288 Thiermedicinische Rundschau ete.

1888. No. 23.

Wenn wir demnach die Milch perlsüchtiger Kühe als höchst verdächtige Quelle der mensch- lichen Tuberculose ansehen müssen und z. B. er- fahren, dass mit Ausschluse der Kälber ungefähr 6 7 Proc. aller weiblichen Rinder mit Tuber- eulose behaftet sind, dass diese Zahlen sich in manchen Bezirken bis auf 10, ja auf 26 Procent steigern, dass z. B. allein in der Stadt Augsburg im Verlauf von 10 Jahren 2200 tubereulöse Kühe geschlachtet wurden, die wohl alle jahrelang zur Milchproduction benützt wurden, so springt die Grösse dieser Gefahr namentlich in Bezug auf die Pathogenese der Tuberculose des Kindesalters ohne Weiteres in die Augen.

Anderseits dürften die Versuchsresultate, die in Bezug aut die Infectiosität des Fleisches tuber- culöser Rinder gewonnen wurden, beruhigend wirken. Von zuverlässiger Seite(Dr. Schmidt- Mülheim) wurde vor Kurzem noch die Berechnung aufgestellt. dass, wenn in ganz Preussen das Fleisch tubereulöser Rinder nach denselben Prin- cipien behandelt würde wie im Schlachthause zu Berlin, der muthmassliche Verlust sich jährlich auf mindestens 10 Millionen Mark veranschlagen lasse.

Wenn wir auch im Kochen der Milch ein zuverlässiges Schutzmittel gegen die besprochene Gefahr kennen, so unterliegt es doch keinem Zweifel, dass bei jenen zahlreichen Fällen von Tuberculose, namentlich der Kinder, in denen die Krankheit nicht in die Lunge, sondern in anderen Organen., besonders in den Unterleibsorganen, in den Lymphdrüsen, in den Gelenken, Knochen einsetzt, dass bei jenen Fällen von Tuberculose, wo eine anderweitige Infectionsquelle(Verkehr mit phthisischen Individuen) ausgeschlossen werden kann, die Milch perlsüchtiger Kühe bei ihrer er- wiesenen hochgradigen Infectiosität immer wieder als gefährlicher Zwischenträger des Giftes in Frage kommen muss. Ferner ist zu berücksich- tigen die lange Latenz der menschlichen Tuber- eulose, welche die Feststellung des Infections- modus, namentlich auch des Infectionstermines, in hohem Grade erschwert. à) Pa vielen

) Ich möchte diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, der Meinung Ausdruck zu geben, dass der Perlsucht der BRinder zweifellos alle Charaktere einer gemeingefähr- lichen Thierseuche zukommen. Abgesehen von der Gefahr von Seiten der Milch für die Gesundheit des Menschen, ist sie wirthschaftlich ein grosser Schaden für die thier- produeirende Landwirthschaft. Während der Staat den Kampf gegen eine Reihe von Thierseuchen(Rinderpest, Rotz, Wuth, Milzbrand, Lungenseuche) erfolgreich aufge- nommen hat, geschieht gegen die häufigste Krankheit des Rindes gar nichts. Die Thierzüchter haben ebenfalls noch keinen Versuch gewacht, die Verbreitung der Tuberculose unter den BRindern zu pekämpfen. Trotz der groesen Schwierigkeiten, die bei der Bekämpfung einer so häufigen und meist latent verlaufenden Krankheit sich ergeben, be- zweifle ich nicht, dass über kurz oder lang wenigstens ein Versuch in dieser Richtung gemacht werden muss.

Menschen der Genuss gekochter Milch wenig zusagt, dürſte in solchen Fällen Senmilch ein passondes Ersatzmittel abgeben, da nachweis- bar Ziegen höchst selten mit Tuberculose be- haftet sind.(Schluss folgt.)

Kleine Mittheilungen.

Die Versammlung zur Erforschung der Tuber- kulose, welche in der Zeit vom 26. bis 31. Juli d. J. in Paris tagte, hat sich in der Hauptsache den von Robert Koch-Berlin aufgestellten Sätzen angeschlossen. ¹)

Die Versammlung erkennt die Uebertragung der Schwindsucht durch die Bacillen an und nahm einstimmig folgende Beschlüsse an:

1. Es sind einfache Unterweisungen abzufassen und massenhaft zu verbreiten, um überall der Ansteckung der Tuberkulose vorzubeugen, namentlich in der Nahrung und der Milch, sowie um die im Speichel, in Wäsche und Betten befindlichen Keime zu zerstören.

2. Mit allen zugänglichen Mitteln, selbst Beschlag- nahme mit Entschädigung, ist die Zerstörung des von perlsüchtigen Thieren herrührenden Fleisches zu bewirken.

3. Die Sennereien, Schweizereien und Ställe sind einer besonderen Aufsicht zu unterstellen, um zu verhüten, dass perlsüchtige Milchkühe gehalten werden.

4. Die Gesundheitsbehörden sollen beauftragt werden, sich mit allen ansteckenden Krankheiten der Hausthiere zu beschäftigen, selbst wenn dieselben nicht auf den Menschen sich zu übertragen scheinen. Den Blattern, dem Rotz, der Tollwuth, dem Karbunkel und der Perlsucht werden sich unzweifelhaft andere gemeinschaftliche Krank- heiten zugesellen lassen.

Als bestes Heilwittel hat der Congress die Nahrung erkannt. Schwindsüchtige sind immer schlechte Esser; es müssen alle Mittel angewandt werden, um sie zur Ein nahme tüchtiger Nahrung zu bewegen. Der Alkohol ist ein gutes Mittel gegen die Schwindsucht.

Dank der dem Congress gewordenen Beisteuern wer- den am 1. Oktober zwei Heiſanstalten für je 60 durch Vererbung schwindsüchtige Kinder in Ormesson bei Paris und an der Seeküste eröffnet. See- wie Bergluft wirken günstig, weil sie die Esslust bei denjenigen anregen, die nicht an sie gewöhnt sind.

Ueber einen eigenthümlichen Fall von Ver- giftung durch Schinken berichtet Dr. von Rechenberg in derOhem. Ztg. Folgendes: Kürzlich wurde mir ein Stück eines Bollschinkens zur Untersuchung übergeben, der eine Vergiftung milderen Grades, in Brechdurchfall sich äussernd, hervorgerufen hatte. Der Schinken besass keine irgendwie auffaſlende Beschaffenheit. Er roch gut und völlig frisch, schmeckte gut, weder sauer, noch bitter, noch hervorragend scharf; er hatte seine gewöhnliche feste Beschaffenheit, keine schmierigen Stellen, kein beim An- schnitt farbig schillerndes Fett; die Farbe war weder auf- fallend roth oder bläulich, noch gänzlich mattgrau. Genug, ein eigentliches Fäulnissgift war sicherlich nicht anzu- nehmen, vielleicht ein Fleischgift, das sich im Fleisch eines kranken Thieres entwickelt hatte; aber berechtigter war die Vermuthung, dass weder pathogene Organismen, noch die mystischen Ptomaine, sondern einfach ein unzu- lässiges Konservesalz bei der Einpökelung oder auch eine fahrlässige Verwechselung hierbei die Erkrankung ver- ursacht hatte. Trichinosis lag nach der andererseits und auch von mir wiederholten Untersuchung nicht vor, glück-

¹) Sobald es der Raum in der Zeitschrift gestattet, werden wir Näheres über die Verhandlungen mittheilen. Red.