15. August.
Thiermedieinische Rundschau etc.
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Versammlung von Aerzten keiner Entschuldigung, wenn man immer wieder den Versuch macht, diese Krankheit, die von so einschneidender Be- deutung für das Wohl und Wehe des Menschen- geschlechtes ist, zur Discussion zu stellen. Lehre von der Tuberculose hat ja zweifelschne im Verlaufe der letzten 30 Jahre namentlich in ätiologischer Richtung solche Fortschritte gemacht, dass man wohl sagen kann, dass keine Periode der Medicin, nicht Jahrtausende, sich damit ver- gleichen lassen. Ich will nur daran erinnern, dass vor nahezu 30 Jahren(1859) v. Buhl zuerst hier in München den Satz aufstellte und begrün- dete, dass die acute Miliartubereulose eine speci- fische Infections- und Resorptionskrankheit sei, dass dann Villemin(1865) die Impf barkeit der Tuberculose experimentell feststellte und dass endlich durch die Entdeckung des Tuberkelbacillus durch Rob. Koch(1882) die Pathogenese der PTuberculose ein sicheres Fundament erhielt.
Protz dieser epochemachenden und glänzenden Fortschritte, welche„das Wesen der Tuberculose anatomisch und ätiologisch in einem Grade auf- geklärt haben, dass die ältere Generation der noch lebenden Aerzte ihre kühnsten Träume er- füllt und übertroffen sicht“, sind eine Menge der wichtigsten Fragen noch immer controvers und harren der definitiven Beantwortung. Dass man auch anderswo dieser Krankheit fortwährend alle Aufmerksamkeit schenkt, geht unter Anderem daraus hervor, dass demnächst(vom 25.— 31. Juli) in Paris unter dem Vorsitz von Chauveau ein Congress stattfinden wird, welcher ausschliesslich der Berathung über die Tubereulose der Menschen und der Thiere gewidmet ist.
Die
Dagegen behauptet auf der anderen Seite ein erfahrener Curarzt, die Heredität beherrsche die Tuberculose,— im gewöhnlichen Leben sei die Ansteckungsgefahr fast gleich Null und der Schwerpunkt sei auf die erbliche Belastung zu legen. Während die Einen in der Entdeckung der Bacillen den Abschluss und die Krönung des Gebäudes erblicken, behaupten Andere: Die Tu- berkelbacillen haben nur Unheil und Verwirrung besonders bei den Klinikern angestiftet; über den- selben hat man die Pathogenese der Tuberculose ganz vergessen.— An die grosse Divergenz der Meinungen über die Schädlichkeit des Fleisches und der Milch tubereulöser Rinder sei hier nur erinnert.
Indem ich mich mit diesen Andeutungen be- gnüge, möchte ich Jeden, der sich über den gegenwärtigen Stand der Tuberculosefrage in Kürze orientiren will, auf die vor Kurzem er- schienenen klinischen Vorträge v. Ziemssen's über Aetiologie, Diagnostik und Therapie der Tuberculose verweisen, welche präcis und klar den neueren Errungenschaften Rechnung tragen, ohne die älteren Anschauungen, soweit sie einer berechtigten Kritik Stand halten, zu verwerfen — in einer Weise, dass man mit der daselbst
vertretenen Anschauung sich nur einverstanden
Wie sehr die Ansichten über die Entstehung
der Tuberculose noch immer auseinandergehen, ist Ihnen Allen bekannt und man kann den gegen- wärtigen Stand der Frage nicht kürzer charak- terisiren, als wenn man einige Aussprüche her- vorragender Forscher zusammenstellt.
Es ist noch nicht lange her, dass ein be- rühmter Pathologe über den sogenannten phthi- sischen Habitus sich dahin äusserte, dass der- selbe überhaupt nicht existire, sondern nur das Product der Tuberculose darstelle; eine Prädispo- sition für Tuberculose gebe es überhaupt nicht. Die mit der bacillären Natur der Tubereulose und ihrer Impfbarkeit so innig zusammenhängende Frage der Ansteckung und ihres Verhältnisses zur Erblichkeit wird noch jetzt in ganz entgegen- gesetzter Weise beantwortet. Von einer Seite wird behauptet, die Erblichkeit spiele in der Aetiologie der Tuberculose gar keine BRolle; das. was man als erbliche Belastung bezeichne, sei nichts als eine versteckte Form der Ansteckung, indem tuberculöse Eltern ihre Kinder inficiren.
erklären kann.
Bevor ich in die Besprechung der Aetiologie der Tubereulose eintrete, gestatten Sie mir einige Worte über die Häufigkeit und Verbreitung dieser Krankheit und deren Feststellung.
Nach meiner Ueberzeugung tritt die Unzu- verlässigkeit der Morbiditäts- und Mortalitäts- statistik gerade bei der Tuberculose sehr deutlich hervor Während die übliche Mortalitätsstatistik in der Regel nur die Lungenschwindsucht berück- sichtigt, die ja in der Mehrzahl der Fälle im Leben unschwer erkannt werden kann, kommt in Wirklichkeit die Tuberculose viel häufiger vor, als man gewöhnlich annimmt.— Ich erinnere nur an die zahlreichen Fälle von acuter Miliar- tuberculose, die ohne Section schwer festzustellen sind, an die grosse Zahl der tuberculösen Ent- zündungen der serösen Häute(Hirnhäute, Pleura, Peritoneum), an die Tuberculose der Knochen, Gelenke und Lymphdrüsen, an Lupus, Scrophu- lose, ferner an die zahlreichen Fälle von latenter oder zum Stillstand gekommener Tubereulose der Lungenspitzen oder der Lymphdrüsen, so dass es nicht übertrieben ist, wenn man behauptet, dass in grösseren Städten ca. 40— 50 Proc. aller Todesfälle(mit Ausschluss der Säuglinge) ent- weder direct auf Tuberculose als Todesursache zurückzuführen sind oder die Spuren älterer ge- heilter oder latenter Tuberculose bei der Obdue- tion nachweisen lassen.


