294 Thiermedicinische Rundschau ete.
1887. No. 24.
Bacillen oder verdächtige Knötchen.— Der ein- zige in der menschlichen Pathologie bekannte Fall von wahrscheinlicher congenitaler Tuberculose ist der bereits im Jahre 1873 von Charrière mitgetheilte: Eine 29 jährige Frau gebärt nach 4 monatlicher Erkrankung an Pleuritis und käsiger Pneumonie im achten Monat der Schwangerschaft ein Kind, welches nach drei Tagen stirbt und pei der Section mit allgemeiner Tuperculose besonders der Abdominalorgane pehaftet sich erweist. Die Mutter stirbt im Wochenbett an Lungentuber- culose.— Bei Kälbern, die in den ersten Lebens- wochen mit Tuberculose pehaftet gefunden wurden, ist man berechtigt, die Krankheit wenigstens theil- weise als congenital zu betrachten, wie dies namentlich von Johne in mehreren Fällen— einmal sogar bei einem Kalbsfötus— constatirt wurde. Wie selten derartige Vorkommnisse sind. geht daraus hervor, dass im Schlachthause zu Berlin im Jahre 1885/86 unter 78 700 geschlach- teten Kälbern nur 7 Stück= 0.0009 Proc. mit Tuberculose behaftet gefunden wurden. Bei zwei 4 und 6 Wochen alten Kälbern war ein so hoher Grad von Tuberculose vorhanden, dass man unter Berücksichtigung des regelmässig chronischen Verlaufs der Tuberculose beim Rind berechtigt war, dieselbe für angeboren zu halten.
Scharlach. Von Leale wurden vor einigen Jahren in Bestätigung anderweitiger Erfahrungen zwei Fälle von intrauteriner Scharlachübertragung mitgetheilt. In einem Falle zeigte das kräftig entwickelte Kind, welches 14 Stunden nach der Eruption von einer scharlachkranken Mutter ge- boren wurde, charakteristische Symptome des Scharlach. Während die Mutter 56 Stunden nach der Geburt dem Exanthem erlag, wurde bei dem Kinde, welches vom 10.— 17. Lebenstage ein deut- liches Desquamationsstadium beobachten liess. Genesung constatirt. Auch im zweiten Falle plieb das intrauterin inficirte Kind am Leben, während die Mutter 48 Stunden nach der Ge- purt starb.
Erysipel. Die intrauterine Uebertragbarkeit des Erysipels wird durch folgenden von Lebedeff mitgetheilten Fall bewiesen: Eine Schwangere wurde einige Wochen vor der Geburt von einem Erysipel dér unteren Extremitäten befallen und überstand die Krankheit. Ein schwach entwickeltes Kind von 1300 g Gewicht wird leicht geboren und stirbt nach 10 Minuten. Die Haut zeigt zahlreiche Excoriationen in Form rotRer Flecken, unterbrochen von weisslichen, etwas erhabenen Inseln. Die mikroskopische Untersuchung ergiebt Erysipelcoccen in den ILymphbahnen und Spalten
namentlich der Subcutis, ferner Coccen im Gewebe
des Napelstranges, während sie im Blüte und im Placentargewebe fehlten.
Auf die nicht selten beobachtete und schon lange bekannte intrauterine Infection von Pocken und Syphilis soll hier nicht weiter eingegangen werden. Der perniciöse Einfluss der elterlichen Syphilis auf die Frucht ergiebt sich deutlich aus neueren Angaben von Fournier, der auf Grund einer umfassenden Statistik mittheilt, dass die Syphilis der Eltern 68 Proc. der Kinder tödtet, wobei letztere entweder todt geboren werden oder bald nach der Geburt zu Grunde gehen. Bei den ärmeren Klassen steigt diese Zahl sogar auf 86 Proc. Die besondere Gefahr der mütterlichen Syphilis ergiebt sich aus der Thatsache, dass von 44 syphilitischen Frauen nur eine einzige ein lebendes Kind zur Welt brachte.
Aus allen diesen Erfahrungen geht hervor, dass der grossen Mehrzahl der pathogenen Mikro- organismen die Fähigkeit zukömmt, die placentare Scheidewand zu passiren und eine intrauterine Infection des Fötus. die man als eine besondere Form der Contactinfection auffassen kann, zu bewirken. Eine Scala der verschiedenen Infections- krankheiten in dieser Richtung aufzustellen, dürfte verfrüht sein. Nur ausnahmsweise geht das Anthraxgift auf den Fötus über und so gut wie gar nicht— wenigstens beim Menschen— das Gift der Tuberculose. Welche Momente hier hauptsächlich in Betracht kommen, ist einst- weilen schwer zu sagen. Auf alle Fälle spielen das biologische Verhalten der Organismen(Grösse, Eigenbewegung etc.), die Dauer der einzelnen Infectionskrankheit, das physiologische und patho- logische Verhalten der Placenta(abnorme Durch- lässigkeit der Gewebe in Folge der allgemeinen Infection) und ähnliche Dinge eine Rolle. Dass der intrauterine Uebergang pathogener Mikro- phyten vielfach von Zufälligkeiten abhängt, lehren die mitgetheilten Beobachtungen bei Anthrax, Wuth und Variola, wo von mehreren Föten ein Theil sich als infieirt erwies, ein anderer von der mütterlichen Krankheit verschont blieb. Im Allgemeinen verhalten sich die organisirten In- fectionserreger ähnlich wie unbelebte corpusculäre Stoffe, die in dem einen Falle die Placenta passiren, in dem anderen nicht, ohne dass sich die Ursache sicher nachweisen lässt.— Die vorliegenden Er- fahrungen, die auf diesem experimentell so leicht zugänglichen Gebiete noch viefacher Ergän?zung pedürfen, beweisen im Allgemeinen, dass es für die pathogenen Mikroorganismen in der Mehrzahl der Fälle kein Hinderniss im lebenden Körper giebt, welches deren Verbreitung in den Organen oder von einem Organe auf das andere ernstlich entgegensteht. Genau wie die pathogenen Mikro- phyten in die unverletzte Haut, die Schleimhäute, die serösen Häute, in die normale Lunge einzu-
dringen vermögen, wie diese kleinsten Wesen


