286
Thiermedicinische Rundschau etc.
1888. No. 23.
Weiterhin haben unsere Versuche, die man als ziemlich einwurfsfrei bezeichnen kann, mit Bestimmtheit gezeigt. dass nicht bloss bei ge- neralisirter, sondern auch bei loecaler Tuberculose der Rinder die Milch infectiös sein kann.
Vergegenwärtigt man sich nun die Thatsache, dass von den Kühen, wie sie zur Schlachtbank kommen, mindestens 5 Proc. in manchen Gegenden 7— 8 Proc.— mit Perlsucht behaftet sind, dass die Thiere meist bis kurz vor ihrem Tode noch zur Milchproduection verwendet werden, bedenkt man, dass die Kuhmilch eines der ver- breitetsten Nahrungsmittel ist, welches namentlich vielfach die Hauptnahrung der Säuglinge und Kinder bildet und sehr häufig in ungekochtem Zustande genossen wird, so liegt die Grösse dieser Gefahr, die seinerzeit von Gerlach schon mit aller Energie, aber ohne genügende Beweise be- tont wurde, auf der Hand.
Selbstverständlich bin ich weit davon entfernt, zu behaupten, dass die Milch perlsüchtiger Kühe die Hauptquelle der menschlichen Tuberculose sei. Dagegen lässt sich meines Frachtens die Thatsache anführen, dass die Tuberculose, wenig- stens beim erwachsenen Menschen, in der grossen Mehrzahl der Fälle in der Lungenspitze beginnt. eine primäre Localisation, die dafür spricht. dass das Gift meistens auf dem Wege der Inhalation in den Körper eindringt.— Fernerhin ist zu berücksichtigen, dass
zerstört wird, dass bei Mischung der Milch von gesunden und perlsüchtigen Kühen die Infectiosität
an und für sich sehr erheblich reducirt wird,
dass endlich dem Magensaft eine gewisse zer-
störende Wirkung wenigstens auf die Bacillen
vindicirt werden darf.
Auf der anderen Seite unterliegt es keinem Zweifel, dass die nicht so seltene Tubereulose der Schweine mit grosser Wahrscheinlichkeit auf Milchinfection in der Mehrzahl der Fälle beruht, dass die Tuperculose der Kühe sich sicher durch intestinale Milchinfection auf die Kälber fortpflanzt, dass ferner bei Fütterung mit tuberculösen Pro- ducten(Tuberkelmassen, Milch) nicht bloss Tuber- culose des Darmes und der Gekrösdrüsen erzeugt werden kann, sondern öfters auch Tuberculose der Lymphdrüsen am Unterkiefer und Hals, kurz anatomische Veränderungen, die gewissen Formen der Scrophulose der Kinder auf's Haar ähnlich sind. Endlich erinnere ich an die mehrfach con- statirten Fälle, wo Kinder aus gesunden Familien, die längere Zeit hindurch Milch von tuberculösen Kühen als Nahrung erhielten, an Tuberculose erkrankten und starben. Mehrere durchaus be-
durch das gewöhnliche Kochen der Milch das Gift wohl regelmässig
weisende einschlägige Fälle hat neuerdings Demme in Bern beobachtet und beschrieben.
Wie bei anderen Infectionskrankheiten spielt bei der Entstehung der Tuberculose auch die Quan- tität des in den Körper aufgenommenen Giftes eine gewisse Bolle. Um diese wichtige Frage in Bezug auf die Infectionsgefahr von Seiten der Milch experimentell zu prüfen, wurden vor Kurzem Versuche) mit verdünnter infectiöser Milch perlsüchtiger Kühe im pathologischen In- stitute angestellt. die zwar noch nicht abgeschlossen sind, aber dennoch einige nicht unwichtige Re- Sultate zu Tage gefördert haben. Aus dem nor- malen Futer einer mit allgemeiner Tuberculose pehafteten Kuh wurde Milch gewonnen, die zu einigen Tropfen, unverdünnt, bei intraperitonealer Impfung auf gesunde Meerschweinchen eine typische Miliartuberculose des Peritoneums und der übrigen Körperorgane hervorbrachte. Die- selbe Miſch in Verdünnungen von 1150, 1: 100, 1: 200 erwies sich als wirkunslos. In einer weiteren Versuchsreihe erwies sich die Milch einer anderen hochgradig perlsüchtigen Kuh un- verdünnt als virulent; bei einer Verdünnung von 1: 25 ergab sich das überraschende Resultat, dass die Eingangspforte, in diesem Falle das Peritoneum, pei der Tödtung des Impfthieres sich vollständig normal zeigte, während in der Milz, Leber, in den Lungen und in fast sämmtlichen Lymphdrüsen Sich eine ausgesprochene acute Tuberculose²) vor- fand. Bei stärkerer Verdünnung der infectiösen Mileh im Verhältniss von 1:40, 1:50. 1: 100 ergaben die Impfungen wie in der ersten Ver- suchsreihe ein durchaus negatives Resultat.
Diese wenigen Versuche zeigen so deutlich wie möglich, dass zum Zustandekommen einer tuberculösen Infection eine gewisse Menge von Gift nothwendig ist, dass der gesunde, wenig disponirte Organismus im Stande ist, ein gewisses Minimum von Tuperkelgift zu verarbeiten und unschädlich zu machen, Sätze, die wahrscheinlich auch für die Inhalationstuberculose, die in den Lungen beginnt und bekanntlich von Lippl und Tappeiner so erfolgreich künstlich erzeugt werden konnte, Geltung haben.— Ferner scheint mir jener Versuch, wo die Eingangspforte— das Peritoneum— intact geblieben ist, für die Rich- tigkeit des Satzes zu sprechen, dass für die Localisation der Tuberculose im Körper die Ein- gangspforte nicht immer bestimmend ist, da in jenem Falle nur solche Organe(Milz, Lymph- drüsen, Lunge, Leber) tubereulõse Producte zeigten,
¹) Diese Versuche wurden von Hrn. cand. med. Franz Gebhardt ausgeführt.
²) Demonstration der tuberculös erkrankten Organe des betreffenden Meerschweinchens.


