15. October.
Nach einer weiteren Ansprache des Directors im deut- schen Reichs-Gesundheitsamte, Herrn Geh. Rath Köhler, folgte ein Vortrag des Herrn Professor Brouarde!l aus Paris„über die Verbreitungsweise des Abdominaltyphus“ und ein weiterer Vortrag des Herrn Geh. Rath v. Petten- kofer aus München„über den hygienischen Unterricht an den Universitäten und technischen Hochschulen.“
Mit dem Congresse war eine in jeder Richtung gelun- gene Ausstellung verbunden, bei welcher auch die Thier- medicin in sehr erfolgreicher Weise vertreten war. Herr Professor Csokor vom K. k. Thierarznei-Institut in Wien hatte eine grosse Sammlung thierischer und auf den
Menschen übertragbarer Parasiten ausgestellt. Die äusserst
sauberen Präparate waren mit Gelatine auf blauen Gläsern befestigt und in mit Spiritus gefüllten Behältern, welche gut verschlossen waren, aufbewahrt. Ausserdem hatte Herr Professor Osokor von den wichtigsten Parasiten die Entwickelungsstufen durch selbst angefertigte künstlerisch ausgeführte Federzeichnungen dargestellt. Die ganze Ab- theilung erregte deshalb bei den zahlreichen Besuchern un- getheilte Bewunderuug und Anerkennung. Die Auf bewahrung der natürlichen Präparate in obiger Art haben wir trot?z ihrer grossen practischen Bedeutung bisher nirgends geschen. Nur in dem mit allen Mitteln der neueren Zeit ausgestatteten neuen Thierarznei-Institut in Budapest hat bereits Herr Prof. Hutyra im pathologischen Institut von jener Methode des Herrn Prof. Osokor Gebrauch gemacht.
Wie bereits in voriger Nummer mitgetheilt, fand be- hufs Vorberathung über das auf der Tagesordnung der III. Section stehende Thema, betreffend die Schutz- impfungen, am 28. September eine Versammlung der am Congresse theilnehmenden Thierärzte statt, denen sich auch Dr. Ghamberland, Director des Laboratoriums des Herrn Prof. Pasteur in Paris, anschloss. Das Wesentliche der Be- sprechungen sei hier in Kürze wiedergegeben. Nachdem Oberregierungsrath Dr. Lydtin zum Vorsitzenden gewählt, wurde sofort in die Berathung über den Werth der Impfung bei der Lungenseuche eingetreten.
Herr Pütz-Halle giebt in kurzen Zügen eine Ueber- sicht über den Standpunkt der Angelegenheit und peson- ders über die Frage, ob die Impfung gegen die Lungen- seuche schützt bezw. wie und wann dieselbe ausgeführt werden solle. Was die Schutzwirkung der Impfung betrifft, so sei dieselbe insbesondere nach den neuesten Versuchen in der Provinz Sachsen und zahlreicher früherer ganz be- stimmt anzunehmen. Angezeigt sei die Impfung jedoch nur in solchen Gegenden, wo, wie in der Provinz Sachsen, die Lungenseuche stationär sei, eine grosse Verbreitung gefunden habe, wegen der besonderen Wirthschaftsweise die dauernde Gefahr der Einschleppung bestehe und grosse werthvolle Viehbestände dem Angriff der Seuche ausgesetzt seien. In Gegenden, wo dies nicht der Fall, wie in den meisten Bezirken Preussens, Badens u. 8. w., der Schweiz, wäre die Ausführung der Impfung nicht anzurathen, viel- mehr schleunigste Abschlachtung der Bestände zu empfehlen. Die der Lungenseuche-Impfung zur Zeit noch anhaftenden grossen Mängel bezichen sich einestheils auf die seitherige
Thiermedicinische Rundschau ete.
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Unmöglichkeit stets eine tadellose Lymphe sich verschaffen zu können, ferner auf verschiedene Unvollkommenheiten in der Impftechnik und auf die bisher unsichere Kenntniss über die Dauer des Impfschutzes. Der Magdeburger Verein für Landwirthschaft hat in Erwägung aller dieser Um- stände auf 5—6 Jahre die Mittel für weitere Versuche be- willigt. Wünschenswerth sei, dass auch der Staat und andere grössere landwirthschaftliche Vereine die Ausführung solcher Versuche im Grossen unterstützen.
Herr Froschauer-Wien und Herr Seifmann-Lem- berg stimmen den Ausführungen des Vorredners zu.
Herr Siedamgrotzky-Presden ist gleichfalls von dem Nutzen der Lungensenche-Impfung überzengt und zwar auf Grund der im Königreich Sachsen gewonnenen Erfahrungen. Wichtig für das Urtheil sei die Methode der Impfung. Das Lungenseuche-Contagium, welches bisher noch nicht genau festzustellen gelang, ist leicht zerstörbar, flüchtig und im erkalteten Zustande für die Impfung wirkungslos. Alte Lymphe darf ebenfalls nicht verwendet werden. Diese Punkte sind bei der Methode
wichtig, wenn das Verfahren nicht unmerdienter Weise
in Misscredit kommen soll. Anwendung frischer Lymphe, Beobachtung der antiseptischen Regeln bei der Ausführung und Nachbehandlung der Impfung, sei sehr wichtig. Bei Impfungen am Schwanze ist nicht ausser Acht zu lassen, dass die anatomischen Verhältnisse für Druckgangrän an dieser Stelle disponiren.
Herr Esser-Göttingen ist als Anhänger der Schutz- wirkung der Impfung ebenfalls für Fortsetzung und Aus- dehnung der Versuche mit staatlicher Unterstützung, um insbesondere festzustellen, wie die Lymphe gewonnen und conservirt werden soll und wie lange die Impfung wirk- sam bleibe.
Herr Lydtin-Karlsruhe erklärt mit Rücksicht auf eine Angabe des Herrn Osokor-Wien in seinem Referate, dass er keineswegs, wie Csokor sagt, ein Gegner der Impfung im Allgemeinen sei. In Baden sei die Impfung nach- theilig. Hier hat schleunigst Keulung beim Auftreten der Seuche und gesetzliche Entschädigung zum vollständigen Tilgen der Lungenseuche geführt. Redner war früher Gegner der Impfung, als er in Baden einen Fall constatirte, wo durch Impfung die Lungenseuche in eine bisher freie Gegend eingeschleppt war. Im Uebrigen stimme er den Ausführungen der Herren Vorredner zu.
Herr Gsokor-Wien bemerkt, dass ihm bei Abfassung des Referats der von Herrn Lydtin angegebene Sachverhalt nicht bekannt war. Bei Abfassung seines Berichts war in erster Linie der nationalökonomische Standpunkt mass- gebend. Von diesem aus sei Noth- und Schutzimpfung von einander zu trennen.
Herr Schneidemühl-Halle ist zwar für die Wirk- samkeit der Impfung, betont aber die Schwierigkeit, auch in Lungenseuchegegenden die Rücksichten für die Impfung mit den auf Tilgung der Seuche gerichteten veterinär- Polizeilichen Massnahmen zu vereinen. Purch verspätete Ausführung der Impfung— sog. Nothimpfung in bereits verseuchten Beständen— würde viel geschadet. Es wäre
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