15. September.

Thiermedicinische Rundschau etec.

295

oder Gelatine impft, in denen die Rothlaufstäbchen gezüchtet sind, so sterben sie am zweiten, spä- testens am dritten Tage nach der Impfung unter ganz charakteristischen Erscheinungen, und selbst nach dem Tode lassen sich Rothlaufmäuse von Milzbrandmäusen ganz gut unterscheiden. Jene verenden in hockender zusammengekauerter Stel- lung, ihre Augen sind verklebt und ihr Haar ist rauh, diese liegen auf einer Seite mit steif aus- gestrekten Beinen und meist aufgetriebenem Hinter- leib. In der Milz, in der Leber, den Nieren und im Blute aller Organe der BRothlaufmäuse fnden sich Rothlaufstäbchen, die bei ihrer Aus- saat auf künstliche Nährmedien wiederum so wachsen, wie die zur Impfung benutzten.

Es ist Ihnen gewiss bekannt, dass Schüt?z auch pei Schweinen durch Impfung künstlich ge- züchteter Rothlauf bacillen tödtliche Erkrankung erzielt hat. Man konnte sich daher für berech- tigt balten, die Rothlauf bacillen als die wesent- liche Ursache und als pathognomonisches Kenn- zeichen der Rothlaufseuche anzusehen. Ich habe auch bei dieser Krankheit die Bacillen niemals vermisst und umgekehrt, wo der pathologisch- anatomische Befund mich im Stich liess, habe ich unbedenklich die Diagnose Rothlauf acceptirt, wenn im Blute und in den Geweben die Roth- laufstäbchen sich fanden und Mäuse, die mit dem fraglichen Material geimpft worden waren,

blieben, bin ich nach und nach zu grösseren übergegangen und habe zuletzt 6 7 qem stäbchen- haltiger Flüssigkeit eingespritzt, ohne etwas An- deres zu erzielen, als eine vorübergehende Tem- peratursteigerung, obschon die mit sehr kleinen Mengen des gleichen Materials der Controle wegen geimpften Mäuse jedesmal prompt an Impfroth- lauf eingingen. Zweifellos ist auch nach diesem Ergebniss der Bothlaufbacillus pathogen; aber wenn man das mörderische Auftreten der Roth- laufseuche bei Schweinen mit den Resultaten der künstlichen Einimpfung des Rothlauf bacillus bei diesen Thieren vergleicht, dann ergeben sich so- fort eine Reihe schwerwiegender Gegensätze. Dazu kommt noch, dass die klinischen und

pathologisch-anatomischen Unterscheidungsmerk-

male zwischen Rothlaufseuche auf der einen und Schweineseuche auf der anderen Seite sich nicht decken wollen mit den bakteriologischen Unter- suchungsresultaten einzelner Forscher, die nun diesen beiden Krankheiten gegenüber in derselben kritischen Lage sich befinden, wie gegenüber den Twäschen Jochen Nüsslers weiland Onkel Bräsig, der auch immer meinte, Liening müsste doch eigentlich Miening und Miening müsste Lie- ning sein.

Sie sehen, meine Herren, ehe wir dahin ge- langen, das ätiologische Problem der bacillären

Infectionskrankheiten der Schweine in gleich voll-

unter den bei Rothlaufimpfungen gewöhnlichen

Umständen starben. Meine Versuche haben mich jedoch nach und nach eines Anderen pelehrt. Zunächst ist es mir bis heute(29. Juli 1887)

auf keine Weise gelungen ein gesundes Schwein

durch Rothlaufpacillen zu inficiren, mochten die- selben nun künstlich gezüchtet oder in Organen kranker Thiere enthalten sein.

Ich habe den Schweinen bis 5 Reagen?zgläser

mit bacillenhaltiger Bouillon, die auf Brot ge-

gossen wurde, zu fressen gegeben, ich liess sie Mäuse, die eben an Impfrothlauf gestorben waren, oder die Eingeweide zweifellos rothlaufkranker Schweine verzehren, ich habe endlich den Ver- suchsschweinen die Lebern und die Milz der an Impfrothlauf gestorbenen Mäuse unmittelbar nach dem Tode derselben unter die Haut genäht und niemals ist es mir gelungen, bei einem Schweine dadurch eine nachweisliche Krankheit, geschweige denn Rothlaufsenche zu erzeugen. Anfangs habe ich kleine Quantitäten mit der Pravazspritze in- jicirt, da es ja nicht erst bewiesen zu werden praucht, dass man durch Finverleibung grosser Bakterienmengen auch Schweine umbringen kann, sondern weil ich schen wollte, ob die in kleiner Menge injicirten Schizomyceten im Körper des Schweines weiter vegetiren und denselben krank machen können. Da kleine Mengen erfolglos

Anthracis bei

endeter Weise auflösen zu können, wie wir das auf Grund der classischen Untersuchungen R. Koch's über die Entwickelungsgeschichte des Bacillus dem Milzbrand heute im Stande sind ehe wir dahin gelangen, sage ich bedarf es noch angestrengter ausdauernder Arbeit.

Infectionskrankheiten.

Ueber Entstehung und Heilbarkeit der Tuberculose. Von Prof. Dr. 0. Bollinger in München.(Schluss.)

Ich gehe nun zur Besprechung des zweiten Theiles meines Vortrages, nämlich zur

Frage von der Heilbarkeit der Tuber culose

üper.

Ebenso wie der dominirende Finfluss der Erb- lichkeit bei der Entstehung der Tuberculose galt früher die Unheilbarkeit derselben als fest- stehende Thatsache.

Die neueren Erfahrungen haben gelehrt, dass die Tuberculose eine heilbare Krankheit ist, ein Satz, den die Kliniker gelegentlich bei der Lungen- tubereulose, die Chirurgen bei der operativen Heilung der Gelenk-, Knochen- und Prüsentuber- eulose uns alltäglich glänzend beweisen. Den operativ und künstlich herbeigeführten Heilungs- fällen der Chirurgen können wir an die Seite 47*