8 Thiermedicinische Rundschau ete.

1888. No. 1.

Untersuchung, um den Stein durch den Gefühlssinn zu eruiren, häufig resultatlos bleibt, auch wenn man gerade die Stejle drückt, wo der Stein sitzt; es ist dies ja be⸗ kanntlich die erste Biegung der Sförmigen Krümmung. Zuweilen verstopfen die Steine die Harnröhre nicht voll- ständig, so dass der Urin tropfenweise von den sehr un- ruhigen und beängstigten Thieren entleert wird. Unter solchen Umständen können dieseſben mehrere Tage hin- durch leben. Ist die Harnröhre jedoch vollständig ver- stopft, so erfolgt ganz sicher innerhalb 24 30 Stunden Blasenruptur und hiernach ebenso sicher der Tod. Penn der in die Bauchhöhle ergossene Urin veranlasst Bauch- fellentzündung und Uraemie. Dass ein Ochse dabei immer- hin noch 8 Tage und länger, ja viel läönger leben kann, ist ja bekannt. Ich kann bestimmt versichern, dass ein Ochse, bei dem ich im Anfange meiner praktischen Thätig- keit einen Harnröhrenstein diagnosticirt und deshalb dem Besitzer dringend gerathen hatte, die Operation machen zu lassen, noch 19 Tage gelebt hat. Das fragliche Thier wurde nämlich von einem Hirten einer vermuthlichen Ver- stopfung wegen behandelt und wurde mir 16 Tage später wieder zugeführt. Ich entleerte aus der Bauchhöhle reich- lich 4 Eimer Urin, 3 Tage später ging das Thier zu Grunde.

Einige Wochen vorher war mir ein Ochse zur Be- handlung überwiesen worden mit der Anamnese, dass der- selbe Kolik gehabt, mit Leinöl behandelt worden sei und von der Zeit an keinen Appetit zeige, nicht wieder- kaue u. s. w. In diesem Falle hatte ich keine richtige Diagnose gestellt, wie ich offen eingestehe. Ieh behandelte das Thier mit Tart. stibiat. und gewahrte schon am zweiten Tage eine bedeutende Zunahme des Bauches. Jetzt orst dachte ich an Blasenruptur; ich machte die bekannten Reibungen um die Vorhaut und da kein UVriniren erfolgte, untereuchte ich die Harnröhre und konnte den Stein be- stimmt fühlen. Die nach der alsbald erfolgten Tödtung gemachte Untersuchung bestätigte die Diagnose.

Meine Herren! Ich war 12 wal in der Lage. die be- reits erfolgte Blasenruptur mit Bestimmtheit zu diagnosti- ciren und habe 14 mal den Steinschnitt gemacht. Von diesen 14 Thieren habe ich 12 geheilt. Harninfiltration zu Grunde gegangen und bei den meisten von mir operirten Thieren hatte ich gegen diese böse Nachkrankheit zu kämpfen. Die Meisten von lhnen wer- den solche Harninfiltrationen aus Erfahrung kennen; sie erfolgte bald einige Tage, bald erst später, etwa 14 Tage nach der Operation, nachdem wan schon alle Gefahr be- seitigt wähnte. Von der Operationsstelle bis zum Prae- putium ist plötzlich ein Oedem aufgetreten. Pas Thier Rebert heftig, die ödematöse Geschwulst vergrössert sich rasch und ßann sich bis zur Brust erstrecken. Sie ist entstanden, indem der Urin aus der Urethra-Oeffnung einen Weg im subeutanen und intermuskulären Gewebe

2 sind mir an

lange das Drainrohr liegen bleiben soll. Nun, meine Herren, es bleibt ebenso ſange liegen, bis kein Urin mehr aus demselben herauskommt, sondern letzterer vollständig aus der Harnröhre, resp. dem Praeputium ausfliesst.

Ich habe die Patienten genau im Auge behalten; bei einem kam schon nach 3 Monaten ein Recidiv, welches zur Nothschlachtung Veranlassung gab; bei 3 anderen hatte sich nach mehreren Monaten eine Strictur ausge bildet, welche ebenfalls Nachoperationen, resp. die baldige Schlach- tung herbeiführte. Pagegen sind 8 von mir operirte Thiere vollständig gesund geworden und geblieben.

