1. October.

fortan die BezeichnungKönigliche Thierärztliche Hoch- schulen führen sollen. Durch diesen Act AMerhöchster Gnade und Weisheit ist nunmehr die Thiermediein als ebenbürtiges, wenn auch jüngstes Glied in die Reihe der Hochschulwissenschaften aufgenommen. Die Thierärzte aber können ihren Dank für die ihnen zu Theil gewordene Auszeichnung auf keine würdigere Weise bethätigen als dadurch, dass sie opferfreudig ihr ganzes Wissen und Können in den Dienst des Vaterlandes stellen. Im An- schluss an die veränderte Benennung der Thierärztlichen Bildungsanstalten Preussens hat Se. Excellenz, der Herr Minister für Landwirthschaft, Domainen und Forsten, Dr. Lucius, der Thierärztlichen Hochschule zu Berlin ein academisches Statut verliehen, und zum ersten Rector Herrn Professor Müller für 3 Jahre ernannt. Dem Lehr- körper der Thierärztlichen Hochschule zu Hannover ist eine umfassendere Betheiligung an den Verwaltungsange- legenheiten der Hochschule in Aussicht gestellt worden.

Meine Herren! Was von uns Thierärzten so heiss er- sehnt und erstrebt worden ist, dass ist der Hauptsache nach in Erfüllung gegangen. Dem Herrn Staatsminister Dr. Pucius werden nicht nur die Thierärzte Preussens, sondern ganz Deutschlands für diesen thatsächlichen Be- weis wohlwollender Fürsorge die dankbarste Ergebung entgegenbringen, und sein Name wird unter den Förderern der deutschen Thierarznei-Wissenschaft stets den ersten Rang einnehmen.

Meine Herren! Diese Reform der thierärztlichen Bil- dungsanstalten legt nun aber in einem viel höheren Masse als bisher jedem einzelnen Gliede des Standes die Ver- pflichtung auf, alle Kräfte anzuspannen, um die Veterinär- Wissenschaft immer weiter auszubauen und ihre Ausübung immer fruchtbringender zu gestalten im Diente des Ge- meinwohls.

Meine Herren! Mit dieser hocherfreulichen Mittheilung, deren Tragweite wir vielleicht erst nach Jahrzehnten im vollen Umfange zu übersehen im Stande sein werden, habe ich zu meinem Bedauern die weniger erfreuliche Nach- richt zu verbinden, dass Se. Excellenz, der Herr Kriegs- minister Bronsart von Schellendorf befohlen hat, dass die Thierärzte des preussischen Heeres aus den thierärzt- lichen Vereinen ausscheiden müssen.

Ich bin nun nicht der Meinung, dass in dieser Mass- regel eine abfällige Beurtheilung der thierärztlichen Ver- eine liegt; ich erplicke darin vielmehr nur eine konse- quente Durchführung derjenigen militärischen Grundsätze, die in unserem Heere als die allein richtigen sich bewährt haben, von denen vielleicht der hervorragendste Grundsatz der ist, dass die Fürsorge für die Untergebenen stets den oberen Instanzen überlassen werden muss, ein Grundsatz, mit dessen Aufrechterhaltung die militärische Disciplin steht und fällt. Wenn mun auch unsere militärischen Fachgenossen gezwungen sind, aus dem Vereine auszu- scheiden, so werden wir doch nicht aufhören, sie als die Unserigen zu petrachten und es uns nach wie vor ange- legen sein lassen, diejenigen loyalen Bestrebungen zu unterstützen, welche eine stetige Verbesserung der Veterinär- Einrichtungen des deutschen Heeres zum Ziele haben.

Meine Herren! Zu No. 1 der Tagesordnung habe ich zu bemerken, dass in unserem Mitgliederbestande im ver- gangenen Jahre eine grosse Veränderung eingetreten ist. Eine grössere Anzahl Ft, theils in Folge Wegzuges, frei- willig ausgetreten, die Mitglieder Caspary, Döhrmann. Daubenkropf und Stallmann sind verstorben, und 5 Follegen, deren Namen pei mir zu erfahren sind, haben wegen Nichtzahlung des Beitrages gestrichen werden müssen. Ich ersuche Sie, sich zum Andenken der dahin- geschiedenen Collegen von den Plätzen zu erheben.(Ge- schieht.)

Der Verein hat 10 Personen neu aufgenommen und beträgt seine Mitgliederzahl jetzt 172.

