1. September.

Thiermedicinische

Rundschau etc. 287

die erfahrungsgemäss Prädilectionsorte für die Vermehrung und Wirkung des tuberculösen Giftes sind. Dass diese letzteren Versuchsresultate im Allgemeinen in Bezug auf die Infectionsgefahr von Seiten der Milch mehr für Bevorzugung der Sammelmilch und gegen die Benützung der Milch einer einzelnen Kuh sprechen, versteht sich von selbst.

lch wende mich nun zur Frörterung einer weiteren Frage, nämlich ob und inwiefern das Fleisch tuberculöser Thiere, namentlich der Rinder für die menschliche Gesund- heit eine Gefahr involvirt.

Bekanntlich war es ebenfalls Gerlach, der vor nahezu 20 Jahren zuerst das Postulat auf- stellte, dass das Fleisch perlsüchtiger Rinder unter allen Umständen vom menschlichen Genusse aus- zuschliessen sei, weil dasselbe im Stande sein sollte, bei Menschen Tuberculose zu erzeugen. Die über diese einschneidende Frage seitdem an- gestellten zahlreichen Versuche haben zu wider- spruchsvollen Resultaten geführt. Da bei der- artigen Fütterungsversuchen vielerlei unberechen- bare Factoren mitspielen, so erachtete ich es für nothwendig, zuerst die Cardinalfrage ex- perimentell zu prüfen, ob überhaupt das Fleisch perlsüchtiger Rinder das Tuberkel- gift enthalte oder nicht.

Aus den pathologisch-anatomischen Erfah- rungen bei der menschlichen und thierischen Tuberculose wissen wir mit Sicherheit, dass die quergestreifte Musculatur von allen Körperorganen vielleicht am wenigsten für die Entwicklung tuber- culöser Heerde disponirt ist. Ferner haben directe bacteriologische Untersuchungen gezeigt, dass Tuberkelbacillen im Blute sich nur bei acuter all- gemeiner Miliartuberculose nachweisen lassen, so dass a priori der Muskel als Vehikel des Tuberkel- giftes wenig verdächtig erscheint, namentlich bei den tuberculösen Thieren, die doch nur selten im Endstadium der Krankheit geschlachtet werden.

Nachdem zahlreiche Versuche mit Milch tuber- eulöser Kühe und sonstigen tubereulösen Produeten gelehrt hatten, dass die intraperitoneale Impfung das feinste Reagens auf sonst nicht nachweisbare In- fectiosität verdãchtiger Substanzen bildet, wurde der Versuch gemacht, aufdiesem Wege aueh die Infectio- sität des Fleisches tuberculöser Rinder zu prüfen.

Zu diesem Zwecke wurde unter Beobachtung der nothwendigen Cautelen aus dem Muskelfleisch von 12 an Perlsucht verschiedenen Grades er- krankten Bindern durch Auspressen eine mässige Menge Fleischsaft gewonnen ¹), welcher direct zu

Diese Versuchsreihe wurde im Verlaufe der letzten Monate im Patholog. Institute von Herrn cand. med. Wil- helm Kastner ausgestellt.

intraperitonealen Impfungen auf Meerschweinchen verwendet wurde. Das Resultat war, dass sämmtliche 16 Impfthiere bei der nach ent- sprechender Zeit vorgenommenen Tödtung sich als vollständig gesund erwiesen.

Diese Versuche, die ein durchaus überein- stimmendes negatives Resultat ergaben zeigen, dass das Fleisch tuberculöser Thiere nicht in- fectiös ist oder zum mindesten das Gift in so minimaler Menge enthält, dass der aus demselben gewonnene Saft bei der Impfung unwirksam bleibt.

Einen Fall von allgemeiner acuter Miliartuber- eulose, einer Form der Tubereulose, die beim Rind glücklicherweise sehr selten beobachtet wird. jedenfalls weit seltener als beim Menschen, konnten wir zu entsprechender Prüfung der Infectiosität des Muskelsaftes nicht erhalten.

Wenn ich demnach die Frage nach der In- fectiosität des Fleisches tuberculöser Thiere einst- weilen mit einigem Vorbehalt in negativem Sinne beantworten möchte, so bestätigen die mitgetheilten Versuche meine bei einer anderen Gelegenheit aus- gesprochene und begründete Anschauung ¹), dass die Gefahr von Seiten der Infection durch Milch tuberculöser Kühe eine grössere sei als von Seiten des Fleisches. Pine Infection des Fleisches derartiger Thiere wäre allenfalls ferner noch in der Weise denkbar, dass beim Schlachten und bei der Zerlegung der Thiere, namentlich bei der Auslösung tuberculös erkrankter Organe und Theile eine postmortale Verunreinigung des Fleisches mit Tuberkelgift stattfinden könnte.

Ich verzichte einstweilen auf die Erörterung aller Schlussfolgerungen, die sich aus den oben mitgetheilten Versuchsresultaten ergeben.

Die naheliegende Frage, warum bei der Tuber- culose der Rinder die Milch häufig infectiöse Figenschaften besitzt, das Fleisch der Thiere aber nicht, ist kaum mit Sicherheit zu beantworten. Da die Infection der Milch auf hämatogenem Wege stattfinden wird, so muss die während der Lactation im Zustande der functionellen Hyper- ämie befindliche Drüse als Ausscheidungsorgan fungiren, wie dies bekanntlich experimentell²) für gewisse pyogene Spaltpilze constatirt wurde, und dürften die bereits von Koch als PTräger des Tuberkelgiftes urgirten Leukocyten, die be- kanntlich in der secernirenden Drüse überaus zahl- reich sich vorfinden, dabei eine Hauptrolle spielen.

¹) Referat erstattet dem k. bayer. Obermedicinalaus- schuss am 9. März 1880. Aerztliches Intelligenzblatt No. 38, 1880.

²) Vergl. Longard, Carl, Ueber die Identität der Staphylococcen, welche in der Mlceh und in acuten Ab- scessen vorkommen. Arbeiten aus dem Pathalog. Institut zu München. Herausgegeben von O. Bollinger. Stutt- gart 1886. 8S. 182.