20 Thiermedicinische Rundschau ete.
1887. No. 2.
antifebril wirkendes Mittel aufmerksam gemacht, das„viermal stärker wirke als Antipyrin, bis jetzt noch niemals versagt habe und keine unan- genehmen, viel weniger giftigen Nebenwirkungen besitze.“
In der allgemeinen medicinischen Zeitschrift Nr. 93, 1886 hat sodann Stachiwiz aufmerksam gemacht, dass 0,25 Gramm Antifebrin soviel wirke wie 1 Gramm Antipyrin, dass der Preis des letzteren Mittels 130 Mark pro Kilo betrage, derjenige des Antifebrins jedoch nur 10 Mark.
In der Zeit dieser Veröffentlichungen wurden der hiesigen Klinik eine bedeutende Anzahl in- fluenzakranker Pferde mit hohem Fieber zugeführt und es wurde nun das Antifebrin oder richtiger Acetanilid sehr häufig verwendet und zwar mit schr befriedigendem Erfolge. Weitere Versuche insbesondere bei Hunden und Tauben ergaben, dass das Mittel auch hier bis jetzt noch niemals versagte und keine ungünstigen Nebenwirkungen erzeugte. Ich bin daher in der Lage, das Ace- tanilid als eines der Besten, wo nicht als das Beste der antifebrilen Mittel empfehlen zu können.
Das Acetanilid ist ein weisses, krystalli- nisches, geruchloses, dem Cholestearin ähnliches Pulver. Auf der Zunge erweckt es ein leichtes Brennen ist aber sonst geschmacklos. Es ent- steht durch Wasserabgabe aus essigsaurem Anilin —= C6 Hz NHz O. 00 Hz. Acetanilid-Antifebrin C6 H NfH. CHzO+ HaO.
Das Präparat ist sehr beständig, destillirt un- zersetzt, wird durch Säuren und Alkalien in ge- wöhnlicher Temperatur nicht zersetzt, ist fast unlöslich in kaltem Wasser, besser löslich in heissem Wasser, reichlich löslich in Alkohol und in diesen enthaltenden Flüssigkeiten. Es schmilzt bei 1130 und siedet pei 2930. Pie Untersuchungen von Ansorow(Allgem. med. Central-Zeitg. 1887 p. 342) ergaben, dass das Mittel dadurch wirkt, dass es, ähnlich dem Thallin, auf die regulatorischen Wärmecentren einwirkt und eine Erregung der Vasodilatatoren verursacht, so dass das erste Symptom in einer Dilatation der peripheren Gefässe und leichter Erhöhung der äusseren Hauttemperatur pesteht, Symptome,
die mit Sicherheit durch Irritation des Nervus
ischiadicus abgeschwächt werden können. Ueber die Zersetzung des Antifebrins im Körper ist von Wendriner(Allgem. med. Central-Ztg. 1887 Nr. 1) mitgetheilt, dass sich das Mittel weder
als solches, noch als Anilin im Harne vorfindet,
sondern nur, dass sich bedeutende Mengen Phenol zeigen und zwar 2— 3 Proc. der genommenen Menge, dass sich die übrige Ausscheidung vorerst noch der Kenntniss entziehe, wahrscheinlich aber werde es als Ammoniumacetat aus dem Körper entfernt.
Auf Grund von Thierversuchen ist das Mittel beim Menschen angewendet worden und ich habe aus den zahlreichen(nahezu aus 200 Beobach- tungen zusammengestellten) Berichten folgendes über die Wirkung des Mittels anzuführen: Das Mittel wirkt stets sicher, die Pemperatur Fieber- kranker herabsetzend, und hat bis jetzt von sämmt- lichen bekannt gewordenen Anwendungen nur ein- mal keine temperaturherabsetzende Wirkung ge- habt, doch sei gerade in diesem Falle auch das Thallin wirkungslos gewesen. Die Einzeldosis ist beim Menschen 0,25— 0,1 Gramm. Seine Wirkung ist mehr als doppelt so kräftig wie Antipyrin oder Thallin. Das Mittel hat keine unangenehmen Nebenwirkungen. Die Körper- temperatur wird rascher und andauernder herab- gesetzt im Decrescenzstadium des Fiebers, als wie im Stadium der Acme. Die Temperatur- erniedrigung erfolgt 2— 3 Stunden nach der Ein- führung in den Körper und dauert 3—5 Stunden an, sodann erfolgt wieder ein anfangs langsames, später rasches Ansteigen im Stadium der Acme bis zur alten Höhe oder darüber, im Decrescenz- stadium erreicht aber der Anstieg die alte Tem- peraturhöhe nicht mehr. Durch das Antifebrin konnte bei Typhus die Temperatur durch häufig wiederholte Gaben nicht dauernd tief erhalten werden. Nach Kowacs(Allgem. Central-Ztg. 1886 Nr. 13) und nach andern Beobachtern nimmt Puls und Blutdruck durch das Mittel ab, was jedoch Krüger bestreitet. Von den namentlich gefürchteten Nebenwirkungen anderer fieberwidri- ger Mittel: grosse Schweissbildung, Erbrechen, Schüttelfröste, Kollaps etc. traten bei Antifebrin- anwendung keine auf. Nur selten entsteht ein leichtes Frösteln, häufige aber angenehmeSchweiss- bildung und Piurese. Das Mittel wird vom Magen sehr gut ertragen, wirkt jedoch nach Heinzel- mann(Münchner med. Wochenschr. 1887 Nr. 3) ebenfalls, wenn es hoch in das Rectum gebracht wird, woselbst es ebenfalls gut ertragen wird und von wo aus die Wirkung rascher(Schon nach einer Stunde) auftritt, wenn die Posirung eine gleichhohe war. Krüger(Centralbl. f. Medie. 1886 Nr. 44) rühmt das Mittel als hervorragendes Desinficiens, angewandt als Pulver, in Lösung mit Aether oder Collodium oder in Krüllgaze bei der Wundbehandlung. Eine specifische Wirkung will Riese(Deutsche med. W. 1886 Nr. 47) beob- achtet haben bei Polyarthritis. Fürbringer(Berl. Kl. W. 1887 Nr. 1) hat es Hunden in Dosen bis zu 6 Gramm in die Blutbahn gegeben und konnte diese hohe Gabe durch 7 Tage fortgesetzt werden, bis Vergiftungserscheinungen auftraten; diese bestanden in lähmungsartigen Erscheinungen, Schwäche des Hintertheiles, Ohnmacht, Krämpfe und Tod. Auf das Kilo Körpergewicht berechnet