Thiermedieinische Rundschau ete. 7

Auf Vorschlag des Präsidenten wurden dann folgende Herren einstimmig zu Phrenmitgliedern des Vereins er- nannt: Ober-Regierungsrath Dr. Lydtin-Karlsruhe, Pro- fessor Dr. Pütz-Halle a. S., Senator Dr. Schläger- Hannover, Kreis-Thierart Dette-Hameln.

Im Namen des Vereins sprach der Vorsitzende Herrn Dette die herzlichste Gratulation zu seiner Ernennung zum Phrenmitgliede aus und erbat sich die Ermächtigung, die übrigen Herren davon benachrichtigen zu dürfen. Nach einem Panke des Herry Dette für die Auszeichnung wurde zur Rechnungslegung geschritten. Das Gesammt- vermögen einschliesslich 7200 Mk. des Vermögens der Wittwenkasse beträgt 11 046 Mk.

Alsdann hielt Herr Prof. Dr. Esser-Göttingen seinen VortragUeber Harnverhaltung beim Ochsen und führte aus:

Meine Herren! Ich habe das fragliche Thema zu meinem Vortrage gewählt nicht etwa, um Ihnen neue Be- obachtungen oder irgend eine wesentlich neue Therapie mitzutheilen, sondern nur um Anregung zu einer gegen- seitigen Belehrung über dasselbe zu geben. Ich will das- selbe auch sofort etwas enger fassen und nur über die Harnverhaltungen sprechen, welche erzeugt werden durch mechanische Verstopfung des harnabführenden Apparates und zwar besonders: 1. durch Harnsteine, 2. durch An- häufung von Hautschmiere und Urinrückständen in der Vorhaut und damit verbundener Entzündung und Ver- engerung derselben.

Sie wissen aus Erfahrung, dass diese Krankheiten in den Kliniken unserer Hochschulen sehr selten, um nicht zu sagen nie zur Beobachtung kommen und wissen ja, dass auch die ambulatorische Klinik nur einzelnen Studi- renden Gelegenheit bietet, solche Krankheiten zu sehen. Ich glaube deshalb, dass es für unsere jüngeren Collegen besonders interessant sein wird, über ein solches aus der Praxis gegriffenes Thema einige Mittheilungen zu erhalten.

Meine Herren! Ich will mich nicht auf theoretische Prörterungen über die Ursachen der Harnsteine einlassen, nur die unter den Thierärzten bekannte Thatsache will ich hier nochmals hervorheben, dass Harnsteine in einigen Gegenden ungemein häufig, in anderen ganz ausserordent- lich selten vorkommen. Wir können uns deshalb auch von der Annahme, dass Futter und Getränke in ätiolo- gischer Beziehung eine Hauptrolle spielen, nicht lossagen.

Wir setzen uns mit dieser Annahme nicht in Gegen- sat? zu der Auffassung von Ebstein, dass immer ein organisches Gerüst vorhanden sein muss, damit eine Harn- concretion zu Stande komme; denn wir können uns wohl vorstellen, dass gewisse Bestandtheile des Futters und Ge- tränkes entzündliche Processe in den Nieren oder Harn- wegen hervorrufen können, die das organische Gerüst zu den Harnsteinen liefern.

Für uns Praktiker ist die Diagnose und die Therapie die Hauptsache, und deshalb wollen wir uns damit beson- ders beschäftigen. In vielen Fällen können wir schon aus der Anamnese mit einiger Bestimmtheit eine Verstopfung der Harnröhre durch einen Stein diagnosticiren. Sehr leicht ist die Diagnose, wenn der Patient die bekannten kolikähnlichen Erscheinungen zeigt mit Prang zum Uriniren, wobei entweder gar kein Urin, oder nur wenig, tropfen- weise entleert wird. Eine Manual-Untersuchung per rectum und der Nachweis, dass die Blase straff gespannt ist, beim Druck auf dieselbe Schmerzensäusserung aber keine Harn- entleerung erfolgt, genügt in solchen Fällen zur Diagnose, auch wenn der Stein selbst nicht nachweisbar ist; schwierig dagegen ist dieselbe, wenn die Untersuchung bald nach erfolgter Ruptur der Blase pbei unvollständiger oder ganz fehlender Anamnese vorgenommen wird. Darauf werde ich später noch zurückkommen und hier nur hervorheben, dass nach der Blasenberstung die Indolenz der Thiere gewöhnlich noch bedeutend steigt, so dass die manuelle