Meine Herren! Ueber die Operationsstelle kann man, wenn man den Stein fühlt, nicht im Zweifel sein. In solchen Fällen schneidet man direct auf den Stein ein. In allen anderen Fällen, wo man unterhalb des Sitzbeins noch starke Füllung der Harnröhre nachweisen kann, ist die Operationsstelle etwa eine Handbreit über dem Hoden- sacke. Hier macht ja bekanntlich die Harnröhre die Poppelkurve. Letztere beherbergt gewöhnlich den Stein. Ich habe niemals bei Ochsen denselben an einer anderen Stelle gefunden.

Es liegt mir fern, die Operation hier detaillirt be- schreiben zu wollen, nur darauf möchte ich noch aufmerk- sam machen, dass in den Lehrbüchern mit Recht darauf hingewiesen wird, dass man die Thiere mit grösster Vor- sicht niederlegen solle, weil gerade beim Niederlegen leicht Blasenzerreisungen vorkommen. Es wird deshalb auch empfohlen, am stehenden Thiere zu operiren. Meine Prfahrungen ermuthigen mich durchaus nicht zu dieser Empfehlung. Nur in dem Falle, wo es sich darum han- delt, ein mit einem Harnröhrsteine behaftetes Thier noch einige Zeit hindurch zu erhalten, um dasselbe event. zu mästen, würde ich die Harnröhre am stehenden Thiere einfach quer durchschneiden. Aus eigener Erfahrung kann ich jedoch über diese Operation und ihre Folgen keine Angaben machen.

Ich lasse den Thieren, nachdem dieselben auf gute Streu gebracht sind, Schellen anlegen und fessele dieselben erst, nachdem sie sich hingelegt haben. Auf Letzteres praucht man bekanntlich gewöhnlich nicht lange zu warten. In mehreren Fällen habe ich aber auch die Thiere in der

bekannten Weise niedergeschnürt.

sich bahnte, sie ist anfangs schmerzhaft, bald wird sie

kalt, schmerzlos, die Haut wird trocken, dann sphacelös; es pilden sich jauchige Eiteransammlungen im subeutanen Gewebe, und es stossen sich grössere und kleinere Haut- stücke ab.

Ich habe anfänglich solche Harninfiltrationen nach der alten Methode mit Bähungen und Scarificationen, jedoch mit verhältnissmässig wenig Glück behandelt. Später habe ich dieselben sehr sorgfältig drainirt, und da ich hierbei mehr Glück hatte, so kam mir der Gedanke, die Drainage gleich mit der Operation zu verbinden. Ich ziche nämlich sofort von der Operationswunde aus ein starkes, gut ge- fenstertes Drainrohr bis in die Gegend zwischen Serotum und Praeputium, nähe die Urethrawunde und den oberen Winkel der Hauptwunde und überlasse das Thier seinem Schicksale. Bricht die Harnröhrenwunde wieder auf, was ja meistens der Fall ist, so wird der Harn durch das Prainrohr apgeleitet. Es entsteht nun die Frage, wie

Ich wende mich nunmehr zur Besprechung der Harn- verhaltung, welche durch Anhäufung von Hautschmiere und Urinrückständen in der Vorhaut und damit verbun- dener Entzündung und Verengung derselben entsteht.

Wir sehen diese Form der Harnverhaltung fast aus- schliesslich nur bei kastrirten, schr selten einmal bei unkastrirten Thieren auftreten.

Der Grund hierfür liegt jedenfalls in dem unzureichen- den Hervorstrecken der Ruthe beim Uriniren.

Erfahrungsgemäss kommen solche Fälle vorzugsweise im Sommer zur Behandlung; ich habe jedoch auch viel- fach Gelegenheit gehabt, diese Harnverhaltung im Winter zu beobachten und zwar betraf dies jedesmal Thiere, die

mit Kartoffeln oder Schlempe gofüttert wurden Wir dürfen

daraus den Schluss zichen, dass Grünfutter und Kartoffeln dem Urin eine Schärfe geben, welcher die Vorhautentzün- dung hervorzurufen geeignet ist. Ich will unsere kostbare Zeit nicht damit verbringen, die Erscheinungen, die ja jedem Praktiker bekannt sind, hier nochmals zu besprechen, sondern will nur kurz Anregung zur Diseussion über die Behandlung geben.

Meine Herren! Wir sollen vor Allem für freien Ab- fluss des Harnes sorgen. Es wird deshalb empfohlen, die Innenfläche des Schlauches zunächst sorgfältig zu reinigen und je nach dem Grade der Entzündung mit entsprechen- den Medicamenten zu behandeln. Dass dadurch oftmals Heilung erzielt werden kann, bezweifele ich nicht; aber einerseits ist die Application der Medieamente sehr schwierig und andererseits pildet sich doch recht oft trotz sorg-