatte, konnte ich bezüglich der Section für Veterinärmediein mit einem bekannten Schulmann ausrufen:„ich sehe Viele, die nicht da sind.“ Das kleine Häuflein der um diese Zeit bereits Erschienenen begab sich deshalb auch bald in eine jener grossen„echten Münchener“, um sich dort in Ruhe für die Arbeiten des folgenden Tages zu kräftigen und nebenher Prognosen über den Besuch der Fachsection zu stellen.
Am nächsten Morgen fand in dem prächtig mit Fresko- gemälden geschmückten Gürzenichsaale, dessen eine Seite durch die mit reichem Pflanzenschmuck geschmückte Kolossalbüste des Kaisers Wilhelm II. abgeschlossen war, die erste allgemeine Sitzung statt.
Der erste Geschäftsführer Herr Prof. Bardenheuer eröffnete dieselbe und gedachte zunächst der schweren Tage, welche unser Vaterland durchgemacht, seitdem Köln zum Vorort der Versammlung deutscher Naturforscher gewählt wurde. In tief bewegter Ansprache gedachte derselbe unserer heimgegangenen deutschen Kaiser, zu deren ehrendem Andenken sich die Versammlung von ihren Sitzen erhoben hatte. Dann begrüsste er die aus allen Gauen Deutschlands und auch Peutsch-Oesterreichs und auch aus anderen Ländern so zahlreich erschienenen Theil- nehmer und wünschte den Arbeiten der Versammlung reichsten Segen. Zum Schlusse seiner Begrüssungsworte forderte er nach hergebrachter deutscher Sitte auf, die Versammlung mit einem Hoch auf den Landesherrn zu eröffnen. Nachdem das brausende Hoch auf Kaiser Wilhelm II. verklungen war, fand ein vom Vorsitzenden verlesenes Telegramm an den Kaiser lauten Beifall. Nach- dem Herr Prof. Bardenheuer den Herrn Minister v. Gossler, den Herrn Oberpräsidenten v. Bardeleben und den Herrn Regierungspräsidenten v. Sydow, welche am Erscheinen verhindert waren, entschuldigt hatte, ertheilte er den Ver- tretern der Behörden und wissenschaftlichen Körperschaften das Wort.
Namens der Staatsregierung begrüsste Ober-Regierungs- Rath von Tischowitz die Versammlung mit herzlichen Worten. Ihm folgte Oberbürgermeister Becker namens der Stadt Köln, Geheimrath Professor Dr. Schönfeld als Rektor der Universität zu Bonn, welcher deren Grüsse darbrachte, und Sanitätsrath Graf- Elberfeld, der den Wünschen des Vorstandes der Aerztekammer und des ärztlichen Vereins der Rheinlande Ausdruck verlieh. Nachdem der Vorsitzende diesen Herren, sowie den Be- hörden für ihr Entgegenkommen und den Mitgliedern der Ausschüsse für deren Mühewaltungen den Dank aus- gesprochen hatte, gedachte er der seit der letzten Ver- sammlung verstorbenen hervorragenden Mitglieder, des berühmten Chirurgen von Langenbeck und der Professoren de Barry, Clausius und vom Rath, zu deren Ehren sich die Versammlung erhob.
In die Tagesordnung eintretend erhält zunächst Prof. Dr. Binswanger-Jena das Wort zu seinem angekündigten Vortrage„über Verbrechen und Geistesstörung.“ Die Bezichungen der Geisteskrankheiten zu verbrecherischen Handlungen, begann etwa der Redner, haben in neuester Zeit die Aufmerksamkeit sowohl der Irrenärzte und Psycho- logen, wie auch der Juristen auf sich gelenkt, letzteres um 2


