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Thiermedicinische Rundschau ete.

1887. No. 23.

Schwied in den berittenen und fahrenden Abtheilungen des Beeres und die Berathung der Civilyerwaltungsstellen durch Medicinalbeamte, weſchen der Thierarzt nur als Hand- langer zu dienen hat.

In der That war zu jener Zeit dieKunst, Thiere zu heilen nochkurz. Es konnte sich in den Schulen nur darum handein, den Schülern im Laufe von 18 20 Monaten einige Kenntnisse über den äusseren und den inneren Bau, die Verrichtungen und die Krankheiten der Hausthiere, Sowie üper die Heilmittel beizubringen und die Leute in den verschiedenen Operationen, die auch schon vor Er- richtung der Thierarzneischulen an den Thieren gemacht wurden, zu üben. Es musste handwerksmässig auswendig gelernt und Arm und Hand an bestimmte Thätigkeiten mechanisch gewöhnt werden. Eine Vorbildung konnte man von den Schülern in kaum höherem Masse verlangen, als diejenige, welche durch Apsolvirung der Volksschule erreicht wird.

Die Zusammensetzung des Lehrkörpers, in welchem gewöhnlich nur ein hervorragender Lehrer sich befand, die Vertheilung des Lehrgeschäftes unter die Lehrer, wobei einem und demselben Manne ganz verschiedene Fächer überwiesen wurden, und die geringe Selbständigkeit der Schüler, bedingt durch das geringe Mass ihrer Vorbildung, erforderten eine strenge Schulzucht, die von dem ersten Lehrer, dem technischen Vorstand der Anstalt, auszuüben war. Dass man derartigen Lehranstalten nur einen niederen Rang beilegte, sie einfachSchulen und die in denselben unterrichteten jungen LeuteSchüler, Zöglinge oder Eleven nannte, war den Verhältnissen vollkommen entsprechend.

Der Tüchtigkeit und der Strebsamkeit verschiedener Phierheillehrer einerseits und practischer Thierärzte anderer- Seits war es zu verdanken, dass trotz der engen Grenzen, welche dem thierärztlichen Unterricht und der thierärzt- lichen Praxis gezogen waren, die Nützlichkeit des Thier- heilwesens für das Allgemeinwohl insbesondere für die Landwirthschaft hervortrat und zugleich auch die Erkennt- niss geweckt wurde, dass die natürliche Entwicklung der thierärztlichen Unterrichtsfächer den Nutzen des Thierheil- wesens entsprechend vermehren werde. Zudem erkannte man allgemein, dass neben der Erweiterung und Vertiefung der pereits gelehrten Disciplinen noch weitere zu lehren seien, wie die Veterinär-Hygiene, die Lehre von der Thier- zucht, die Lehre von der Veterinärpolizei, die gerichtliche Phierheilkunde u. s. w., um den erwähnten Nutzen zu fördern. Die Vermehrung der Lehrfächer machte die Ver- längerung der Lehrzeit, welche bis dahin auf 2 Jahre durch- Schnittlich bemessen war, die Verstärkung des Lehrkörpers, die Erweiterung der Lehranstalten. vor Allem aber die Erhöhung des Vorbildungsmaasses für die angehenden Schüler nothwendig.

Schon ehe diesen Anforderungen durch die hohen Regierungen entsprochen wurde, war man zur Einsicht gekommen, dass die Ausbildung höherer Veterinäre noth- wendig sei, theils um die Lücken in den Lehrkörpern aus- zufüllen, theils um tüchtige Lehrer für die errichteten Landwirthschaftschulen zu gewinnen, theils um die Re- gierungen, hauptsächlich bei der Bekämpfung der Vieh- seuchen, zu berathen und 7u unterstützen. So gelangte man in Deutschland und in Oesterreich zur Ausbildung von Thierärzten erster und zweiter Klasse, nach dem Vor- pilde der medicinischen Organisation, wo es auch Aerzte in verschiedenen wissenschaftlichen Abstufungen gab.

Als nun um die Mitte des laufenden Jahrhunderts die Landwirthschaft mit Hilfe der Wissenschaft einen gan? erheblichen Aufschwung genommen und die Stellung des Hausthieres, die Hausthierhaltung und die Hausthierzucht eine wesentiiche Veränderung durch die Umstände erfahren hatte, dass durch die Vermehrung, Prleichterung und Ab- kürzung der Verkehrswege ein lebhafter Handel mit Thieren, Fleisch und andern thierischen Produecten entwickelt und

der Werth der Hausthiere und ihrer Producte stetig gestiegen war, so wurde allseitig das Bedürfniss nach mehr und nach pesscren Thierärzten wach und ausgesprochen.

