Thiermedicinische Rundschau ete.
1888. No. 22.
wie die Geſangenen, so unterliegen auch die kräftigsten Individuen, namentlich als Alcoholisten dem verderblichen Einfluss der erworbenen Dis- position. Als prägnante Beispiele der erworbenen Pisposition führe ich noch an die Tuberculose der Feuerländer, die bei uns vor einigen Jahren in Furopa öffentlich gezeigt wurden, ferner die so überaus häufige Tuberculose der Affen, die in ihrer Heimath sicher nicht an dieser Krank- heit leiden, endlich die Perlsucht der Milchkühe, die vielfach im Verlaufe von Jahren kaum den Stall verlassen und als Milchproducenten unter durchaus naturwidrigen Verhältnissen leben.
Wie bei der erblichen Belastung, verhält es sich auch bei der erworbenen Disposition: je ausgesprochener die Pisposition, um s0o geringer braucht die Infection quantitativ einzuwirken, und umgekehrt, je geringer die Disposition, um so intensiver und reichlicher müssen die Infectionskeime einwirken, um eine tödtliche Tuberculose entstehen zu lassen.
Als IV. und letzte Gruppe sind zu nennen jene Fälle von Tuberculose, wo zur erb- lichen Belastung erworbene Disposition sich hinzugesellt, eine Combination die zweifel- los den fruchtbarsten Boden für das Tuberkelgift abgiebt.
Hierher würden jene zahlreichen Fälle von Tubereulose zu rechnen sein, wo die Nachkommen tuberculöser Vorfahren solchen Schädlichkeiten ausgesetzt sind, die erfahrungsgemäss die Ent- wickelung der Tuberculose begünstigen, z. B. dem Einfluss eines Staubgewerbes, kurz der grossen Zahl von schwächenden Einflüssen, die wir schon bei Prörterung der erworbenen Disposition ge- nannt haben.
Mit diesen Darlegungen glaube ich durchaus nicht alle Schwierigkeiten ¹) beseitigt zu haben, die sich dem Einblick des Arztes in die ver- schlungenen Entwickelungsbahnen der Tuberculose hindernd in den Weg stellen. Soviel erscheint mir zweifellos: Man wird niemals den Charakter der Tuberculose als Infectionskrankheit richtig erfassen und verstehen können, wenn man die-
¹) Um nur noch ein Beispiel anzuführen: Die grosse Häufigkeit der Tuberculose in Gefängnissen und Zucht- häusern wird von Vielen Ggl. Demuth, Die Contagiosität der Tuberculose. Aerztl. Intell.-Bl. 1883) vorwiegend auf Contagiosität zurückgeführt, eine sehr plausible Erklärung, während Andere den Schwerpunkt auf die ungenügende Frnährung und den Mangel an frischer Luft verlegen.— Wie erklärt sich nun vom contagionistischen Standpunkt die enorme Häufigkeit der Schwindsucht in den Zellen- gefängnissen, welche jene der gewöhnlichen Gefängnisse weit übertrifft? So ist mir ein musterhaft eingerichtetes und verwaltetes Zellengefängniss bekannt, wo die Sterb- ichkeit an Schwindsucht 95 Proc. der Gesammtwortalität beträgt!!
selbe anderen contagiösen Processen ohne Wei- teres an die Seite stellt, 8so z. B. der Syphilis, den Pocken. Die Thatsachen drängen uns dazu, die Tuberculose als Infectionskrankheit trotz ihrer Impfbarkeit mehr in die Reihe der sogenannten miasmatischen Krankheiten zu stellen.— Bei dem nahezu ubiquitären Charakter des Tuberkel- giftes verhält sich dasselbe ungefähr wie die ubiquitären pyogenen und septischen Pilze, die allenthalben verbreitet fortwährend auf die In- vasionspforte lauern, die ihnen den Eintritt in den Organismus gestattet, um daselbst ihre ver- derbliche Wirksamkeit zu entfalten.
Trotzdem das Tuberkelgift wenigstens in unserem Khima einen rein endogenen Infections- stoff darstellt, der ausserhalb des Körpers die Bedingungen seiner Vermehrung nicht findet, verhält es sich vermöge seiner Tenacität in praxi wie ein ectogenes, überaus verbreitetes Krank- heitsgift. so dass man ohne Weiteres annehmen darf, dass wir Alle Tuberkelpilze in uns auf- nehmen sie schaden nicht, weil sie entweder in zu geringer Menge eingedrungen sind, oder weil sie durch die physiologischen Kräfte des gesunden Organismus fortwährend vernichtet werden. Mit anderen Worten: Die Gefahr der Infection ist wenigstens beim Erwachsenen viel geringer anzuschlagen als die Gefahr der Dis- position— ähnlich wie uns die pyogenen und septischen Spaltpilze und ihr Eindringen in den Körper gleichgültig sein können, wenn wir keine Verletzungen an uns tragen. Schon seit Langem vertrete ich den Standpunkt, dass die Gefahr einer Infection geringer anzuschlagen sei, als die Gefahr der erworbenen Pisposition. Aus diesem Grunde sind Aerzte und Krankenwärter viel weniger gefährdet, als die Nadelschleifer, Steinmetzen oder Gefangene.(Fortsetzung folgt.)
Mittheilungen aus Vereinen und Versammlungen.
— Bericht über die 19. Versammlung des thier- ärztlichen Vereins für die Provinz Westfalen am 21. Juli 1888 zu Hamm. Der Vorsitzende, Veterinär- Assessor Dr. Steinbach, gedachte zunächst der Trauer um den Kaiser Wilhelm I. und seinen Sohn, Kaiser Fried- rich III., theilte dann den Tod des kürzlich verstorbenen Kreisthierarzt Schrulle-Lüdinghausen mit und erklärte darauf die Versammlung mit dem Wunsche, dass sie zu gegenseitiger Belehrung und zur Förderung echter Col- legialität beitragen möge, für eröffnet.
Von den 43 ordentlichen Mitgliedern des Vereins waren 20 erschienen.
Kreisthierarzt Flindt-Wiedenbrück begründete seinen Antrag, den Ort der Vereinsversammlungen alhährlich zu


