1. October.
Thiermedicinische Rundschau ete. 6
das mir bereits beim Ankauf den Verdacht auf Vorhandensein von Dummkoller erweckte. Der Besitzer, von mir hierauf aufmerksam gemacht. nahm aber von BRegressansprüchen gegen den Verkäufer Abstand, weil das Thier schr billig im Preise war und im übrigen sehr gute Eigen- schaften für den Lastdienst besass.(Kräftiger Körperbau, gute Ernährung, angenehme Umgangs- formen). Beim Gebrauch zeigte das Pferd ausser zeitweise stärker auftretender Trägheit keine dem Besitzer auffällige Erscheinungen. Erst als die heisse Jahreszeit kam, steigerten sich die den Ge- brauch störenden Eigenthümlichkeiten des Pferdes
erheblich. Häufig setzte das Thier inmitten der Arbeit aus, und war dann durch noch so ein- grosses Erstaunen über die vollständige Ver-
dringliche Ermahnungen nicht von der Stelle zu bringen. Im Stalle untergebracht zeigte das Thier verminderte Fresslust, stand lange Zeit mit Heu im Maule vor der Krippe, war sehr schwer zum Seitwärtstreten zu bewegen und war im Uebrigen gegen alle äusseren Finwirkungen sehr gleich- giltig. Durch diese Wahrnehmungen angeregt, veranlasste der Besitzer nun eine ärztliche Unter- suchung und Behandlung des Thieres. Die von mir vorgenommene Untersuchung ergab die An- wesenheit der bekannten klinischen Zeichen des Dummkollers. Verschiedene Umstände veran- lassten mich, nicht sogleich einen Versuch mit Pilocarpin zu machen. Vor allem wollte ich sehen, wie weit ich mit anderen bisher üblichen Me- thoden kam. Ich ordnete entsprechende Diät an, untersagte den Gebrauch des Thieres während der warmen Tageszeit und machte schliesslich auch eine scharfe Einreibung auf die Haut der Hinterhauptsgegend. So vergingen vier Wochen. Eine wesentliche Aenderung in dem Befinden des Thieres konnte ich nicht nachweisen.
Ich versuchte nun die Anwendung des Pilo- carpins. Gemeinsam mit Herrn Dr. Nagel, erstem Assistenzarzt an der psychiatrischen Klinik hiesiger Universität, welcher sich für die Behand- lungsmethode interessirte, stellte ich vor der In- jeetion nochmals den gesammten klinischen Be- fund des Dummkollers fest. Ich injicirte dann 1,0 Pilocarp. hydrochl. gelöst in Aq. destill. 6,0 am Halse unter die Haut des Pferdes. Schon nach 3 Minuten konnten wir den Beginn der Erscheinungen nachweisen, welche Ellenberger bereits beschrieben hat. Starkes Speicheln trat ein. Beim zeitweisen Oeffnen des Maules floss eine grosse Menge Speichel in starkem Strom heraus. Im weiteren Verlauf wurde das Thier etwas unruhig. legte sich öfters nieder, wobei jedes Mal Defaecation eintrat, wenn das Pferd sich erhoben hatte. Das Athmen erfolgte an- gestrengt und häufig, 30 mal in der Minute. Der kleine Puls war 40 mal in der Minute zu fühlen.
Klemm empfahl 1,0 zu geben.
Man konnte eine erhebliche Mattigkeit des Thieres beobachten. Nach Verlauf von 2 Stunden war Patient ruhig geworden, die Speichelsecretion war sehr zurückgegangen. Am dritten Tage nach der Pilocarpininjection sah ich das Pferd wieder. Die Veränderung im Befinden des Thieres war eine erhebliche. Ich würde kaum im Stande ge- wesen sein, dieses Pferd unter einer grösseren Zahl gesunder als krank herauszufinden. Aufmerk- sam auf die Umgebung, trat das Thier sehr leicht auf Zuruf herum, nahm Heu von der Krippe und zeigte eigentlich keine besonderen Krankheits- erscheinungen mehr. Als ich nach zwei weiteren Tagen den Patienten wiederum gemeinsam mit Herrn Dr. Nagel besuchte, äusserte dieser sein
änderung in dem Befinden des Thieres. Das Pferd ist dann zur Arbeit wieder verwendet worden, wobei die Kutscher eine Abweichung in dem Verhalten gesunder Pferde nicht mehr nachweisen konnten.
Diesen Thatsachen gegenüber bin ich also im
Stande, die Angaben des Herrn Klemm vollauf
bestätigen zu können. Wenn dagegen Herr Schleg(Bericht über das Veterinärwesen im Königreich Sachsen für 1886), welcher zwei mit Dummkoller behafteten Pferden täglich zwei In- jectionen von 0,1 bis 0,2 ansteigend gemacht und keinen Erfolg geschen hat, erklärt, dass dem Pilocarpin kein Vorzug vor der diätetischen Be- handlung zu geben sei, so erscheint diese Be- hauptung sehr voreilig. Gewiss wird Pilocarpin nicht in allen Fällen mit gleichem Erfolge an- gewendet werden. Schleg hat aber gar nicht die zum Urtheil erforderliche Dosis angewendet. 2 Schleg wendet den zehnten Theil an. PEine Berechtigung zu obigem Urtheil liegt also nach dem Versuche von Schleg nicht vor. Immerhin wird es an Misserfolgen nicht fehlen, wie dies einzelne Ver- suche an der Thierarzneischule in Dresden lehren, bei denen jedoch meist auch nur kleine Dosen verwendet wurden.
Prweisen sich die Versuchsergebnisse meist als gleichlautend, so wird die thierärztliche Wissen- schaft und besonders die thierärztiche Praxis um Erfolge reicher, wie solche in der Menschen- medizin auf dem Gebiete der inneren Therapie in gleicher Weise kaum zu verzeichnen sind. Eben- bürtig würde sich die Pilocarpininjection bei Dummkoller, der Eserinbehandlung bei Verstopf- ungskolik und der intratrachealen Einverleibung des Jod bei morbus maculosus anreihn. Insbe- sondere wird der therapeutische Erfolg bei Dumm- koller von hohem Werthe für Erhaltung eines grossen Theils unseres Nationalvermögens und für die Vermeidung zahlreicher kostspieliger und unangenehmer Viehprocesse sein. Während bisher
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