Inzwischen hatten die Thierarzneischulen und die practischen Thierärzte das Mögliche geleistet, um nicht allein den höheren Anforderungen der Landwirthschaft zu genügen, sondern auch zu peweisen, wie nützlich die Ve- terinärmedicin für die Medicin und unentbehrlich für die allgemeine Hygiene ist. Denn in Folge des Aufschwunges der Thierzucht und der Lebhaftigkeit des Vichhandels waren verheerende Viehseuchen nicht allein hänfiger ge- worden, sondern sie bürgerten sich auch ein, während sie früher nur periodisch in Folge von Kriegen erschienen waren. Jetzt galt es dieselben zu bekämpfen und womög- lich zn tilgen. Hier versagte der medicinalpolizeiliche Apparat den Pienst und der Thierarzt musste als selb- ständiger Techniker vorgerufen werden.

Durch physiologische Arbeiten an den Thierarznei- Schulen wurden Probleme, welche zu den dunkeln der Physiologie gehörten, zum Nutzen der Mediein, insbeson- dere der Chirurgie, aufgeklärt. Die Lehre von der Wirkung der Arzneien erhielt eine wissenschaftliche Grundlage durch den Thierversuch, welcher in den Thierarzneischulen haupt- sächlich gepflegt wurde. Die Ansteckungsfähigkeit ver- schiedener Thierkrankheiten wurde geprüft und die Art und Weise der Uebertragung derselben näher erforscht. Der Ursprung vieler menschlicher Krankheiten, welche heute unter dem Namen Zoonosen zusammengefasst werden, wurde im Körper der Hausthiere entdeckt und hiermit nicht allein der enge practische Zusammenhang zwischen Mediein und Veterinärmediein erkannt, sondern auch die Aussicht auf ein neues Gebiet eröffnet, das im Interesse der allgemeinen Wohlfahrt zu pflegen war, nämlich die polizeiliche Veberwachung des Verkehrs mit Nahrungs- mitteln, welche aus dem Thierreich stammen. Der Natur der Sache entsprechend, fiel die Bearbeitung dieses neuen Gebietes wiederum der Thiermediein zu.

So wuchs die Aufgabe des Thierheilwesens von Jahr

zu Jahr. Der Thierarzt zweiter Klasse konnte unter solchen Verhältnissen nicht mehr genügen, er wurde beseitigt;

aber auch der Thierarzt erster Klasse musste sich besser vor- und tüchtiger ausbilden, wenn er etwas leisten wollte.

In Folge dessen wurde das Vorbildungsmass für die angehenden Schüler hinauſgerückt bis zur Reife für die Prima eines Gymnasiums oder einer Realschule erster Ord- nung, bei welcher das Latein obligatorischer Unterrichts- gegenstand ist, oder einer durch die zuständige Central- pehörde als gleichstehend anerkannten höheren Lehranstalt. Ferner liess sich das Studium der Fächer, wie Anatomie der Hausthiere und Histologie, Physiologie, allgemeinen Pathologie und Therapie, Materia medica nebst Toxikologie, Pharmaßologie pathologische Anatomie, specielle Pathologie und Therapie, Chirurgie, Akiurgie, Theorie des Hufbeschlags, Diätetik, Thierzuchtlehre, Geburtshilfe, Lehre vom Exterieur, Veterinärpolizei, gerichtliche Thierarzneikunde, Klinik und Geschichte der Thierheilkunde mit Prfolg nicht betreiben, ohne dass eine gründliche naturwissenschaſtliche Ausbildung des Studirenden vorausgegangen war, insbesondere ein ein- gehendes Studium der Botanik, der Zoologie, der Physik und der Chemie.

Es erfolgte deshalb die Bekanntmachung des Herrn Reichskanzlers vom 27. März 1878, welche vorschreibt, dass der thierärztliche Candidat mindestens nach drei Semestern, die er an einer Thierarzneischule oder an einer anderen höheren wissenschaftlichen Lehranstalt zugebracht hat, ähn- lich wie der Medieiner, die naturwissenschaftliche Prüfung aplegen muss, wenn er später die thierärztliche Fach- prüfung bestehen will.

Die Erweiterung, Vertiefung und Vermehrung der eigentlichen Fachdisciplinen machte ausserdem eine noch- malige Verlängerung der Studienzeit von sechs Semestern