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Thiermedicinische Rundschau etc.
1888. No. 24.
einer gewissen Ausdehnung des Heerdes der Fall sein—, ist sie wohl ausnahmslos als locale Tuberculose aufzufassen und zu behandeln.
Im Anschluss an die Besprechung der Heil- barkeit der Spitzentuberculose der Lunge gestatten Sie mir zum Schlusse noch einige Bemerkungen über die Prophylaxis der Tuberculose.
Wenn es richtig ist, was wir Eingangs zu begründen versuchten, dass die Disposition in der Aetiologie der Tubereulose eine wichtigere Rolle spielt als die Infection, so muss die Be- kämpfung der Disposition prophylaktisch bedeu- tungsvoller und dankbarer sich erweisen als die Hintanhaltung der Infection.
In dieser Auffassung der Tuberculose, die ich schon längere Zeit vertrete, werde ich in hohem Grade bestärkt durch eine Mittheilung, die vor Kurzem Stich in der Festschrift zu v. Zenker's Professoren-Jubiläum ¹) gemacht hat. Stich, welcher als Arzt am Waisenhause in Nürnberg fungirt, theilt aus dem genannten Waisenhause mit, dass er daselbst bei einem Stande von über 100 Waisenkindern, die dem Zwecke der Anstalt nach in grosser Zahl hochgradig erblich belastet sind, im Verlaufe von 8 Jahren nur einen Er- krankungsfall an Tuberculose beobachtet habe und dass auch unter den entlassenen Zöglingen nur ein weiterer Fall von Tubereulose beobachtet wurde, obwohl dieselben vielfach die bedenk- lichen 20 er Jahre erreicht haben. Dieses über- raschend günstige Resultat schreibt Stich haupt- sächlich den vorzüglichen hygienischen Verhält- nissen zu, die im Nürnberger Waisenhause herrschen und die wesentlich aus peinlicher Rein- lichkeit, ausgiebigster Ventilation, fortwährender Abhärtung und reichlicher Bewegung in freier Luft sich zusammensetzen.
Wenn man auch berücksichtigt, dass gerade das Alter zwischen 5— 15 Jahren, wie statistisch nachgewiesen ist, am wenigsten von Tuberculose
beimgesucht ist, so ist die Waisenhausbevölkerung
andererseits in der Regel ganz eminent erblich belastet, besonders in einer Industriestadt wie Nürnberg, wo die Tuberculose überaus zahlreiche Opfer fordert. Wenn Stich annimmt, dass durch die erwähnten Maassnahmen vorwiegend die In- fection hintangehalten werde, so wird das kaum zu bestreiten sein; andererseits dürfte aber auch die Bekämpfung der erblichen Belastung durch Kräftigung der Constitution, vorzügliche Ernährung dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.
¹) Ed. Stich, Die Erblichkeit und Heilbarkeit der Tubereulose. Deutsches Archiv für klinische Mediecin. Bd. 42. 1/3. Heft. S. 219. 1887.
Unter dem Eindrucke der hochinteressanten Mittheilung Stich's, wonach die Resultate des Nürnberger Waisenhauses für die Prophylaxis der Tuberculose einem Experimente im Grossen vergleichbar erscheinen, erinnerte ich mich einer gelegentlichen Mittheilung unseres hiesigen Waisen- hausarztes, des Herrn Collegen Schnizlein, die Aehnliches besagte. Herr College Schnizlein war so liebenswürdig, mir über die Verhältnisse des Waisenhauses der Stadt München Folgendes mitzutheilen:
Vom April 1866 bis Juni 1888 wurden 613 Kinder in das städtische Waisenhaus hier aufgenommen.
Nach den anamnestischen Notizen, die dem Aufnahme-Journal entnommen sind, haben von den genannten 613 Zöglingen 266= 43,59 Proz. entweder Vater oder Mutter an Tuberculose verloren, haben Vater und Mutter an Tuberculose verloren; haben ihre Eltern an anderen Krankheiten oder durch Un- glücksfall eingebüsst.
Die bei dieser grossen Zahl von Kindern be- obachteten Resultate, von denen mindestens die Hälfte erblich belastet ist, lassen sich den von Stich mitgetheilten ebenbürtig an die Seite stellen. Im Verlaufe der letzten 12 Jahre, seit Dr. Schniz- lein als Arzt am Waisenhause fungirt, ist eben- falls nur ein Fall von Tuberculose bei den Zö5g- lingen des Waisenhauses vorgekommen, der aber insofern ganz irrelevant erscheint, als der be- treffende Zögling schon mit Tuberculose behaftet zur Aufnahme gelangte und alsbald wieder wegen seiner Erkrankung entlassen wurde. Ich brauche kaum zu betonen, dass die hygienischen Verhält- nisse des Münchener Waisenhauses ähnlich wie in Nürnberg allen— auch den weitgehendsten Anforderungen in Bezug auf Reinlichkeit, Venti- lation, Ernährung etc. entsprechen.
Da ein grosser Theil der Waisenhauszöglinge sicherlich längere Zeit und zwar gerade in dem so empfänglichen ersten Lebensalter bei den kranken Eltern lebte, so lässt sich mit Sicherheit annehmen, dass manche dieser Kinder neben der intensiven erblichen Belastung— baldiger Tod der Eltern nach der Geburt— auch noch reich- liche Gelegenheit zur Infection, zur directen Auf- nahme des tuberculösen Giftes hatten und in Folge dessen mit latenter Tuberculose, nament- lich der Bronchialdrüsen, die nach den im Patho- logischen Institut gemachten Wahrnehmungen bei der Kinderwelt der grossstädtischen Bevölkerung so überaus häufig angetroffen wird, behaftet waren.
Man kann wohl annehmen, dass ein Theil dieser Kinder ausserhalb des Waisenhauses nament-
42= 6,86 Proc.
305= 49,76 Proc.


